Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rr 45 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 739 immer zu für uns verhängnisvollen Handlungen gelangen, zu Handlungen, für die ich kein besseres Wort weiß, als jenes Von Thiers 1870 gebrauchte: „6'est plus qu’ une crime, c’esfc une faute“. („In der Politik find Fehler schlimmer als Verbrechen.) Eine Katholische Protestversammlung. Ein Protestkomitee katholischer Männer Wiens hatte für Sonntag nachmittags in die Volkshalle des Rathauses eine Protestversammlung einberufen, um gegen die Beleidigung des Papstes durch den Bürgermeister von Rom, Ernesto Nathan, Verwahrung einzulegen. Bürgermeister Nathan hatte am Jubiläumstag der Erhebung Roms zur Hauptstadt Italiens eine Rede gehalten, welche von dem Oberhaupt der katholischen Kirche in nicht besonders ehrerbietigen Worten spricht. Gegen diese Rede veranstalten die Katholiken aller Länder öffentliche Protestkundgebungen. Die Wiener Protestversammlung wies einen kolossalen Besuch auf. Die meisten katholischen Vereine kamen aus ihren Bezirken in geschlossenem Zuge anmarschiert. Ein großes Wacheaufgebot war zur Aufrechterhaltung der Ordnung erschienen, da .Gegendemonstrationen befürchtet wurden. Tatsächlich hatten sich auf der Rathausrampe 200 bis 300 radikale Studenten eingefunden, mit denen es während der Versammlung wiederholt zu Zusammenstößen kam, denen die Polizei aber immer ein Ende machte. Die Versammlung bot einzelne recht ausfällige Erscheinungen, welche auch in diesem Blatte vermerkt zu werden verdienen. Die Protestversammlung an sich war zweifellos berechtigt. Daß es das reli nöse Empfinden der Katholiken tief verletzt, wenn dem Papste in unehrerbietiger Weise begegnet wird, begreifen wir, und finden es vollständig korrekt, daß dagegen ein scharfer Protest erfolgt. Daß Tausende und Tausende Staatsbürger, welchen in tiefer Seele ein Schmerz zugefügt worden, dem Grafen Aehrenthal zu Gefallen diesen Schmerz schweigend verbeißen, wäre Sünde wider die Natur. Was an den in dieser Versammlung gehaltenen Reden vielfach auffiel, war die unerwartete und hier in Wien ungewohnte milde Sprache und die zarte, schonende Zurückhaltung, die man sich dem Judentum gegenüber auferlegte. Der Bürgermeister von Rom, der jene wirklich unpassende Rede hielt, ist ein Jude, das wurde nicht verschwiegen, das war allen Rednern und Teilnehmern der Versammlung bekannt; dennoch wurde kein Kreuzzug gegen die Juden im Allgemeinen und die Wiener Juden insbesondere gepredigi, man drohte nicht einmal mit russischen Pogroms, man sprach nicht von „Hängen und Köpfen" — mit einem Worte, man protestierte wohl kräftig gegen den Bürgermeister von Rom, allein man propagierte keine eigentliche Judenverfolgung, nicht die kleinste Judenhetze. Selbst die große Lehre von dem angeborenen „semitischen Haß", welche die geistige Kapazität und das imponierende Genie unseres Wiener Bürgermei st ers nach Antritt der neuen Würde der Welt verkündet und rasch populär gemacht hat, wurde von keinem Redner zitiert. Ihre rednerische Anwendung in bezug auf Ernesto Nathan war verlockend genug — man widerstand der Versuchung. Judenhetze zählt zu den obersten Geboten Wiener Christentums; auch wer sonst mit dem Glauben es nicht ernst nimmt, diese „Christenpflicht" hält er heilig. Eine katholische Volksversammlung mit vegetarischer Kost ohne diverse Judenbraten hat Wien seit Jahrzehnten nicht erlebt. Gewiß wird man die Versammlungsteilnehmer bei geeigneter Gelegenheit für den entgangenen Genuß entschädigen; für diesmal hat man sich Fasten auferlegt und uns Wiener Juden ganz unbehelligt gelassen. Warum?? Allerdings, Ernesto Nathan hat sich ganz gewiß mit Wiener Juden über seine Rede nicht verständigt und nicht beraten; hätte er es getan — dann hätte jeder Wiener Jude ihm eindringlich die Mahnung zugerufen: „Schone das religiöse Empfinden der Katholiken, verletze nicht durch Deine Worte das, was vielen Deiner Mitbürger heilig ist. Betrete nicht die Wege der Wiener Rathausmänner und Bürgermeister, welche den Juden, seine Ehre, seinen Namen, sein religiöses Gefühl in den Koth treten." So würden Wiener Juden zum Bürgermeister Nathan von Rom gesprochen haben. Wenn er uns gefragt hatte, wir würden ihn an die Mahnung des Alten Testamentes erinnert haben: „Gleich dem Tuen der (verfolgungssüchtigen) Egypter, tuet nicht, in ihren W e g e n sollt I h r nicht wandeln." III. Mose 18, 3. Herr Nathan hat sich nicht mit Juden, am allerwenigsten mit Wiener Juden beraten, er handelte im Sinne seiner Radikalen, italienischen Parteigenossen. Allein für derartige vernünftige Erwägungen waren in früheren Zeiten die herrschenden Wiener Machthaber niemals zugänglich. Man erinnere sich an die maßlosen Skandale aus Anlaß der unglücklichen Affäre des — inzwischen für den Katholizismus gewonnenen — Professors Feilbogen. Da goß es Monate hindurch auf die Juden der ganzen Welt und die Wiener Juden ganz besonders Pech und Schwefel; da wollten die Beschimpfungen und Drohungen gar kein Ende nehmen. Die Raserei forderte die Ausrottung der Judenschaft zur Sühne für das Verbrechen. Vielleicht wollte man in der letzten Sonntags-Versammlung der öffentlichen Meinung des Auslands gegenüber nicht als rückständig sich zeigen, wollte als Kulturmenschen sich präsentieren. Oder es kam der 'Wink von Rom, daß die Begleitung einer antisemitischen Janitscharen-Musik bei diesen Versammlungen nicht erwünscht wäre. So vermied man alle antisemitischen Mätzchen und jedes hetzerische Schlagwort. Allein, wenn der Wiener Vizebürgermeffter Doktor P o r z e r an die Adresse seines römischen Kollegen die Belehrung ergehen läßt: „Wer berufen ist, au der Spitze eines große» Gemeinwesens zu stehen, hat die Pflicht, nicht nur der Bürgermeister seiner Gestnnungs- und Glaubensgenossen zu sein, sondern der Bürgermeister aller, welche die Stadt bewohnen" so heißt das denn doch die Heuchelei gar zu weit treiben. Ein Wiener Bürgermeister, ein Parteihaupt der Wiener christlichsozialen Machthaber, welche j den religiös und politisch Andersdenkenden in den Stand der Rechtlosigkeit versetzten, in seinem Lebensunterhalte, in seinem Gewerbe verfolgen, durfte so nicht sprechen, ohne ein Hohngelächter auszulösen. Wie oft haben die Wiener Juden wegen Redeausschreitungen Wiener Bürgermeister Protest-Versammlungen veranstaltet!! Die Wiener Bürgermeister haben sich allerdings darum nicht viel geschert. Im Jahre 1897 zum Beispiel hat in der Sitzung des Wiener Gemeinderates der Vizebürgermeister Dr. Neumayer den Antrag eingebracht: „Der Gemeinderat wolle zur Beseitigung des Üebelstandes, daß Christen durch Juden beeidet werden, und zum Zwecke der Erwirkung eines dahingehenden Gesetzes eine Petition an die Regierung, eventuell an beide Häuser des Reichsrates richten " Zum Vorwände für diesen Antrag wurde die Ernennung einiger getaufter und nichtgetaufter Juden für höhere Richterstellen genommen. Als bedenkliche Folgen solcher Ernennungen wurden angeführt, daß „weit öfter, als dies früher der Fall war, Juden über Christen zu Gericht sitzen und Recht sprechen sollen, obwohl die allgemeine Erfahrung lehre, daß dem Juden der Verstand (soll wohl heißen: das Verständnis), das Gefühl für sittlich-religiöse und nationale Empfindungen der arischen Nation (!) fast vollständig fehlen.