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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Dr. Blochs Wochenschrift Seite 741 Nr. 45 „Affaire" beleuchten und. reich an tragischen psychologischen Momenten und Zeitschilderungen,. historisch sehr roertvoll sind. Wir skizzieren hier den Inhalt. Am 4. Mai 1737 zeigte die Frau des Flottenkapitäns Wosnizyn aus Moskau ihren Mann schriftlich bei der Moskauer Synodalverwaltung an,-daßer auf einer Reise nach Polen, von welcher er unlängst 'zurückgekehrt war, und zwar im Städtchen Dubrowno, „vom heiligen christlichen griechisch-orthodoren Glauben abgesallen ist und den jüdischen (shidorosty) angenommen hat", wobei sw sich hauptsächlich aus Aussagen zweier seiner Leibeigenen stützte, die ihn nach Polen begleitet hatten. Die Bekehrung sollte'durch den Juden Boroch Leibow geschehen sein. Wosnizyn wurde verhaftet und einem strengen Verhör unterworfen. Die Beschuldigungen waren hauptsächlich folgende: er trug kein Kreuz, betete nach jüdischem Ritus mit dem Gesicht zur Wand, wobei er einen Talis anhatte — interessant ist die Schilderung dieses Kleidungsstückes und seiner Anwendung, sowie der jüdischen Gebräuche im allgemeinen —. er beobachtete Sabbat, atz am Pesach Mazott, schachtete Geflügel nach jüdischem Ritus und war beschnitten. Dazu vernichtete er die Heiligenbilder aus den Kapellen >einer Dörfer und verübte Gotteslästerung. Auf Befehl der allerheiligen Synode blieb Wosnizyn in strenger Einzelhaft in Ketten, mit grötzter Vorsicht bewacht, damit er mit Hilfe der Juden durch Bestechung der Wärter oder äus andere Weise nicht flüchten könnte, und niemand wurde, zu ihm zugelassen. Der Jude Boroch Leibow (oder Gljebow) wurde auch ausfindig gemacht und in Einzelhaft gebracht. Derselbe, 64 Jahre alt, hatte schon früher einen Prozetz wegen Lästerung der christlichen-russischen Religion, angeklagt durch russische Kaufleute. — Nach mehreren Verhören, bei Boroch ohne Anwendung der Folter, bei Wisnizyn aber unter grausamen Folterqualen, wurde die Sachlage der Kaiserin Anna Joannowna vorgelegt. Diese befahl dem Senat, kurz und schnell die Sache .zu entscheiden und nach aller Strenge zu urteilen. Beide Angeklagten wurden zur öffentlichen Verbrennung verurteilt. Der Jude Schmerl, Schwiegersohn Borochs, der mitangeklagt war, wurde wegen Beweismangel in Freiheit gesetzt. Im allerhöchsten Befehl der Kaiserin vom 3. Juli.1738 heitzt es u. a.: ..Beide sollen mit dem Verbrennungstode bestraft werden, damit, dies sehend, andere Unwissende oder Gotteslästerer vom christlichen Glauben nicht. abfallen, und solche Verführer wie der Shid Boroch niemanden zum Abfall zu bewegen wagen." Die, Verbrennung wurde bis zur Abreise der Kaiserin nach Peterhos verschoben. da sie nicht wollte, datz die Erekution bei ihrer Anwesenheit in St. Petersburg geschehe. Nach einigen Tagen machte dann das Justizkollegium öffentlich. bekannt, datz die Exekution am 15. Juli 1738 um 8 Uhr morgens auf der Admiralitätsinsel geschehen werde, und forderte alle Leute jeden Standes zum Zufchaüen bei der Erekution auf. Zur Belohnung für ihre Anzeige erhielt die Frau Wosnizyns auf Befehl der Kaiserin 100 Leibeigene, außer einem Teil des Eigentums ihres Mannes, welches sie mit der Schwester desselben teilte. Interessant ist, datz auch die Frage aufgeworfen wurde, die Leibeigenen Wosnizyns, die wahrheitsgemäß gegen ihren Herrn ausgesagt haben, zur Belohnung von der Leibeigenschaft zu befreien. Der Senat entschied aber, datz sie befreit zu werden nicht verdienen, da sie ihren Herrn nicht selbst angezeigt haben, sondern erst nach der Anzeige seiner Frau. Sie wurden deshalb nicht freigelassen, sind aber der Frau Wosnizyns, nicht seiner Schwester, zuerteilt worden, damit letztere an ihnen den Tod ihres Bruders nicht räche. Der Prozetz Wosnizyn hat sicher die spätere antijüdische Politik der Regierung beeinflußt, und es steht außer Zweifel, datz dieser Prozeß und ' die Tatsache, datz ein Adliger und Offizier zum Judentum bekehrt wurde, in den darauffolgenden Repressalien gegen die Juden eine Rolle gespielt haben. Die Befehle vom Jahre 1739, die Juden aus Kleinrutzland auszuweisen, und von 1741, der Kaiserin Elisabeth Petrowna „alle Juden jeden Standes aus Klein- und Erotzrutzländ aus Städten und Dörfern auszuweisen", sind vielleicht noch Nachklänge dieses Prozesses. Hagirgafchi. Unter den Volksstämmen, die zur Zeit des Zuges der Israeliten ins gelobte Land dasselbe bewohnten, w rd auch der Stamm Girgaschi erwähnt, meist als letzter. Er scheint demnach minder bedeutend als dse anderen gewesen, zu sein. Er stammt, der Bibel zufolge, von Kenaan, dem Sohne Chams, ab. Bei der Landnahme unter Josua und den hiebei stattgefundenen Kämpfen kommt dieser Stamm nicht mehr vor und wird überhaupt in der Bibel nicht mehr erwähnt. Eine Erklärung hiefür findet sich in einer Stelle des Talmud: {nsn n# 2TP 'wnn Der Girgaschi-Stamm verließ das Land. Die Gegend im Lande, wo dieser Stamm ansässig gewesen, wird nirgends angegeben. Auf einigen historischen Landkarten findet er sich im Zentrum des Landes, am reckten Ufer des Jordans, etwa im Gebiete Ephrajims. Das Schicksal der anderen Stämme ist bekannt. Die von den Eroberern nicht vertilgten Einwohner verblieben im Lande und assimilierten sich allmälig mit dem israelitischen Volke. Im Weltreich Alexanders des Großen verschwanden die letzten Reste der kaum noch dem Namen nach bestehenden kleineren Völkerschaften j ner Gegenden. Nur die Hauatnation, das Volk Israel, blieb aufrecht. Was war aber aus den ausgewanderten Girgaschi geworden? .Ein ganzer Volksstamm verliert sich doch nicht so leicht. Bekanntlich w.rd das hebräische Gimel (:) in analogen Wörtern verwandter semitischer Sprachen mehrfach wie dsche ausgesprochen. Ferner wurde das hebräische Schin (v) von jeher von einem großen Teil der Juden selbst wie S ausgesprochen. Die Girgaschi der Bibel wurden also in anderen Sprachen Dschirgasi genannt. Nun lebt im Kaukasusgebirge seit den ältesten Zeiten der bekannte Stamm der Dcherkessen, auch Cireassier und ähnlich genannt. Die Bevölkerung des Kaukasus besteht bekanntlich seit jeher aus zahlreichen, kleinen Völkerschaften, die aus verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten hieher geraten find und ihre Namen und nationalen Eigentümlichkeiten mehr oder minder sich erhalten haben. Man kann nun mit ziemlicher Gewißheit annehmen, daß die im Kaukasus lebenden Circassier derselbe Volksstamm Girgaschi ist, der seinerzeit auswanderte. Dieselben haben wohl die nächst gelegenen, stark bevölkerten, nördlichen Provinzen durchzogen und sich schließlich im Kaukasus niedergelassen, woselbst sie die ganze Zeit hindurch an der Seite der anderen kleinen Völkerschaften ihren Namen bewahrt haben. Ihr sonstiges Schicksal ist bekannt: Annahme der mohammedanischen Religion und schließlich Unterwerfung durch Rußland. Es wäre interessant, nachzuforschen, ob sie Traditionen bis zum Ursprünge besitzen und ob irgendwelche Stammeseigentümlichkeiten bis in j ne Epoche zurückreichen. V. J. H. Roosevelt gegen Englands Haltung gegenüber der russischen Judenfrage. Roosevelts Organ ..The Globe" tritt abermals mit einem scharfen Artikel gegen die russische Judenverfolgung hervor. In dem hochpolitischen Artikel heißt es u. a.: „Die Judenfrage in Rußland ist nicht mehr eine russische Frage, sie ist eine Weltfrage geworden. Was jetzt nottut, ist der einhellige Protest des erwachten Gewissens der Welt gegen die monströsen Verbrechen, die Rußland gegen seine schutzlose Bevölkerung begeht. England sollte seine Hände fernhalten von einer Mörderbande in hohen russischen Stellungen. Vor einer Dekade waren es französische Finanziers, die Rußland die Fortsetzung ihrer verrückten Karriere ermöglicht haben und heute ist es England, das dem finkenden Glücksstern Rußlands durch den Pakt von Reval wieder zum Steigen verhelfen will und auf diese Weise seine eigene Geschichte verleugnet und die Hoffnungen der Menschheit enttäuscht. _ Der Staatssekretär des Staates Rewyork Zum Staatssrekretär des Staates Rewyork dürfte bei den nächsten Wahlen abermals ein Jude gewählt werden. Beide Parteien, die demokratische sowohl als wie die republikanische haben Juden als ihre Kandidaten nominiert. Der Kandidat der Republikaner ist der gegenwärtige Staatssekretär Samuel König, während die Demokraten Eduard Lazansky, gleichfalls Jude, kandidieren. Der Aeroplan eines jüdischen Ersinders. Die Pariser Fachzeitschrift für Flugtechnik „Aero" meldet, daß ein gewiffer M. Blindermann aus Nikolajew in Rußland einen neuartigen Aeroplan erfunden habe, dem die hervorragendsten

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