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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 722 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 44 Sollen die Juden im pravoslovenen Mitrovica, im evangelischen Carua, im islamitischen Sarajewo auch kulturell katholische, christlichsoziale Politik und Kultur fördern? Es ist klar, daß wir kroatischen Juden, die wir in größter Harmonie mit unseren andersgläubigen Mitbürgern leben, deren politische, kulturelle und soziale Bestrebungen zu fördern uns bemühen. Können wir Juden aber deshalb Mitglieder der christlichsozialen Partei sein? Am Vorabend des Jom Kipurs in der Kolnidrenacht verbreitete sich die Kunde von der tagsfrüher stattgefuudeneu Konstituierung der „Christlich-sozialen mosaischen Konfession". Die ältere Generation erinnerte sich plötzlich einer anderen Kolnidrenacht, die vor einem halben Jahrhundert in Zagreb geschehen — einer Nacht voll Schrecken und Grauen. Der damalige Bischof von Zagreb dachte ebenfalls daran, die Juden für das kulturelle „Christentum" zu gewinnen — nur da es keine politischen Parteien gab, wählte er einen anderen Weg. Er bewog einen Rabbiner durch große Geldmittel zur Taufe, die ganz im geheimen vor sich ging — und Koluidrenacht, von der Kanzel, vor der Bundeslade, redete der abtrünnige Priester seinen Gemeindemitgliedern zu, sie mögen doch den alten Irrglauben lassen, eins werden mit der übrigen Bevölkerung und die Taufe nehmen. Die Zagreber Juden waren entsetzt, es kostete der Polizeimannschaft große Mühe, den schreckensbleichen Redner aus dem Gotteshause lebend hiuauszubringen. Die Juden nahmen große Bußübungen auf sich, fasteten vierzig Tage und stärker als zuvor ward die Gemeinde, die sich damals ihr neues schönes Gotteshaus baute — der Parteigänger des Bischofs, der abtrünnige Rabbi, wurde bischöflicher Güt'rverwalter, doch nie hat mehr ein Jude mit ihm gesprochen. Heute ist die Sachlage wohl ganz anders. Heute haben wir eine stolze, selbstbewußte jüdische Jugend, heute weht frisches, pulsierendes Leben unter den kroatischen Juden, heute wagt es niemand, mit dem Anträge zur Massentaufe zu kommen. Heute heißt es „Mitglieder der christlichsozialen Partei zu sein" — aber auch das wird absolut nicht ziehen. Wenn es auch zu den geplanten Protestversammlungen nicht gekommen ist — denn wir Juden haben uns als solche, da wir ja keine besondere Partei sind, nicht in den Wahlkampf zu mengen — viel Anhänger wird die neue Partei unter den Juden Kroatiens nicht haben. Es ist möglich, daß bei einzelnen Wahlen, in den einzelnen Orten Juden für einen ihnen persönlich sympathischen Anhänger der Partei stimmen — aber die Angehörigkeit zur christlichsozialen Partei und zum Judentum gleichzeitig ist ausgeschlossen. Da hoffentlich niemand heute einer Absallsbewegung, einem Uebertritte zum Christentum das Wort redet, so werden wohl auch die Herren Arrangeure der „jüdischen christlichsozialen" Bewegung, soweit sie es nicht bereits getan, einsehen, daß sie aus einem falschen Wege sind. Ein Jude kann und darf ebensowenig sozial und kulturell Christ sein, wie er es nicht religiös sein kann — die jüdische Kultur, die jüdische Ethik, der jüdische soziale Geist entspricht uns, er entspricht allem, was ein Mensch Edles, Schönes und Gutes erhoffen und erstreben kann. Wem aber sein Judentum nicht genügt, wer durchaus kulturell und sozial Christ werden will — das kroatische Judentum hat schon ganz andere Stürme erlebt und wird auch diesen Austritt ertragen. Das christUchsoziale Panama in der Bukowina. Natürlich fährt die Dementierspritze im Galrpp heran, um womöglich die Anwürfe gegen die Mißwirtschaft der christlichsozialen, rumänischen Raiffeisenkassen in der Bukowina wegzuschwemmen. „Dies Kind, kein Engel ist so rein, laß Deiner Huld empfohlen sein." Aber der geduldige § 19 des Preßgesetzes, der rechts und links gegen die Meldungen angewendet wird, kann doch die Hauptsachen nicht aus der Welt schaffen. Niemand vermag es zu leugnen, daß die Raiffeisenkassen, welche für die Kreditbedürfnisse der Bauern gegründet wurden, tatsächlich eine Bürgschaft von neun Millionen Kronen für das Holzgeschäft mit dem griechisch - orientalischen Religionsfonds übernommen haben. Jeder Sachverständige weiß nun, wie groß das Risiko gerade im Holzgeschäfte ist und daß sich auf diesem Gebiete die größten und solidesten Firmen in kürzester Zeit finanziell verblutet haben. Wie kann mau es nun wagen, das Vermögen der armen Bauern, welche nach der Berichtigung „nur" für das Dreißigfache ihrer Anteile haftbar sind, einer Lotterie anzuvertrauen, statt das Geld pupillarsicher auzulegen? Den Leitern des Kassenverbandes ist es wohl klar, daß ein rumänischer, wie jeder andere Bauer Haus und Hof verliert, wenn er ein paar hundert Kronen Bargeld auftreiben muß. Aber daran liegt nun einmal nichts. Der Zweck heiligt die Mittel und in diesem Falle ist der echt christlichsoziale Zweck, die jüdischen Pächter des Religionsfonds zu verdrängen. Nun kam gleich im Anfang die Affäre mit dem Kreditwechsel, der von der Zentralbank tschechischer Sparkassen an die neuen Holzhändler in der Bukowina geschickt und nicht eingelöst wurde. Nach den ersten Meldungen war der Betrag dieses Wechsels zwei Millionen Kronen, jetzt aber wird er aber auf zweimalhunderttausend Kronen restringiert. Seine Einlösung soll auch nur aus formalen Gründen nicht erfolgt sein, bloß weil ein Gesellschafter der Firma, welche die Holzgeschäfte der Raiffeisenkassen betreibt, sich gerade auf einer überseeischen Reise befand. Selbst wenn dieser merkwürdige Zufall glaubwürdig ist, so wirft er doch ein helles Licht auf die Ordnung in der bezeichnten Firma und auf die Sicherheit, in welcher sich die Bürgschaft der Raiffeisenkassen befindet. Außerdem mutet es ganz merkwürdig an, daß die Landesbehörden in der Bukowina eine eifrige Untersuchung in der Sache führen, daß die Lzernowitzer Blätter ganz ungescheut von „Holz und Politik" sprechen und dabei bemerken, daß für die Bedürfnisse der Bauern in der Raiffeisenkasse kein Geld vorhanden ist. Man muß die Resultate der Untersuchung abwarten, um nicht das christlichsoziale Muster der skrupellosen Anschuldigung nachzuahmeu. Sicher aber ist jedenfalls jetzt schon, daß die rumänischen Raiffeisenkassen mit der Millionenbürgschaft im Holzgeschäft in ein finanzielles Abenteuer hineingerissen wurden, bloß um die Juden zu verdrängen. Czernowitzer Blätter behaupten, daß die Unternehmung begonnen wurde, um ein paar Parteianhängern einträgliche Stellungen zu verschaffen. Wenn sich Juden etwas ähnliches erlauben würden? Das Abenteuer in der Bukowina mag vielleicht gut ausgehen, vielleicht aber dasselbe Ende haben wie die Raiffeisenspekulationen in Kärnten, die eine Katastrophe des Landes wurden. Die christlichsoziale Patronanz und die antisemitische Tendenz scheinen den Behörden für die bedenklichste Erlaubnis zu genügen. Geht es schief, hat die christlichsoziale Partei mit dem Ganzen nichts zu schaffen gehabt und diese geht unentwegt auf die Straße, um gegen die angebliche jüdische Korruption weiter zu Hetzen. Geradezu köstlich ist jedoch die Bemerkung, die Geßmann über die Holzaffäre in der Bukowina machte: „Wenn irgendwo in der Monarchie ein Geldunterschleif vorkommt, sagte der ehemalige Bürgermeisterkandidat höhnisch, „so macht man sofort die christlichsoziale Partei dafür verantwortlich". Wenn diese

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