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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Mochs Wochenschrift Sette 729 Ein Taufprvzch in Krakau. Die gewaltsamen Taufen jüdischer Kinder in Galizien beschäftigen schon seit Jahren die öffentliche Meinung. In letzter Zeit mehren sich wieder die Fälle gewaltsamer Taufen, die sich zum größten Teile in Krakau, im Kloster der Felizianerinnen abspielen. Während es sich bis jetzt fast immer um Kinder im Alter von über 14 Jahren handelte, die nach dem österreichischen Gesetze ohne Einwilligung der Eltern getauft werden dürfen, wird jetzt schon Jagd auf die völlig unverdorbenen Seelen von 7—8 jährigen Kindern gemacht. Einer der krassesten Fälle dieser Kategorie, der gegenwärtig die Gerichte beschäftigt, ist folgender: Ein im Jahre 1904 in Krakau geborenes jüdisches Mädchen wurde von seiner Mutter gegen monatliche Bezahlung zu einem christlichen Handwerker in Pflege gegeben. Zwei Jahre hindurch bezahlte die Mutter pünktlich dm vereinbarten Betrag. Als jedoch die Mutter infolge ihrer Armut ein Jahr lang nicht zahlen konnte, ließ der Handwerker das damals kaum drei Jahre alte Kind ohnSe Wissen der Mutter taufen und ließ es beim Pfäcker als sein eigenes Kind erntragen. Als die Mutter von diesen Vorgängen erfuhrj, forderte sie ihr Kind zurück, der Pflegevater wollte es jedoch nicht ausfolgm. Die unglückliche Mutter wandte sich an den Vizepräsidenten der Krakauer Kultusgemeinde Dr. Raphael Landau, der beim Magistrat eine Entscheidung dahingehend erwirkte, daß die ohne Wissen der Mutter vollzogene Taufe ungültig ist und das Kind der jüdischen Gemeinschaft angehört. Dr. Landau erwirkte ferner beim Gericht ein Urteil, daß der Handwerker das Kind binnen 14 Tagen der Mutter auszufolgen habe. Dieses Urteil wird von der zweiten Instanz aufgehoben. Der oberste Gerichtshof ordnet neue Erhebungen an, auf Grund deren das Krakauer Bezirksgericht den Handwerker zur Ausfolgung des Kindes verurteilt. Und nun wird die Angelegenheit wieder den ganzen langwierigen Instanzenweg durchmachm und inzwischen behält der Handwerker das Kind bei sich und erzieht es in der christlichen Religion. Seit drei Jahren schleppt sich bereits dieser Prozeß hin und sein Ende ist nicht abzusehen. So haben die Juden in Galizien nicht nur gegen ihre materielle Notlage, sondern auch um die Rettung und Zurückeroberung abgesangener jüdischer Seelen zu kämpfen. Der Jude als Richter. Anläßlich der Ernennung Sir Rufus Jsaacs gutn General-Staatsanwalt in England weist die „Westminster Gazette" darauf hin, daß der bedeutendste Richter deüc Viktorianischen Zeit der vor ungefähr einem Jahre verstorbene Sir George Jessel wap. Jessel war die bedeutendste Autorität in Rechtsfragen jener Zeit. Er ist auch der einzige, dessen Marmorbüste nebm denjenigen der bedeutendsten Rechtsgelehrten Englands Lord Rüssel und Killowen die Hallen des Justizpalais von London schmückt. Jessel war geradezu ein richterlicher Genius. Es ist noch nicht so lange her, — schreibt das Blatt — daß weder Sir Jessel, noch Sir Rufus Jsaacs diese hohm Stellen hätten erreichen können. Aber trotz des Kummers einiger Reaktionäre bilden diese Männer die Zierde des Staates. Ein Völkerfriedenskomitee in Konstantinopel. In Konstantinopel hat sich ein Komitee aus Vertretern aller Nationalitäten, welche die Türkei bewohnen, gebildet. Zweck dieser Organisation ist, die verschiedenen Völkerschaften in der Türkei einander näher zu bringen und ein friedliches Zusammenwirken derselben zu erwirken. Die Juden sind in diesem Komitee durch die Herren Elias Chaki Bey, Dr. Viktor Galimidi bey, ferner durch die Herren Leon Daron und Maroonahum vertreten. Auszeichnung einer Mischen Gekehrte». Wie uns aus Rom mitgeteilt wird, hat der italienische Anterrichtsminister Fräulein Morpurgo zur Jnspektrize des Etruskischen Museums in Rom und zur Direktrize der archäologischen Ausgrabungen im alten Etrurien ernannt. Fräulein Morpurgo wurde Siegerin in einem Konkurse!, an welchem sich 60 bekannte Professoren und Archäologen beteiligt hatten. Die Gelehrte gehört einer der ältesten und angesehensten Familien Italiens an. Avancement des Generalkonsuls Primo Levi. Wie aus Rom berichtet wird, wurde der italienische Generalkonsul in Salonichi, Primo Levi, zum Direktor des Handelsdepartements im italienischen Ministerium des Aeußern ernannt. Primo Levi wurde gleichzeitig mit der Generalinspektion aller dem Auswärtigen Amte unterstehenden Lehranstalten betraut. Signor Levi war seit ungefähr einem Jahre als Generalkonsul in Salonichi tätig und hat sich daselbst so viele Freunde erworben, daß man ihn von dort nur mit dem größten Bedauern scheiden sieht. Vermiscbtes. Wien. (Vortrag.) Montag den 14. November wird Herr Reichsratsabgeordneter Dr. Mahler im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" einen Bortrag über daS aktuelle Thema: „Der polnische Jude" halten. Der Vortrag findet im Festsaale des Niederösterrcichischen Gewerbevereines, I., Eschenbachgasse 11, abends halb 8 Uhr, statt. Gäste bestens willkommen. Wien. Dr. M. Friedeberg, Direktor des allg« österr. israel. Taubstummen-Jnstitutes, wird in der Oesterr. Gesellschaft für Kinderforschung am Dienstag den 8. November d. I. im Hörsaal Hochstetter, Wien, IX., Währingerstraße 13, um 7 Uhr abends einen Bortrag über „Erziehungswesen in England" halten. Wien. (Besprechung jüdischer Organisationen in Wien.) Am 31. Oktober 1910 hat im Sitzungssaale der „Israelitischen Allianz" in Wien eine Aussprache von Vertretern^ jüdischer humanitärer Organisationen stattgefunden zum Zwecke der Erwägung von Maßnahmen zur weiteren kulturellen Hebung der galizischen Juden. Die Besprechungen werden demnächst fortgesetzt werden. Wien. Am 5. November um 9 Uhr vormittags findet im Tempel, II., Tempelgaffe 3, die Bar-Mizwah-Feier des Sohnes des Ersten Kantors Friedrich S. Jurberger statt. Damen Jour des „Oesterreichischen Seehospitz" und „Ferienheim". Das vereinigte Damenkomitee der genannten Vereine wird wie im Vorjahre seine Five o clock tea zu Zwecken der beiden Institutionen auch Heuer nuter Mitwirkung hervor agender Kunstkräfte aufnehmen und hofft, daß alle Gönner und Freunde durch ihre Anwesenheit die Zwecke der Humanitären Sache kräftig fördern werden. Der erste Jour findet Donnerstag den 3. November d. I. um 4 Uhr nachmittags im „Shop Suy" (Chmefilchen Teesalon), I., Himmelpfortgaffe 27, statt, welches Lokal durch seine originelle Ausschmückung allgemein interessieren dürfte. Gäste herzlich willkommen. Ehrung eines jüdischen Schuldirektors. Der Direktor der städtischen Mädchenschule in der Novaragaffe, Herr Ignaz Weber, wurde vom „Verein zur Unterstützung mittelloser, taubstummer Schulkinder in Wien" zum Ehrenmitgliede ernannt. Der Verein, an dessen Spitze der k. k. Landesschuliivpektor Hofrat Dr. Karl Rieger steht und dem die vornehmsten Persönlichkeiten, sowie die Spitzen der Schulbehörden und sämtliche k. k. Bezirksschulinspektoren angehören, ist in Verleihung solcher Ehrungen höchst diffizil! und Herr Direktor Weber ist tatsächlich der erste Sch, lmann, dem diese Ehrung zuteil wurde. Herr Direktor Weber hat sich aber auch »m diesen segensreichen Verein, dessen Begründer und langjähriger Leiter er ist, unvergängliche Verdienste erworben. Am

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