Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Brochs Wochenschrift. Seite 725 die Reise Nathans und ihr Zweck, sowie die Ursache der plötzlichen Rückreise streng geheim gehalten werden, er persönlich den Eindruck gewonnen habe, daß Dr. Nathan tatsächlich wegen der Schwierigkeiten bei der Emigration nach Galveston, die Dr. Nathan für sehr wichtig hält, nach Amerika gefahren sei. Er habe jedoch mit seiner Reise einen noch viel wichtigeren Zweck verbunden. Er wollte wissen, in welchem Matze er auf die Mithilfe der jüdischen Persönlichkeiten in Amerika rechnen könnte, wenn es ihm gelingen sollte, von der türkischen Regierung die nötigen Konzessionen für ein grotzes Kolonisationsunternehmen in der Türkei und im besonderen in Palästina gu erlangen. _ Major Moses Götzl. Von Moritz Frühling. Am 3. März 1830 zu Hoch-Lieben in Böhmen geboren, am 13. Dezember 1850 zum 1. Festungs-Artillerie-Bataillon assentiert, diente er drei Jahre als Kanonier, bis er, im Jänner 1854, in die Prager Artillerie-Schul-Kompagnie transferiert wurde. Nur anderthalb Jahre, u. zw. von seiner am 16. Februar 1855 erfolgten Beförderung zum Korporal bis zum 1. September 1856, diente Götzl bei einem Feld-Artillerie-Regimente. Die ganze lange weitere Dienstzeit wirkte er in verschiedenen Zeugs- Artillerie-Kommanden, so in Bergstadl, Peterwardein, Wiener- Neustadt und Essegg. Im Zeugs-Artillerie-Kommando Nr. 4 avanzierte er am 21. August 1857 zum Feuerwerker, am 9. Juli 1859 zum Leutnant und am 1. November 1868 zum Oberleutnant. Im Zeugs-Artillerie-Depot zu Bergstadl wurde er Hauptmann II. Klasse, am 1. November 1876; Hauptmann I. am 1. Mai 1879 im Zeugs-Artillerie-Depot zu Wiener-Neustadt. Am 1. August 1882 wurde Hauptmann Götzl auf den verantwortungsvollen Posten als Kommandant des Artillerie- Zeugs-Depots zu Efsegg berufen, in welcher Dienstverwendung er schon bis zu seiner am 1. Februar 1885 erfolgten Pensionierung verblieb. Anläßlich seiner Versetzung in den Ruhestand wurde ihm der Titel und Charakter eines Majors verliehen und ihm auch der Ausdruck allerhöchster Zufriedenheit bekanntgegeben. Major Götzl starb am 28. Jänner 1895 in Vtelno bei Jungbunzlau Henry de Rothschild bei Ehrlich. Im Pariser „Temps" berichtet Dr. Henry de Rothschild ausführlich über einen Besuch, den er kürzlich dem Entdecker des Mittels „606" in Frankfurt a. M. abgestattet hat. Der bekannte Pariser Arzt erzählt zunächst, daß er sich durch die Ausbrüche von Feindseligkeit und Skeptizismus, mit denen die Kunde von Ehrlichs Entdeckung in Frankreich ausgenommen wurde, nicht beirren ließ. Er beschloß, sofort in seiner eigenen Poliklnik Versuche mit dem neuen Mittel anzustellen. Die Ergebnisse waren über Erwarten gut. Besonders erstaunlich war die Heilung eines el'jährigen Mädchens, das seit vier Jahren durch eine bösartige Kniegeschwulst infolge ererbter Krankheit ans Bett gefesselt war. Die Amputation des Beines schien unvermeidlich. Am l. Oktober wurde eine Injektion von „606" vorgenommen. Dreimal 24 Stunden später konnte das Kind ohne Schmerzen frei im Z mmer herumgehen, augenblicklich kann es als beinahe völlig geheilt bezeichnet werden. Von dem Wert des Mittels „606" war Henry de Rothschild nach solchen Erfolgen überzeugt. Aber auch über die Persönlichkeit des Erfinders hatte man in Frankreich allerlei Ungünstiges verbreitet. Man hat sogar behauptet, die ganze Entdeckung des angeblichen Heilmittels sei nichts weiter als ein „Börsencoup" zugunsten der Aktien gewisser industrieller Unternehmungen. Die Ausstreuungen veranlaßten Herrn de Rothschild, die Reise nach Frankfurt a. M. anzutreten. Als begeisterter Bewunderer Ehrlichs ist er von ihr nach Paris zurückgekehrt. Die mehrstündige Unterhaltung zwilchen dem deutschen Gelehrten und 'einem französischen Besucher betraf ausschließlich das Mittel „606" und die Beobachtungen, die in den rund 14.00O Berichten von Aerzten aller Länder an Ehrlich niedergelegt sind. Professor Ehrlich versicherte, daß ihm ft in Fall von Erblindung infolge des neuen Mittels bekannt sei und daß für die zwölf oder dreizehn Todesfälle unter 14.000 Fällen von Behandlung das Mittel „606" nicht „direkt" verantwortlich gemacht werden dürfe. Nach Ehrlichs Angabe können neunzig Prozent der Kranken erfolgreich und gefahrlos mit „606" behandelt werden. Auf Rothschilds offene Frage, was von dm Gerüchten über die geschäftliche Ausbeutung der Entd'ckung Ehrlichs zu halten sei. erwiderte der Gelehrte: „Ich hätte leicht ein Vermögen erwerben und jährlich bedeutende Summen verdienen können, wie zum Beispiel der Erfinder des Veronals. Aber ich habe nie an dergleichen gedacht, obgleich ich es berechtigt finde, daß die Arbeit eines ganzen L'bens durch materielle Vorteile belohnt wird. Mein Leben verläuft im Laboratorium. Ich kenne keinen Luxus und habe keine Bedürfnisse. Dank der Hochherzigkeit von Freunden der Wissenschaft konnte ich 30>>.000 Mark aufwenden, um das Mittel „606" zu suchen. Auch einen Teil meines Nobelpreises habe ich dafür ausgegeben .... Der Verkaufspreis des Mittels wird sehr gering sein. Den mir zufallenden Teil des Gewinnes werde ich zur Gründung und zum Unterhalt eines Instituts für biologische Chemie in Frankfurt a. M. benutzen. Krankenhäuser und arme Patienten werden das Mittel zum Selbstkostenpreis erhalten." „Beim Abschied" — so schließt der Bericht H. de Rothschilds — „reichte Ehrlich mir freundlich die Hand, d'e ich bewegt drückte. Dann verließ ich den großen Gelehrten. Die Stunden, die ich bei ihm verlebte, werden mir unvergeßlich bleiben." Die Predigt eines englischen Pastors. Rev. R. I. Campbell ist einer der populärsten Pastoren in London. Der überaus freisinnige Geistliche hat neulich auch den Juden einige Worte gespendet, wie sie in O-sterreich wahrscheinlich unmöglich wären, aber auch in England selten find. Als Text hatte Rev. Campbell die Worte aus dem Propheten Zacharia genommen: „Wahrlich, so spricht der Herr Zebaoth, in jenen Tagen wird es gescheben, daß zehn Mann aus allen Sprachen der Völker einen jüdischen Mann beim Rockzipfel fasten und zu ihm sprechen werden: „Wir wollen mit dir gehen, denn wir haben gehört, daß Gott mit dir ist." (Zach. VII, 23.) Im Verlauf seiner Predigt führte er dann etwa folgendes aus: „Es liegt mehr als Rastestolz in dieser Prophezeiung, und das Wunderbare ist, daß sie sich in gewiffer Weise erfüllt hat, wenn auch nicht so, wie sie der Prophet gemeint hat. In gewiffer Weise find die Juden das wunderbarste Volk der Erde, und ihre Religion hat sie dazu gemacht. Was gibt diesem winzigen Volke unter allen semitischen Völkern die Beharrlichkeit, sich als Nation Jahrhunderte hindurch zu bewahren, obwohl es 2500 Jahre hindurch in politischer Abhängigkeit und nahezu 1900 Jahre ohne ein Land lebt, das es sein eigenes nennen kann? Was anders, als daß Gott selbst es zum gerstigen Vermittler zwischen sich und der Menschheit erwählt hat? Seine Nationalität und seine Religion find von einander untrennbar; Jude sein heißt nicht nur ein Nachkomme Abrahams sein, es bedeutet ein Festhalten an dem Glauben Moses und der Propheten. Von keinem anderen Volke in der Geschichte kann man dasselbe sagen. Ein Engländer braucht nicht zugleich Mitglied der englischen Kirche zu sein; aber der Name Jude umfaßt Religion und Nationalität zugleich. Dies ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Es gab in alten Zeiten weit mächtigere semitische Nationen als die Juden find, die durch Blut und Sprache ihnen verwandt waren und politisch eine weit t ' l , l„ >:1 i 's ■j i j