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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 73S wollen wir wörtlich, in deutscher Uebersetzung, den Tert Suchystaws Wiedergeben. „Wie es in dem Pinar derChewra Kadischageschrieben, ist, hat die Geistlichkeit die Synagoge genommen. und sie war in ihrer Hand vier Jahre uno sechs Monate: durch ein Wunder ist es geschehen, daß der Tempel nicht profaniert wurde. Und es geschah, dag die große Frau (Rosa) einflußreich bei König und Fürsten war und ein Mahl für den König und die Fürsten veranstaltete, damit sie die Herren gewinne und die Krone zu ihrem alten Glanze, d. i. den Tempel, in unsere Hände bringe. Als die Geistlichen gesehen haben, daß ihr Plan scheitere und die Macht der Huden, durch den Ginfluß der Frau, bei König und Fürsten größer sei, beschlossen sie, den Tempel zu okkupieren und in eine Kirche zu verwandeln. Als die Frau davon erfuhr, rief sie mit Bitterkeit im Herzen vor dem König und den Fürsten und erlangte einen königlichen Erlaß, daß man die Angelegenheit dem König zur Entscheidung vorlege. ms sie mit der Schrift vor dem Höchsten der Geistlichen erschien, tötete er sie und schnitt sie in Stücke. Und sie gab ihre Seele für Gottes Heiligtum hin. Unser Tempel wird ihr Andenken bleiben. Gott wird ihr Blut rächen und ihr Verdienst soll dem ganzen Volke angerechnet werden. Amen." Um den historischen Sachverhalt zu verstehen, müssen wir weit in die Geschichte der Juden in Lemberg zurückgreifen. In Lemberg waren fielt jeher zwei selbstständige Gemeinden physisch, geistig und administrativ von einander getrennt: die Me hieß „Gemeinde außerhalb der Stadt" und befand sich hinter dem „Krakauer Tore", am Territorium des Burghauptmanns, also des Königs, die zweite lag innerhalb der Stadtmauern (iiitra muros) und hieß die „Städtische". Sie lag am dtischen Grund und Boden und war in baupolizeilicher Hinftcyr vom Stadtmagistrat abhängig. Bis um die Mitte des 17. Jahrhunderts waren beide Schwesiergemeinden einander fremd und erst das große Unheil, welches über Polen Chmielnicki brachte, zwang die sVorMdter, ihre Häuser mit eigener Hand in Brand zu legen und zu ihren Brüdern in die Stadt zu ziehen. Die Belagerungen Lembergs wiederholten sich alle paar Jahre, somit mußten allemal die Vorstädter die Güte ihrer städtischen Glaubensbrüder in Anspruch nehmen, und erst das Jahr 1716 — in dem Polen faktisch seine äußere Politik an Rußland auslieferte — machte den Wanderungen ein Ende. Die Vorstadt entwickelte sich seit der Zeit aufs neue und bildete bis zur österreichischen Okkupation) (1772) einen separaten administrativen Körper. Die Juden der Stadt hatten ihre Gasse, von der schon im Jahre 1387 die Stadtbücher sprechen. Diese Judengasse (jetzt Blacharska) mündete in die Russische Gasse, durch welche die Juden zum Marktplatz gelangten. An der Mündung der Judengasse war das Iudentor, welches während des Sabbats, der Feiertage und des Abends geschlossen ward. Von der Stadtseite hütete das Tor der Vogtscherge, von der Judenseite der Kahalwächter. Die Judengasse hatte in alten Zeiten auch christliche Häuser, und längst der Stadtmauer, an die sich das Judenviertel lehnte, war ein leerer Platz, der laut polnischem Rechte dem König gehörte. Ueberdies waren hier im Ghetto die städtische Wachsschlägerei und der städtische Marstall, und an der Stadtrüauer waren zwei Basteien, die den Juden sehr peinlich waren. In einer Bastei wohnte der Wenigzugute, vulgo Henker, mitsamt seinen Knechten, und in der anderen stand die Folterbank, auf der man „Verbrecher zu entseelen pflegte". Hart an der Mauer stand seit dem Jahre 1555 der städtische Pulverturm und neben ihm befand sich seit undenklicher Zeit das „Haus der lasterhaften Weiber", welches einem Walachen gehörte. Vor diesem Haus stand eine Mühle, die durch ihr Geklapper die ganze Judenstadt betäubte?) Nicht viel Platz blieb also den Juden und bald wurde es auch sehr eng im Ghetto, welches laut damaliger Rechnung nur 11 Bauparzellen besaß. Als im Jahre 1571 die ganze Judenstadt niederbrannte, begannen reichere Juden die christlichen Plätze und Häuser aufzukaufen und bezahlten dem Stadtmagistrat schweres Geld für die Genehmigung des Kaufes. Bald kauften auch die Juden die leeren Plätze an der Stadtmauer und bezahlten für sie dem Stadtrate enormen Summen. In d e r Zeit kaufte I s q a t Nachmanowicz die alte Mühle samt dem Haus des Lasters und haute an dem Orte die berühmte gothische Synagoge. Die meisten Plätze verkaufte der Stadtrat gegen das Wied^erkaufsrecht für dm Fall eines Krieges, einer Belagerung usw. Die jüdischen Eigentümer mußten einen Demolierungsrevers unterschreiben, in dem sie jich verpflichteten, im Kriegsfälle das Haus abzubrechen: manchen gab der Stadtrat nur ein sogenanntes trvuoplaoituw, d. i. die Stadt behielt sich vor, jeden Augenblick das Haus niederreißen zu dürfen. So bauten die Juden ihre Häuser wie auf einem Vulkan, denn sie waren nie ihres Gutes sicher. Rur Isaak Nachmanowicz erlangte eine königliche Bestätigung zum Ankauf seines Platzes (Blacharskagasse Nr. 27—29), denn er wollte der neuerbauten Synagoge einen dauernden Bestand sichern. Am das Jahr 1600 war die Judengasse ganz ausgebaut und Na chm an, Sohn Isaaks, der Erbe und Nachfolger im Kahalsamte seines Vaters, pflasterte die ganze Gasse „vom Brunnen bis zum Tor" aus und gab ihr halbwegs einen städtischen Anstrich. Diese Entwicklung der Judengasse mißfiel dem „g emeinen Manne", der mit dem Stadtrat stets in Zank und Hader lebte. Der Stadtrat bestand aus den Patriziern Lembergs, die gerne den Juden für schweres Geld Handelsfreiheiten zum Schaden der christlichen Krämer und Handwerker gewährten. An der Spitze „des gemeinen Mannes" stand in jener Zeit JohannAlnpeck, der den Herren Stadträten und Schöffen hart an den Leib rückte. Alnpeck wußte, daß die Stadtväter königliche Grundstücke den Juden verkauft hatten und wartete nur auf die richtige Zeit, um gegen die Feinde ins Feld zu ziehen. Bald kam der richtige Augenblick. (Fortsetzung folgt.) jitnuto. Dr. Max Kemmerich. Kultur-Kuriosa, Zweiter Band. Geheftet 3 Mart 50 Pf., gebunden 5 Mark. Verlag von Albert Langen in München. Dr. Max Kemmerich ist Historiker und hat, was er in dieser Eigenschaft als den realen Hintergrund unserer Kultur gefunden, uns als freier Mann und Schriftsteller beretts in dem ersten Bande seiner „Kultur-Kurrosa* vor Augen gehalten. Aber eS war nicht alle- — und er schenkt uns nichts. Daran erkennt man die ernste Absicht, die ihn bei der Herausgabe seiner Bücher leitet: es rst ihm nrcht um den Ruhm eines finbrgen belesenen Kopfes und geschrckten Komprlators zu tun» der amüsante Hrstorien angenehm zu erzählen weiß, sondern er will weit mevr: ihm liegt daran, den wahren Stand unserer heutigen Kultur durch Aufzeigen deren Hrstorischer Basis klar darzustellen. Die Wirkung, dre er davon erhofft, ist das Freier- und Festerwerden unserer ethischen und moralischen Anschauungen und Bestrebungen» die humanere Lebensauffassung, die wirkliche Vermenschlichung im besten Sinne aller staatlichen und gesellschaftlichen Prinzipien. — Auch in diesem zweiten Bande seiner Kultur-Kuriosa übt er seine so rühmenswerte und — natürlich — so aagefemdete Offenheit, die ihm nach wie vor das Muckertum in Staat, Gesellschaft und Kirche auf den Hals hetzten, den geistig Mündigen jedoch zu seinem Freunde machen wird s) Alle Dokumente und Belege in meinem Werke: Z y d z i. 1 wo w s cy, Lemverger Juden um die Wende de»XVI. u.XVII. Jahrhunderts. L Auflage 1906. II. Auflage 1909. Setten XXIII -+- 577 + 188.

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