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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 726 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 44 größere Rolle spielten. Wo find fie? Was ist aus den Söhnen des großen Assyrers geworden? Wer spricht heute von den Kanaanitern? Was ist von den Phöniziern und Karthagern geblieben, die einstmals die Herrscher der Kultur zu werden drohten? Alle diese Nationen haben fich mit anderen Völkern vermischt und jede Erinnerung an ihren Ursprung verloren. Anders die Juden. Sie bestehen noch, und es ist ihre Religion, die fie bestehen läßt; ohne fie wären auch sie vergessen, denn fie ist dasjenige, wodurch die Juden auf die Geschichte der Menschheit Einfluß hatten. Jerusalem gehört den Türken, ihr Tempel ist zerstört, ihr alter Glanz erloschen, ihr Volk über den Erdball verstreut. Was Zacharia und seine Zeitgenossen erhofften, ist unerfüllt geblieben, die Nationen pilgern nicht auf den Berg Zion. Israel ist nicht der Mittelpunkt der Welt. Aber in einem anderen Sinne, und vielleicht in dem Sinne, in dem fie hauptsächlich gemeint waren, haben sich die Worte des Propheten erfüllt. Die Quelle, von der aus der durstigen Welt alle Wasser zugefloffen sind, ist die jüdische Quelle. Das Heil kommt von den Juden. Jesus war ein Jude; keine andere Nation hätte ihn hervorbringen können. Das Christentum hat die Juden verachtet, es hat sie verfolgt und unterdrückt, aber die Zeit wird kommen, in der das Judentum erkannt und verehrt werden wird als der Vaterstamm des Christentums." Professor Weigert. In letzter Zeit ist bei den Erörterungen über staatliche Zurücksetzung jüdischer Gelehrter auch in diesem Blatte häufiger von Profeffor Weigert, dem Schwager Professor Ehrlichs, die Rede gewesen, so daß einige nähere Daten über diesen bedeutenden Mediziner wohl intereffant sind. Der Geheime Medizinalrat Profeffor Karl Weigert, weiland Direktor des „Senckenberg'schen Anatomisch-Pathologischen Institutes" zu Frankfurt am Main, war Ende der 1670er Jahre durch die medizinische Fakultät der Universität Leipzig zum Nachfolger des Pathologen Cohnheim erwählt worden, erhielt aber trotz seiner schon damals anerkannten wiffenschaftlichen Bedeutung lediglich seines Glaubens wegen nicht die Bestätigung der sächsischen Regierung, die fich hiebei auf das Statut der Universität stützte. In der Folge hat es fich gefügt, daß der deutschen Wissenschaft und dem menschlichen Fortschritt hieraus kein Nachteil entstand. Es fand fich für den Forscher Weigert, dessen Methoden der Bakterienfärbung grundlegend und weltbekannt geworden sind, eine würdige Stätte fruchtbringende Tätigkeit an den schon in Goethes „Wahrheit und Dichtung" erwähnten, durch Weigerts Wirken zu Weltruf gelangten „Senckenberg'schen natmforschenden Jnstüut" zu Frankfurt am Main. Im Jahre 1905 ist der verdienstvolle, stets seinem Glauben treu gebliebene Mann zu früh für die Wiffenschaft verstorben. Korrespondenzen- Wiener Kultuswahle». Laut Kundmachung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde findet die von der Gesamtheit der Gemeinde- Mitglieder vorzunehmende Neuwahl, resp. Ersatzwahl von Vorstandsmitgliedern sowie die Neuwahl der Vertrauensmänner Sonntag, den 27. November 1910, und eine eventuelle engere Wahl Sonntag den 4. Dezember 1910 statt. Zu wählen sind: Neuwahl von 8 Vorstandsmitgliedern mit 6jähriger Mandatsdauer u. zw.: a) für die Herren: Kais. Rat Siegmund Kauders, kais.. Rat Leopold Langer, Mil. et jur. Dr. Markus Spitzer, welche mit Ende Dezember d. I. infolge Mandatsablauf aus dem Vorstande scheiden, jedoch wieder wählbar sind; b) für die vor Ablauf des Mandates verstorbenen Herren: Theodor Ritter v. G o l d s ch m i d t, Emil Horner, Oskar Marmorek, Wilhelm Pollak, Wilhelm Stiaßny. Ersatzwahl von 2 Vorstandsmitgliedern mit 4jähriger Mandatsdauer für den aus dem Vorstande ausgeschiedenen Herrn kais. Rai Leopold Sachs und den verstorbenen Herrn Karl S e l i g m a n n und eine Ersatzwahl für die Mandatsdauer von 2 Jahren für den aus dem Vorstande ausgeschiedenen Herrn Dr. Alfred Berger. Die von den höherbesteuerten M i t g l i e d e r n vorzunehmenden Wahlen finden Mittwoch, den 7. Dezember 1910, und eine eventuelle engere Wahl Freitag, den 9. Dezember 1910, statt. Zu wählen find: Neuwahl von 4 Vorstandsmitgliedern mit 6zähriger Mandatsdauer für die Herren David Ritter ron Gutmann, Moritz Edlen von Kuffner, Wilhelm Kussner, welche mit Ende Dezember d. I. infolge Mandatsablauf aus dem Vorstande scheiden, jedoch wieder wählbar sind; ferner für den vor Ablauf-seines Mandates aus dem Vorstande ausgeschiedenen Herrn Leopold von Liebe n. Eine Ersatzwahl mit 4jähriger Mandatsdauer für den aus dem Vorstande ausgeschiedenen Herrn Dr. Josef Breuer. Eine Ersatzwahl mit 2jähriger Mandatsdauer für den aus dem Vorstande ausgeschiedenen Herrn Bernhard P o l l a ck Edlen von P a r n a u. Näheres enthalten die Kundmachungen. Eine interessante Enthüllung. Wann, das heißt, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen, gegen welche Gegenleistungen soll man in einem Wahlkampfe gegen antisemitische Parteikandidaten Wahlhilfe leisten? Zur Beantwortung dieser schwierigen Frage bringt das offizielle Organ der unter Führung des Herrn Lucian Brunner marschierenden Wiener Zionisten nachstehende Enthüllung, die als historisches Dokument zur moralischen Bewertung der Leute, die sich in Wien als „Zionisten" aufsvielen, der Vergessenheit entrissen sein soll. Die „Jüdische Zeitung" Nr. 43, vom 27. Oktober 1910, teilt wörtlich mit: Als Dr. O f n e r im Jahre 1907 gegen den Christlich- Sozialen in die Stichwahl kam, haben die Jüdischnationalen für ihn gearbeitet. Die Freiheitlichsozialen versprachen dagegen, bei den kommenden Kultuswahlen für die Jüdischnationalen einzutreten. Bei der Kultuswahl haben sie aber wütend gegen uns und für die offizielle Kultusclique agitiert. Als man ihnen diesen gemeinen Verrat vorhielt und sie an ihre schriftlichen (! ) und mündlichen ehrenwörtlichen Verpflichtungen (!!) mahnte, erwiderten die Führer der Schwarz-Hiller- Partei wortwörtlich: „In der Politik gibt's kein Ehrenwort!" Dunkle Ehrenmänner! So weit die „Jüdische Zeitung". Das macht ein anderes, seinerzeit vielbesprochenes Vorkommnis verständlich. Bei den letzten Wiener Gemeinderatswahlen im Frühjahre, als die Juden im ersten Bezirk gegen zwei Renegaten, die fich ihnen als Gemeinderats-Kandidaten aufdrängten, gekämpft haben, trat man an zionistische Studentenvereine schriftlich mit dem Ersuchen heran, für die Arbeit am Wahltage einige Vereinsgenossen zur Hilfeleistung zu delegieren. Das Ersuchen wurde abgelehnt — offenbar weil man verabsäumt hat, der „Partei" als Gegenleistung Kultusmandate zu — versprechen. Unklar ist einigermaßen, wem der Ausruf „Dunkle Ehrenmänner" gelten soll, ob Leuten, welche, wenn sie auch Juden find, gegen antisemitische Kandidaten nur dann Wahlhilfe leisten, wenn ihnen dafür wenigstens Mandate für den Vorstand der Kultusgemeinde schriftlich und ehrenwörtlich „versprochen" werden, oder Jenen, welche solche Leute zur Leitung einer jüdischen Gemeinde schließlich denn doch als ungeeignet erachten.

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