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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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»'-« Dr. Bloch’s 1*p»“ Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Zudenknms -□ , —□- Wien, 4. November 1910 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie», IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Jüdische Christlich-Soziale in Kroatien. — Das christlich-soziale Panama in der Bukowina. — König Carol und die Lage der Juden in Rumänien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: An die Juden der Bukowina. Eine Unterredung mit Dr. Paul Nathan. Major Moses Götzl. Henry de Rothschild bei Ehrlich. Die Predigt eines englischen Pastors. Professor Weigert. - Korrespondenzen: Wiener Kultuswahlen. Eine interessante Enthüllung. Generalversammlung des «Kaiser Franz Josephs-Ferienheim". Ein Wort für die jüdischen Hochschüler. Kaiser Franz Joseph I. Huldigungstempel. Brünn. Franz Oppenheimer in Prag. Ein Taufprozeß in Krakau. Der Jude als Richter. Ein Völkerfriedenskomitee in Konstantinopel. Auszeichnung einer jüdischen Gelehrten. Avancement des Generalkonsuls Primo Levi. — Vermischtes. — Feuilleton: Skizzen und Studien zur Geschichte der Juden in Polen. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. 0(J~ . "==5)0 p Bcfugaprzi» für Vefierrrirh: Q Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller» Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. t- Anzeigen: Die 4malgespal» 2 tene Petttzeile 24 Heller. C, O P -O O TSt. k. Postsxarkastrnamt Clearingverkehr Nr. 810.976. Redaktion und Administration: TS.li, Hahugafse Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. Jüdische Christlich-Soziale in Kroatien. Von Dr. Lavoslav Schick, Advokat in Zagreb. Am 12. Oktober 1910 fand in der kroatischen Landeshauptstadt, dem weißen Zagreb, eine eigentümliche Versammlung statt. Eine Anzahl israelitischer Bürger hatte eine Konferenz, an welcher als Emissäre der christlichsozialen Partei, der „Rechtspartei", die Landlagsabgeordneten Advokat Doktor Alexander Horvat und Unimrsitätsprofessor Dr. Milobov teilnahmen, und sie berieten, ob Israeliten Mitglieder der christlichsozialen Partei sein können. Die Herren haben die Frage bejaht — und diese eigenartige Lösung hat nicht nur allerorts berechtigtes Aufsehen erregt, sondern auch in der kroatischen Oeffentlichkeit eine solche Sturmflut beißenden Spottes auf diese eigenartige Schöpfung hervorgerufen, daß es wohl wünschenswert ist, vom jüdischen Standpunkte die Angelegenheit zu beleuchten. Nachdem aber die Frage bereits in den auswärtigen Tagesblättern beleuchtet wurde, muß vor der breitesten jüdischen Oeffentlichkeit die volle Wahrheit dargestellt werden. In der kroatischen reinen Rechtspartei, deren Führer durch viele Jahre Dr. Josip Frank ist, gab es stets eine große Anzahl israelitischer Anhänger. Im heftigen Verzweiflungskampfe, den das dreieinige Königreich um seine staatliche, kulturelle und finanzielle Unabhängigkeit gegen das übermächtige Ungarn führt, stand eben ein großer Teil der kroatischen Juden auf Seite der Opposition — Dr. Josip Frank hatte nicht nur zahlreiche Anhänger unter den kroatischen Juden, sondern auch erfolgreiche, aufopferungsvolle Mitkämpfer, die viel zu seinem Erfolg beitrugen. Im heurigen September, vor den Landtagswahlen, vereinte sich die reine Rechtspartei, die sogenannte Frank- Partei mit den klerikalen Anhängern, die sich um das erzbischöfliche „Hrvatstvo“ sammeln, zu einer reinen christlichsozialen Partei, der „Rechtspartei". Die Partei steht offiziell auf katholischer, christlichsozialer Grundlage — sie kämpft für die Verwirklichung der christlichen Kultur. In ihrer Mitte befindet sich jetzt der ganze journalistische Stab des „Hrvatstvo“, also jene Herren, die noch vor einem Jahre zum wirtschaftlichen Boykotte gegen die Juden aufforderten, den Aberglauben des Ritualmordes förderten, den Anschluß an die österreichischen Christlich- Sozialen befürworteten. Unter den jüdischen Parteimitgliedern fing es zu rumoren an und ganz so, wie die bis dahin zahlreichen islamitischen Parteimitglieder Bosniens samt und sonders den Uebertritt ins christlichsoziale Lager nicht mitmachten, wurde dies auch für die Juden selbstverständlich. Da kam es zur Versammlung am 13. Oktober. Universitätsprofessor Dr. Milobov, der bisherige journalistische Inspirator der Klerikalen, gab seinen „verehrten israelitischen Mitbürgern" den Rat, sie mögen zu und mit dem Volke (das heißt, seiner Meinung nach mit der christlichsozialen Partei) gehen, sonst wird es ihnen ebenso ergehen, wie es in Portugal den Ordensmitgliedern gegangen ist, man wird sie hinausjagen. Die „verehrten israelitischen Mitbürger" nahmen diese „Zeichen von Toleranz" jubelnd zur Kenntnis und wurden -christlichsozial. In einer Provinzversammlung erklärte sogar ein israelitisches Parteimitglied: „Wir Juden nehmen die religiösen Grundsätze des Christentums nicht an, aber mit Leib und Körper nehmen wir die kultnrellev, christlichen Grundsätze an, welche lauten: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst". Der Redner dürfte wohl kaum geahnt haben, daß er eigentlich seine christlichen Mitbürger zur Wahrung eines jüdischen Prinzipes auffordert — denn „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" hat die hebräische Bibel gelehrt und Hillel als Zentrum des Gesetzes erklärt. Nicht um „christliche Kultur" handelt es sich, sondern um die Frage, ob wir Juden Anhänger der katholischen, christlich sozialen Partei sein können und dürfen. Kroatische Kultur ist mit katholischer Kultur ebenso wenig identisch, als wie Kroatentum mit Katholizismus. Unter den sechs Millionen, welche im Gebiete der kroatischen Länder wohnen, gibt es mehr als zwei Fünftel Nichtkatholiken, es gibt außer uns Juden noch eine halbe Million Nichtchristen, die bosnischen Mohammedaner.

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