Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 724 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 44 Auf diese Weise werden die Geschicke des Volkes 'vom Volke selbst bestimmt werden, nicht von einem einzigen, nicht von einem Stammtisch, nicht von einer Gruppe, nicht von einer Partei. Zögern wir nicht lange, denn es ist keine Zeit zu verlieren. Ich bin bei eit, schon in den nächsten Woeben in allen grösseren Gemeinden des Landes Versammlungen abzuhalten, um den Gedanken vom Volksrat der Bukowinaer Juden ausführlich darzustellen, um jedermann in dieser Lebensangelegenheit unseres Volkes Bede und Antwort zu stehen. Stammesgenossen! Man sagt uns Juden rasche Auffassung nach; es ist daher überflüssig, viele Worte zu machen. In dieser Zeit der Not brauchen wir, woran es unseren Vorfahren niemals gefehlt hat, rbeherzte Leute, gotterfullte Geister, Aläuner der Wahrheit, Feinde der Habsucht“. Aus solchen, aber auch nur aus solchen Männern soll der Volksrat der Bukowinaer Joden bestehen. Lieser Aufruf ergeht an die Grössten, wie an die Geringsten unseres Volkes, kein Jude in der Bukowina steht so hoch, dass die drohend geschwungene Axt nicht die Wurzeln seines Daseins treffen Könnte; keiner ist so arm, dass er in der allgemeinen Gefahr nichts zu verlieren hätte. Batiosigkeit ist immer gleichbedeutend mit Hilflosigkeit. Jeder, der daran mitarbeitet, uns Juden der Bukowina einen Volksrat zu geben, hat seinen Anteil an der Hilfe, die wir für unser Volk erstreben. Jeder Jude ia der Bukowina hält jetzt seine eigene Zukunft, die Zukunft seiner Stammesgenossen in der Hand Dr. Leon Kellner o. ö. Professor an der Universität. Eine Unterredung mit Dr. Paul Nathan. Der Korrespondent des Warschauer Blattes „Unser Leben" hatte mit Dr. Paul Nathan, der seinen auf längere Zeit berechneten Aufenthalt in Amerika plötzlich unterbrach und nach Berlin zurückkehrte, eine Unterredung. Auf die vielen Fragen, die ihm der Journalist vorlegte, erwiderte Dr. Nathan: „Der einzige Zweck meiner Reise nach Newyork war, mit einem ganz kleinen Kreis amerikanischer Persönlichkeiten, die ich bereits in Europa kennen lernte, in nähere Beziehungen zu treten. Hauptsächlich wollte ich mit Jakob H. Schiff, diesem großen jüdischen Philanthropen, mit dem weiten Blick und der großen Energie eines Staatsmannes, Rück pruche nehmen. Er hülle mich bereits einigemale gebeten, ihn in Newyork zu besuchen. Ferner hatte ich die Absicht, die aus den osteuropäischen Ländern einwandernden Juden, besonders die Art und die Dauer ihrer Entwicklung zu amerikanischen Bürgern zu studieren. Da ich jedoch durch äußere Umstände gezwungen war, meinen Aufenthalt in Amerika jäh zu unterbrechen, war es mir nicht möglich^ meine Studien auf diesem Gebiete zu Ende zu führen, wie ich es beabsichtigte. Doch ist 0er Emoruck, oe« ich empfangen bube, 0er. oaß die osteuropäischen Juden unter dem Einflüsse der amerikanischen Verhältnisse sich in sehr angenehmer Weise zu ihrem Vorteile entwickeln. Niemals konnte ich die gute Wirkung freier politischer Verhältnisse in so augenfälliger Weise beobachten, wie bei der Betrachtung der jüdischen Einwanderer in Amerika. Schon die Haltung, die Aufführung der Aelteren sowohl wie der Kindey, ist nach 1—2 jährigem Aufenthalte in Amerika eine ganz andere, wie man sie bei den osteuropäischen Juden zu beobachten gewohnt ist. Wäre in Rußland und in Rumänien nur der gute Wille vorhanden, hätte man es nicht nötig, erst die Verhältnisse in Amerika zu studieren, um zur lleberzeugung zu gelangen, daß die Juden in den osteuropäischen Ländern ein Menschenmaterial bilden, das für ein Land Außerordentliches vermag, wenn man ihm nur die Möglichkeit zur Ausbildung und Entfaltung seiner Kräfte bietet. Alles, was mir hierüber gesagt wurde und was ich gelesen habe, fand ich in der kurzen Zeit, die ich dort war, vollauf bestätigt: in Schulen, in Bocksbibliotheken, in Gesprächen mit unbekannten Kindern und Erwachsenen auf der Straße. - Und wenn Sie mich fragen, wie die Aussichten für eine Einwanderung in der Zukunft seien, so kann ich sagen, daß ich gar keinen Grund habe, pessimistisch oder ängstlich in die Zukunft zu blicken. Gewiß gibt es Kreise, welche die Einwanderung und zwar nicht nur die jüdische, einschränken möchten,- es scheint mir jedoch, daß der Einfluß dieser Elemente nicht groß ist. Die große Masse des amerikanischen Volkes ist fest überzeugt, daß bildungsfähige, arbeitssame und friedliche Einwohner ein Segen für die Vereinigten Staaten sind und daß sie den Wohlstand des Landes noch werter fördern werden. Und weil die osteuropäischen Juden sehr gute Eigenschaften besitzen, glaube ich nicht, daß gewisse Theorien, die den Tatsachen widersprechen, imstande sein werden, die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten zu beeinflussen. Aber die jüdische Presse, die einen Einfluß auf unsere Brüder in den osteuropäischen Ländern hat, muß immer und immer darauf aufmerksam machen, daß die Entwicklung des Judentums in den Vereinigten Staaten um so rascher und glücklicher vor sich gehen werde, je stärker die Emigranten von der Ueberzeugung durchdrungen sein werden, daß es dort außer Newyork noch eine große Zahl von Städten und Staaten gibt, wo es den Juden möglich ist, leichter und schneller eine Existenz zu finden, als in der Riesenstadt Newyork. Der Blick der osteuropäischen Juden soll nicht ausschließlich nach Newyork gewendet sein. Es wäre ganz faisq, zu behaupten, daß Newyork bereits überfüllt sei, aber die Zahl der Juden ist bereits eine große und um die Ueberfüllung mit allen ihren Folgen zu vermeiden, muß die jüdische Presse unaufhörlich daraus aufmerksam machen, welche Chancen für diejenigen, die nach Ealveston auswandern, bestehen und daß das Hinterland von Galveston eine gute Möglichkeit für Arbeit biete. Wird es gelingen, die jüdischen Einwanderer in Amerika auf rationelle Weise zu verteilen, wird dadurch, wie ich überzeugt bin, ein ungeheures Glück geschaffen werden, nicht nur für unsere Brüder, sondern auch für die Vereinigten Staaten. Auf Ihre Frage, wie sich die jüdischen Kreise von Amerika zu siner jüdischen Einwanderung aus den osteuropäischen Ländern nach der Türkei verhalten, kann ich Ihnen nur sagen, daß man dort ein volles Verständnis und volle Sympathie für diese Bestrebungen hat. Man muß stets mit der Möglichkeit rechnen, daß die Einwanderung nach Amerika infolge einer großen, langanhaltenden Krisis zeitweilig aufhören könnte. Schon für den Fall solcher Zwischenfälle ist die Einwanderung nach der Türkei, die jedoch nur mit Zustimmung der türkischen Regierung erfolgen kann, von großer Bedeutung. Man weiß auch in Amerika die Bestrebungen einer großen Zahl unserer Brüder, welche den Strom der jüdischen Emigration nach der Türkei lenken möchten, richtig einzuschätzen. Die amerikanischen Juden haben diese ihre Sympathie durch große und wichtige Unterstützungen einer Reihe von Unternehmungen in Palästina in großartiger Weise bewiesen. Ich erinnere nur an die große Spende, die Jakob H. Schiff für das Polytechnikum in Haifa gemacht hat, für welches auch die Odessaer Familie Wissockv große Summen gegeben hat. Ich erinnere ferner an das Institut zur Erforschung der besten Methode der Landwirtschaft, das unter der Leitung des Herm Ahronsom> steht und das den Juden, Christen und Mohammedanern in gleichem Maße von großen Nutzen sein wird. Der Präsident der Gesellschaft ist auch ein Amerikaner, der ausgezeichnete Philanthrop, Herr Rosenwald in Chicago."! i Zu diesen wörtlich aufgenommenen Aeußerungen Dr. Nathans bemerkt der Korrespondent, daß wenngleich