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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Bloch’s Iahrsemsxxvn Zentralotöan kür die gesamten Ilnteressen des Judentums 0(p O ~~.- 1 ~U O A. K. PofisxsrKsffensmr D0 LIearing-VerKebr Vlr. 810.976. RedaMon und Administration: Wir« IX/i, Hahugaffe Nr. 15. lb Telefon Nr. 14.847. £ oO - —Oo Wien, 11. November 1910 Lrscbelnr jeden Frettsg. Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adreffe: Bloches Wochenschrift, Wien. oo-..■ Vexugsprri» stir Vrsterrrich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. i Anzeigen: Die 4malgespaltene Petitzeile'24 Heller. r>Q —D Q Inhalt: Leitartikel: Nach der Landtags-, vor der Reichsratsnahl. — Eine katholische Protestversammlung. — Vom Jahrmarkt d e s L e b e n s: Senatspräsident Descey Ein Auto-da-fe im XVIII. Jahrhundert in Rußland. Hagirgaschi. Roosevelt gegen Englands Haltung gegenüber der rusiischen Judensrage. Der Staatssekretär des Staates Newyork. Der Aeroptan eines jüdischen Erfinders. Großer Preis für ein Israels-Bild.— Korrespondenzen: Die Landtagswahl in der Leopoldstadt. Spendenliste. Der galizische Landtag und die Jca. Die Rabbinerfrage in Galizien. Berlin. Lord Rathaniel Rothschild-London. Baron - Rothschild in Palästina. Auswanderung aus Palästina. Polen als Bedrücker und Bedrückte. In Kiew wird wieder revidiert. Bedrohliche Lage der kaukasischen Bergjuden. Wegen Beleidigung christlicher Gefühle. Der Vorsitzende der Rabbinerkommiffion unter Anklage. Wofür jüdisches Geld vom russischen Staat verwendet wird. Jüdische Grundbesitzer in Rußland. Eine judenreine Augenklinik. Ein antisemitisches Buch eines Prager Gelehrten. — Vermischtes. —Feuilleton: Skizzen und Studien zur Geschichte der Juden in Polen. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Mach der Landtags-, vor der Neichsratan»ahl. Von Siegmund Mayer. In dem Kampfe um das Landtagsmandat Luegers für den II. Bezirk waren es die jüdischen Wähler, welche „der Not gehorchend, nicht dem eig'nen Triebe", dieses Mandat zumindest für jetzt zum politischen Besitzstände der Wiener Sozialdemokratie gemacht haben. Die 4200 Stimmen, um welche der sozialdemokratische Kandidat in der Stichwahl mehr gezählt hat, als in der Hauptwahl, setzen sich ziffermäßig zusammen aus jenen, welche in der Hauptwahl für Doktor Mittler, Dr. Schwärz-Hiller und dem Kandidaten der Nationaljuden abgegeben wurden und zu denen dann noch ungefähr die Hälfte der beiläufig 800 Wähler — augenscheinlich vormaliger Christlich-Sozialer — gestoßen find, welche in der Hauptwahl noch weiß gestimmt haben. Umsomehr liegt für die Juden, und zwar nicht nur dieses Bezirkes die Veranlaffung vor, die Bilanz dieses Ereigniffes zu ziehen. Schreiben wir aus das Gewinstkonto unbedingt die Tatsache, daß unsere Gegner einen der wichtigsten Posten verloren haben und daß fie aller Wahrscheinlichkeit nach ihn kaum mehr zurückgewinnen werden. Schreiben wir auf die Berlustseite ebenso ohne Illusion die Post, daß dieser Sitz von jener Partei gewonnen wurde, zu welcher die Juden nicht gehören; selbstverständlich zählt die Sozialdemokratie auch Juden, und vielleicht nicht unbedeutend zu ihrer Anhängerschaft. Aber die Juden als Gruppe zur Sozialdemokratie zu zählen, wie es die „Reichspost" in ihrer Nummer vom 2. November wagt, ist eine der Torheiten des christlichsozialen Inventars. Die ökonomische Schichtung, die soziale Querlinie innerhalb der gesamten Bevölkerung halten sich in keiner Weise an die hier ganz willkürliche und unzutreffende Scheidung zwischen Christ und Jud; sie setzen sich innerhalb der Judenschaft nicht weniger scharf und klar fort. Speziell die jüdische Bevölkerung des II. Bezirkes repräsentiert, wie jeder Kenner der Verhältniffe weiß, im Gegenteil zum I. Bezirke, den Stock des jüdischen Kleinbürgertums, aus Kleinhändlern und Kleinbürgern, aus kleinen Leuten überhaupt, bestehend; diese jüdische Bevölkerung ist in Besitz und Erwerb und dämm auch in ihrer sozialen Gesinnung genau dieselbe, wie fie auf christlicher Seite den Stock selbst der christlichsozialen Partei bildet. Diese Gleichartigkeit würde sich ja, wird sich in dem Momente — er steht nicht mehr in astronomischer Ferne — zeigen, als die christlichsoziale Partei den Judenpunkt aus ihrem Programme streichen, zu einer reinen Partei des Mittelstandes sich umbilden würde. Die gleichen materiellen Jntereffen würden hüben und drüben die gleichen Schichten zusammenführen, wie es ja auch in der Tat in den Dezennien von 1860 bis 1880 der Fall gewesen. Ganz im Gegensätze zu der von der „Reichspost" und ihren Kolleginnen ausgesprochenen Ansicht ist die Grundanschauung der Juden eine solche, welche dem Kollektivismus der Sozialdemokratie durchaus widerstrebt, ihnen ist die bürgerliche Gesellschaft kein gleichartiger, unterschiedloser Ur-Brei, sondem ein Organismus, welcher eine mannigfaltige Gestaltung höheren und niederen Grades von Besitz und Erwerb mit sich bringt und bedingt. Die in bestimmten Fällen vielfach geschehene Unterstützung der Sozialdemokratie bei den Wahlen durch die Juden ihres Bezirkes war eine Taktik, welche ihnen geradezu aufgedrängt wurde. Seitdem die deutsche Linke in ihrer Schwäche zuerst still und schamhaft, dann schamlos und laut zu der verderbenden Kraft des Antisemitismus gegriffen, war die Sozialdemokratie die einzige Kampfpartei gegen die Antisemiten, die einzige freifinnige Partei überhaupt. Sie war die einzige Gruppe im Parlamente, von welcher die Juden einen prinzipiellen Widerstand gegen alle Ausnahmsgesetze und darum auch gegen weitere pseudonyme Judengesetze, wie beispielsweise der Befähigungsnachweis für das Handelsgewerbe, erwarten konnten; und schließlich war es ja jedem des politischen Krieges Kundigen klar, daß das Hauptziel, die Herabdrückung der antisemitischen Majorität in Wien zur Minorität, nur durch die sozialdemokratische Partei erreicht werden kann, weil nur fie imstande ist, die unterste Schichte des antisemitischen Blocks, jene nämlich, welche dem Proletariats nicht mehr ferne steht, von den Antisemiten weg zu sich herüberzuziehen. Diese Motive haben die ganz verkehrte Situation erzeugt, in welcher sich Juden und Chnsten, seit die antisemitische

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