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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 738 Dr. Blocks Wochenschrift. Nr. 45 Bewegung gesiegt, einander gegenüber befinden. Da eröffnete nun die letzt stattgehabte Landtagswahl die Möglichkeit, allerdings nur an einer einzigen Stelle, aber dem Hauptpunkte, in Wien, die ganz verrenkte Parteigruppierung wieder einrichten, sie wieder auf ihre natürlichen Beine zu stellen. Es wäre der Anfang gemacht worden, der/ wenn gelungen, weitere Folgen gehabt hätte. Ein großer Teil der antisemitischen Partei des Bezirkes war bereit, abzufallen, wenn ihr möglich gemacht worden wäre, für einen anderen Kandidaten als den christlichsozialen zu stimmen. Ein solcher konnte nach aller Vernünftigen Einsicht nur ein christlicher Freisinniger sein, für den die Juden mit dem großen malkontenten Teil der bisherigen Gegner gemeinsam gestimmt hätten und welcher zumindest dieselbe Aussicht wie der sozialdemokratische Kandidat gehabt hätte, in die Stichwahl zn kommen. Sicherlich wäre aber schon diese Gemeinsamkeit der Aktion allein, auch wenn sie nicht gesiegt hätte, ein ungeheurer Fortschritt gegen die Verhältnisse der letzten drei Dezennien gewesen. Wir wollen hier nicht wiederholen, was wir schon in der Nummer vom 21. Oktober über die vergebliche Anstrengung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", die Aufstellung eines solchen Kandidaten durchzusetzen, berichtet haben. Der von Dr. Ofner geführte „Freiheitlich-soziale Verein" hat den Dr. Rudolf Schwarz- Hitler aufgestellt, nicht speziell weil er ein Jude war, das widerspräche ja den Prinzipien des Vereines und seiner Führer, sondern weil gerade dieser ihr Parteigenosse auch ihr schon heute bestimmter Reichsratskandidat für den V. Wahlkreis ist und weil die Herren, in naivster Unkenntnis der Volkspsyche, einigen tausenden bisheriger christlichsozialer Wähler den Salto mortale der Wahl eines Juden zumuteten. Herr Dr. Schwarz-Hiller weigerte sich ganz entschieden — entgegen -dem Verhalten Dr. Mittlers — seinen Platz einem bürgerlich-freisinnigen Kandidaten christlicher Konfession einzuräumen. Wo liegt nun der springende Punkt, das tiefe Motiv in dem Verhalten des Leiters des Vereines und des Führers der „Freiheitlich-Sozialen"? Dr. Schwarz- Hiller hatte ja von vorneherein, nach dem Stimmenverhältnis bei der Landtagswahl im Jahre 1908, nicht die geringste Aussicht, aber wir haben die Empfindung, daß nach der Absicht des Dr. Ofner die Christlich-Sozialen keinesfalls von der bürgerlich-freisinnigen Partei, sondern nur von den Sozialdemokraten besiegt werden sollten. Ob wir damit ins Schwarze treffen, kann nur beurteilen, wer an den heimlichen Verhandlungen, namentlich in der Ausgleichskonferenz im „Reformklub", teilgenommen hat. Dr. O f n e r und Dr. S ch w a r z-H i l l e r, der Führer und der Geführte, waren es, welche die der großen Mehrzahl nach konservativen Juden gezwungen haben — gegen ihre Ueberzeugung, gegen ihr materielles und soziales Interesse — für Franz Schuhmeier zu stimmen. Dr. Schwarz-Hiller hat mit der Reduzierung seiner Anhängerschaft auf ungefähr den III. Teil — er zählte jetzt 1400 Stimmen gegen 3800 im Jahre 1908 — gebüßt; er kann seine politische Reputation nur durch Jahre nicht agitatorischer, sondern streng sachlicher Arbeit im Gemeinderate wiederherstellen, wir wollen es ihm aufrichtig wünschen. Den Einfluß des Doktor Ofner aber wird die jüdische Wählerschaft des II. Bezirkes von nun an zurückweisen müssen. Wir sagen dieses Wort mit auftichtigem Bedauern und wagen dasselbe nur, weil wir verpflichtet und auch gewohnt sind, nicht nur unsere eigene Person, sondern auch jene unserer Freunde der Sache unterzuordnen. Sicher hat Dr: Ofner im guten Glauben an die Loyalität dieses seines Verhaltens gegen die jüdischen Wähler des Bezirkes — und er selbst hat nie andere besessen — gehandelt. Wovon wir ihn aber nicht fteisprechen können, ist die Tatsache, daß er in einer Reihe von Jrrtümern befangen ist, welche aus seiner doktrinären Richtung entspringen. „Die Politik", replizierte Fürst Bismarck in einer Reichsrätsrede einem gelehrten Abgeordneten — „ist keine Wissenschaft, sondern eine praktische Kunst." Und setzen wir selbst hinzu: Nur wer seine ideale Gesinnung mit praktischem Sinn verbindet, ist ein wirklicher Politiker. Und das Fehlen dieses praktischen Sinnes ist es eben, welches Herrn Dr. O f n e r so häufig, wie beispielsweise bei seiner Agitation gegen den Katechismus, sehlgreisen läßt. Unser verehrter Freund hielt und hält die Propagierung seines freiheitlich-sozialen Programms unter den Juden der Leopoldstadt — einen anderen Kreis hat er für dasselbe nicht gefunden — für wichtiger als die Eroberung des Bezirkes, für wichtiger, als den Kampf gegen den Antisemitismus überhaupt und wollte lieber eine Niederlage auf der ganzen Linie des Freisinns wagen, als durch die Aufstellung eines christlichen Kandidaten den Antisemiten eine erhebliche Anzahl, einige Tausend christlichsozialer Stimmen entziehen. Er verkennt, daß — insolange eine antisemitische Partei überhaupt besteht — eine wirklich freisinnige Partei — abseits von der sozialdemokratischen — nicht entstehen und zumindest nie zu einer Bedeutung gelangen kann. Denn insolange der Antisemitismus die Hoffnung bestehen läßt, die Konkurrenz von Seite der Juden einzuschränken, werden unsichtbare Fäden selbst jene Christen, welche sich für freisinnig halten, in der Judenfrage zu den Antisemiten hinüberziehen. Nichts führt aber sicherer zum allmählichen Erlöschen des Antisemitismus als der erste große Erfolg gegen denselben. Darum haben wir ein so ungeheueres Gewicht nicht nur auf die Eroberung dieses Bezirkes überhaupt, sondern auch'darauf gelegt, daß sie gerade durch die unzweifelhaft, einer Renaissance nachstrebende bürgerlich-freisinnige Partei geschieht. Die Sozialdemokratie verfügt über eine taktisch ausgezeichnet schlagfertige Organisation, aber diese ist nichts weniger als identisch auch nur mit der Mehrzahl der Bevölkerung. Die ganze agrikole Hälfte derselben, das städtische Klein- und Groß- Bürgertum überwiegen sie weitaus, und darum kann die Besiegung der Christlich-Sozialen, insolange sie nur durch die--sozialdemokratischen und jüdischen Stimmen und nicht durch eine freiheitliche Partei erfolgen kann, den Juden nur mit sehr schmaler Genugtuung erfüllen. Allerdings den „Juden"! Fühlt Herr Dr. Ofner sich als solcher? Prinzipiell unterscheidet er sich nicht von dem reinen und puren Sozialdemokraten. Was ist Prinzip und Tendenz des sogenannten „freiheitlichsozialen" Programms? Hasner nannte den Protestantismus den „Rationalismus ohne Kourage" — „freiheitlichsozial" ist die „Sozialdemokratie", ohne die Kourage der Sozialdemokraten. Wir möchten hier nicht mißverstanden werden: der Verfasser dieses weiß sich so ziemlich vor der Gefahr sicher, sei es zu den klerikalen, sei es zu den nationalen oder überhaupt zu den exklusiven Juden gezählt zu werden. Indem er sich sofort bei dem Beginn des Kampfes gegen den Antisemitismus vor mehr als 30 Jahren in Reih und Glied gestellt hat, hat er einfach, ohne seine assimilatorische Ueberzeugung aufzugeben, eine ethische Pflicht erfüllt. Aber vom Standpunkte des Verteidigungskrieges müssen wir uns denn doch gestatten, über dieses Moment ein Wort zu sagen! Wenn die Juden sich veranlaßt sehen, einen Christen als Mandatar wählen zu sollen, so genügt es, wenn dieser Mann das besitzt, was den innersten Kern des Liberalismus ausmacht, ein gerechtes Herz! Wenn er die Fähigkeit hat, auch das Unrecht, welches einem andern geschieht, wie das ihm selbst angetane zu empfinden und zu verurteilen, so wird er auch nicht zulassen, daß die Juden in ihren Rechten verkürzt werden. Der Jude aber, der an unserer Kriegführung gegen den Antisemitismus teilnehmen soll, muß sich als Jude fühlen. Nur aus der Wärme des Blutes und aus den stärksten aller Leidenschaften, jenen des Kopfes für die Sache, sprießen die Ideen, welche diese Kriegführung braucht. Nur wenn er empfindet, daß es den Juden an den Hals geht, wird er die entscheidenden Momente, um welche es sich bei der Ausführung handelt, verstehen, wird er jeden Moment das richtige Gefühl für das haben, was geschehen muß. Wer dieses Gefühl nicht besitzt und nicht besitzen kann, wird

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