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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 728 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 44 auch die Munifizenz für religiöse Zwecke sich gegenwärtig nicht so glänzend bewährt wie in früheren Zeiten, so hoffe er dennoch, daß der Appell des Baukomitees an den jüdischen Gemeinsinn nicht erfolglos bleiben werde. Präsident Dr. Alfred Stern betonte gleichfalls die Unzulänglichkeit der bestehenden Gotteshäuser, die nicht nur an den hohen Feiertagen, sondern auch bei besonderen festlichen Anlässen und selbst bei Freitag-Abend-Gottesdiensten sich fühlbar mache. Er wollte wohl der Stellungnahme des Kultusvorstandes zu dem geplanten Unternehmen nicht präjudizieren, aber die Bestrebungen des Vereines werden im Kultusvorstande nicht nur allseitiger Sympathie begegnen, sondern es werde auch gewiß die Kultusgemeinde, soweit es die vielseitg in Anspruch genommenen Gemeindemittel erlauben, einen entsprechenden Beitrag zu dem Tempelbaue leisten. Zu weiteren Anregungen und Erklärungen ergriffen noch das Wort die Herren Michael G l o g a u, Dr. S. L a n d a u, Ad. Glaser, Langer, Architekt Reicher, Hermann Eltbogeu, Josef Fischer, und nachdem die Debatte beendet, schloß der Vorfitzende die Versammlung mit einem Danke an die Anwesenden und mit der Bitte, zur Förderung des TempelbaueS nach Kräften beizutragen. Br«««. (DaS Ehrengrab des Handelskammerpräsidenten Julius Ritter v. Gomperz.) Auf dem von der israelitischen Kultusgemeinde Brünn im (hiesigen) israelitischen Friedhofe dem hochverdienten Handelskammerpräsidenten Julius Ritter v. Gomperz gewidmeten Ehrengrabe wurde dieser Tage ein Denkmal ausgestellt, das aus dem Sockel den Spruch trägt: „Deine Liebenswürdigkeit machte Dir jedes edle Herz entgegenschlagen." Das in den edelsten Formen der Antike gehaltene Denkmal aus grünschwedischen Syenit wird durch einen vorgebauten, aus Laaser Marmor gearbeiteten Portikus belebt, dessen Gebälke das Wappen des Verewigten im Mittelfelde trägt. Die zarten jonischen Säulen und die reichen, durch ornamentalen Schmuck gehobenen Gliederungen verleihen dem Ganzen würdevolle Anmut und rufen in dem Beschauer weihevolle Stimmung hervor. Die Grabstätte umschließt eine gleichfalls aus Laaser Marmor ausgeführte Einfriedung, die teilweise aus Ballustern, teilweise aus im antiken Stile gehaltenen durchbrochenen ornamentalen Geländerplatten zusammengesetzt und außerdem durch zwei Steinbänke unterbrochen wird. Diese einen harmonischen Abschluß des Denkmals bildende Einfriedung ist zudem noch durch Steinvasen und Bronzedreifüße mit reicher Blumendekoration geschmückt. Eine kleine, dem Grabdenkmal vollständig angepaßte originelle Gartenanlage umrahmt und schmückt die ganze Grabstätte und der davor geschaffene Platz vermittelt die für den Beschauer erforderliche Perspektive. Das Denkmal und deffen gesamte Anlage hat der Profeffor der hiesigen deutschen Staatsgewerbeschule Herr Architekt F. H i k e l entworfen und das Denkmal selbst ist von der Brünner Grabmonumentenfirma S. Löwen stamm genau nach dem Entwürfe ausgeführt worden. Franz Oppenheimer in Prag. 2m Festsaale des jüdischen Rathauses kam der berühmte Nationalökonom und Soziologe Dozent Doktor Franz Oppenheimer aus Berlin, am 30. vorigen Monats zweimal, und zwar vormittags und abends, vor einem dichtgedrängten erlesenen Auditorium zu Worte, um sein Projekt, die „Genossenschaftliche Siedlung in Palästina", darzulegen. Zwei Vorträge über dasselbe Thema, aber jedjer in anderex rhetorischer Form, einerseits das Problem an der Hand streng wissenschaftlicher Theorien aus dem Grunde tiefst schöpfender Gelehrsamkeit vor Kollegen und Fachleuten beleuchtend, andrerseits den komplizierten Eedankengang in allgemein verständlicher, glanzvoller Fassung einer weitern Hörerschaft vermittelnd. Oppenheimer geht von den gescheiterten Versuchen der industriellen Produktivgenossenschaften aus, und weist sodann mit logsscher Schärfe und Heranziehung psychologischer Motive an der Hand von Beispielen nach!, daß für die landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft, die Siedlungsgenossenschaft, die Verhältnisse und Voraussetzungen gerade entgegengesetzt und somit ungleich günstiger liegen. Die industrielle Produktivgenossenschaft ist gescheitert im Kampf um den Kredit, dem Kampf um den Absatz und dem Kampf um die Arbeitsform. Während nun bei diesen industriellen Produktivgenossenschasten der schon im Anfänge nötige Kredit als ungedeckter Personalkredit nicht oder nur schwer gewährt wird, ist bei der Siedlungsgenossenschaft ein Realkredit bis zur vollen Höhe des Bodenwertes, in Farm der Pacht oder Hypothek, mit Leichtigkeit zu erzielen. Und auch der Absatz landwirtschaftlicher Produkte» wie Weizen oder Orangen, auf dem Weltmärkte kann nicht stagnieren, während es sehr wohl möglich ist, daß für industrielle Produkte die Absatzmöglichkeit für den Augenblick nicht geschaffen werden kann. Und während in der Industrie der „feindliche Wettkampf" vorherrscht, finden wir bei dem landwirtschaftlichen Betriebe den „friedlichen Wettbewerb", die merkwürdige Erscheinung, daß Neufindungen und Verbesserungen von dem Einzelnen nicht ängstlich gehütet, sondern ganz im Gegenteil zur Weiterverbreitung anempfohlen werden. Für die in Palästina geplante genossenschaftliche Siedlung kommen drei juristische Personen in Betracht: Der Jüdische National- Fond als Landeigentümer für ewige Zeit und Verpächter. die Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Berlin, die das Unternehmen finanziert, und die Arbeiterschaft, die mit der bisher unerhört hohen Quote von 75 Prozent des Reingewinnes, der nach einer 4prozentigen Verzinsung der Genossenschaftsanteile verbleibt, beteiligt und somit persönlich interessiert ist; so werden die Vorteile des Großbetriebes mit denen des Einzelbetriebes vereinigt, während die Schäden beseitigt sind und im Eigeninteresse des Einzelnen sieht der Redner die brste Bürgschaft des Erfolges.. Da die Bodenvyraussetzungen sowie das Arbeitermaterial jetzt schon -vielversprechend sind, so erwartet Oppenheimer das Gelingen des Projektes, das solchenfalls nicht nur eine entsprechende Verzinsung, sondern auch eine sukzessive Amortisierung der Anteilscheine ermöglichen würde. Es handelt sich um ein in jahrelanger Arbeit durchdachtes wissenschaftliches Experiment, das in erster Reihe bestimmt ist, eine systematische und nach volkswirtschaftlichen Gesetzen organisierte, sich immer weiter entwickelnde Besiedelung in Palästina ins Leben zu rufen und die Unterstufe für die Hebung des Wohlstandes und der Kultur der dortigen Juden zu bilden, daß das aber auch im Falle des vollständigen Gelingens direkt und indirekt der Allgemeinheit zu gute käme. Oppenheimer, der sein Projekt demnächst auch vox dem Wiener Publikum auseinanderzusetzen Gelegenheit haben wird, schloß Mit einem beredten Appell zur materiellen Unterstützung seines ja schon in anderen gjroßjen Städten geförderten Projektes und fand für seine in Inhalt und Form meisterhaften Ausführungen und seine hinreißende rhetorische Leistung nicht nur einen minutenlangen stürmischen Beifall der alle Räume bis auf das letzte Plätzchen dicht füllenden distinguierten Zuhörerschaft, sondern auch die Anerkennung der anwesenden Fachautoritäten, von denen in erster Reihe die Professoren Exzellenz Hofrat Dr. Braf, Zuckerkandl, der Dekan der jurid. Fakultät Spiethoff und Gruber gu nennen sind. Auch sonst hätten sich zahlreiche Vertreter der Finanz, Industrie und des Kaufmannsstandes, sowie der Gelehrtenzumal Juristenberufe eingefunden. Unter dem faszinierenden Eindrücke des Vortrages und der Persönlichkeit des Redners wurden auch bereits am ersten Tage etwa 4000 Kronen gezeichnet, und haben sich zwei den ersten Finanzkreisen Prags angehörende Persönlichkeiten Mein mit 2000 Kronen an die Spitze der Sammlungen gestellt.

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