Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 782 Dr. Mochs Wochenschrift. Nr. 44 bewuhtsem vorhanden war. Sie gewähren überdies Einblick in die sozialen und sittlichen Verhältnisse der begaffenden Zpit". Diese Momente bewegen uns dam. dm eigenartigen Vrozeh zu beleuchten, umsomehr, als die. a^öhten Herren Polens, ja sogar der König, in die Angelegenheit eingemengt waren. Wie gewaltig der Prozeh auf die Zeitgenoffen und die spateren Geschlechter einwirkte, davon gM 'Kunde eine Legende, welche die ganze Begebenheit überwucherte und bis in unsere Zeit die Ueberreste der einzelnen Eviioden au^bewabrte. Die Legende ist aber der größte Feind der Geschichte, denn sie umsvinnt die historische Wahrheit wie Espenlaub und stört den Historiker im Betrachten der eigentlichen Blume. Die Leoende wählt aus der Wahrheit nur das. was ikr paßt sie rechnet in ihrer poetischen Dreiheit gar nicht Mit der Wirklichkeit und stellt beieinander und nacheinander Fakta aus verschiedener Zeit und aus verschiedenen Orten. So schaltete auch in dem stalle di- Feindin der Geschichte und verursachte, daß noch heu^e Mütter ihren Kindem die ..Geschichte van der güldenen Rose" als unbestreitbare Wahrheit wählen. Aut diesem Wege kam sie in die O e st er r ei chische Wochenschrift, nacherzäblt vom bekannten Novellfften Natan Samueln?) Bis b-ute ragt der prachtvolle Grabstein der güldenen Rose am alten Lemb»raer Iudenfriedbof. Es ist eine große Tafel im r»inen R-naissamestil gehalten, aut der Vorderseite ist die Grahschi-ift des bedeutenden Lemb-raer Juden Nachman Isakowicz tSobn Isaak) ans dem Jahre 16183) und auf der Rückseite bas Evitavh seiner Frau, Rosa Nachmanona, aus dem Jahre 1637. Der Tert lautet ins Deutsche übertragen wie folgt: „Hier ruht eine fürstliche Dome, eine gewaltige Frau. Rosa> die Tochter Jakobs, begraben am dritten auf den vierten des Monats der perennierenden Strömet) 5398 (1637)?) Sie beweine ich, denn mit ihr brach zusammen im Hause Jakobs Wonne und Freude, Es fiel die Krone und verschwand die Hilfe. Und wie des siebenarmiaen Leuchters zerbrochene Arme, und schmucke Blumen. (Also fehlt die Hilfe dieser Frau): unter vielen fand ich keine ihr ähnlich. Könige sahen sie und Fürsten standen ihr zu Ehr» auf! Ihre Seele möge einen Ant^l haben am ewigen Leben. Amen?) Der Grabst-in der ..güldenen Rose" bildet noch beute das Endziel aller Unalücklichen und Kranken, die hier Genesung und Hille suchen. Der Stem ist stets beleuchtet und wird von den Frommen oft b»su«b^. Die Lesende von der „güldenen Rais»" ist in einigen Varianten bekannt, von denen wir hier die vermeintlich älteste und anbei die schönste angeben wollen. „Es war zur Zeit Dolens. Die alte Svnaaoae ist verbrannt worden, das Feuer verzehrte damals fab die ganze Stadt. Man sammelte Geld, um einen neuen Tempel aus Stein zu bauen'. Gold floh in Strömen, denn groß war der Handel in Lemberg, und reich und fromm mar die Stadt. Das Dach ffollte hoch auifchießen und weit rinasuNr sichtbar werden, damit alle wissen sollen, daß aroß sei der Herr Israels. J) Natan Sainu> ltz: Alt-Lembera.?fnfiraanar1902. Nr. 7. 3) 11-ber den SMer NacbmanS. gebe Ski»- I. 4) Im Texte trsrr’Krfrrv vide Kesenius Ed. XII,*©, 35, s u b voce p-K. 5) Bei SuchyItaw (ÄPaceweth Kodeschl »ft e»n irr* tllmN^es'Datum angeaeben 6035, da er am Grabstein ein n statt n geleserrhat. «) Der bebrSiWe Text der ganzen Inschrist bei S u ch y st a to (1c.) II und bei Caro: Geschichte der Juden in Lemberg. Note H. In derselben Zeit fiel als Opfer der Flammen eine Kirche, das Haus „ihres" Gottes. Auch hier brachte man reiche Gaben aus der Moldau und sogar aus Griechenland, damit „ihr" Haus schön sei und hoch über die Stadtmauer hinausrage. Sie eilten nicht und unser Haus wuchs: St"in auf Stein, ein Bogen hochauf. und bald ist alles fertig. Es war eine Freude, zu sehen, wie das Haus des Herrn stolz über'alle Dächer gen Himmel emvorschoß. Darin lag das Böse. „Sie" konnten nicht Zusehen, daß in ihrer Nähe em Tempel Jakobs sich erhebe, und beschlossen, ibn zu konfiszieren. Wir stnd in ihrer Macht, ihre Geleße sind unsere Geseke. Grund und Boden gebürt ihnm! Sie suchten ein altes Pa"»er auf, trugen einen Prozeh aus und schlossen die Svnaaoge. Das Ilnalück brach über die Gem-inde herein, das Haus Gottes soll in „Ihre" Hände Abaraehen. und da ist kein anderes vorhanden. Lanae zoa sich der Propst bin und bitter jammerte Israel in dm Toren! Und es lebte in der Stadt eine aute und fromme Frau und sie hieh Rose: wie eine Rose ringsumher ihren Wohlaemch ve^eitet. abo verbrn^ete sie um s'ch ihre Güte und Barmberriak-it. ibr Haus war eine Zufluchtsstätte für Arme. Unglückliche. Verlassene... Man kannte sie schon im Hause ihres Vaters und nannte sie Gold röschen, „die güldene Roise". Diese Frau opferte ibr ganzes Vermögen für den Loskauf des Temvels. die gefftlichm Herren wollten aber davon nichts hören, sie wendete verschiedene Mittel an, es half aber gar nichts. „Selbst möge sie kommen mit dem Gelde!" war das lebte Wort des Bischofs. Rosa weigerte sich, sie war schön, berückend schön. Sie fürchtete „diese" Männer, sie warm ja unverheiratet. Groh war ihr Kampf mit sich selber. . . Das Volk weinte. . . . Sie ging bin. „Bleibe b»i mir und ich gebe deinen Brüdern den Temvel zurück!" — „Gib meinm Brüdern den Temvel wieder und ich bleibe bei dir. ich kann dir nicht glauben. wmn du mir nicht glaubst, du verlierst ia nichts, wogegen ich meine Ehre, meinen Glauben. M"in Volk vreisgebe!" Der Bischof willigte ein. er zeichnete und übergab ibr das Schre'bm für die Gemeinde, sie schickte es den Vertretern der Juden. In de'' Inden-osse herrschte Trmde und' I"hel. Die Spnaooga leuchtet-» in bellro^-m Glgpze, das L.'cht reichte bis an die Fenster des bischöflichen Palastes. Rosa sah es. Ihre Aufgabe ist vollbracht, ibr Leben verwirkt. Am nächsten Morgm fand sie der Bischof leblos in ihrem Gemach. Jüdische Me'ber weinen bis heute am Grabe der Märtyrerin! — * * Ganz ähnlich »st hie Version, die Natan Samueln erzählt hat. und "lso hat sie auch firiert der erste Historiker — wenn wir ihn so nennen duffen — Gabriel Suchnsta w. Seine vier Hefte des M az eweth Kod"sch^) enthalten Evitavhen vom alten Lemh-r^er Fri-dbof. in Familiengruvven zusammenaestestt. B»i monchen bringt Suchystaw historische oder leomdäre Nöllen die er von einander nicht unterscheidet und alle in d-»m alten Pinar" finden will So las er auch im ..Dinar der Ehewra Kadischa" die Begebenheit von der güldenen Rose und pflanzte die Leaende als hsttovilche Wghrh-»it fort. Bevor wir an die historische Analyse des ganzen Faktums schreiten, Kr I 1860Paedruckt^'bei Schrenrel. II.. Jabr 18kg, bei Madfes. HI.. 1865, bei Kugel,"iLewm u.^Comv. IV. (352 Seiten). 18P9, in der Landesdruckerei des M. F.'Poremba.