Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021917--19687-3044684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 718 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 43 Von seiner Schwiegertochter Maria und ihrem Verhältnis zur Frau Michaels hörten wir vorher, ähnlich erging es ihm mit dem Schwiegersohn. Er verheiratete seine Tochter an einen Mann aus Brzese Iesko (Jefaia) Go 1 aszewicz, gab ihr eine große Mitgift und eine schöne Aussteuer. Der Schwiegersohn entfloh aber nach Polen und nahm das ganze Vermögen' mit. Die junge Frau blieb ohne jeden Lebensunterhalt und war ganz auf den Vater angewiesen. Michael erwarb ihr beim König ein Privileg, denn er war nach wie vor sehr einflußreich?*) Die Gerichtsschreiber hatten aber trotz seines Reichtums ihm in den Akten nie die Adelstitel beigelegt, und so heißt er immer nur „der Jude Michael"?-) Klassisch ist sein Verhältnis zum getauften Bruder Abraham und nach feinem Tode zu dessen Kindern. „Vierzig Jahre führten sie gemeinsam ihre Geschäfte und dann teilten sie untereinander Gold, Silber, Perlen, Edelsteine, Goldringe, Samt, Damast, Atlas, Tuch, Pelze, Eisen, Kleider, Schulden usw." Jedoch blieben nach dem Tode Abrahams Verrechnungen zwischen Michael und seinen Neffen, und diese schlichtete der König im Jahre 1527, indem er eine Kommission einsetzte, um die Rechnungen zu prüfen. Die Brücken in Brzese und Drogiczyn blieben ge- Meinsames Eigentum, die Mautgelder flössen in die gemeinsame Kasse ein?*) Michael .starb um das Jahr 1530; in den Akten kommt er zum letztenmal am 4. März 1529 vor?'*) Cs ist eine Klage, welche die Bürger von Biala: Iwan und Timosz Segeniswicz, gegen ihn, als Zöllner von Brzese und Nowodwor, einbrachten. Mit Anfang der dreißiger Jahre finden wir als Chef des Hauses und Repräsentanten aller Geschäfte den Sohn Michaels, Abraschko (Abraham), mit dem Namen des Vaters Michelewicz und dem Titel: „der Jude von Brzes c“. Von ihm verlangt am 30. August 1532 Jan Wierbicki die Rückgabe von 30 polnischen GulbeitG5) und ihm erteilt der König Sigismund „dasselbe Recht, wie seinem Vater, das Brückengeld in Drogiczyn cinzunehmen. Er soll ewig und mit seinen Nachkommen das Recht genießen". (20. März 1533.)*™) Im selben Jahre (11. November) verlangt Abraschko vom Fürsten Jivanowicz Riezanski — einem Schuldner seines Vaters — die Rückerstattung von 118 Schock Groschen?') Eisik (Jsak), der jüngste von den drei Brüdern, überlebte den Abraham und Michael. Wir finden ihn im Jahre 1535 in einem Streit mit den Söhnen Abrahams. Es handelte sich um 2000 Schock Groschen, die Abraham dem Michael vor dem Tode schuldig blieb. Der wörtliche Tert der Klage erklärt uns am besten die soziale Stellung der Parteien. Der König schreibt?^) „Es klagten vor Uns die Juden von Brzeso: Aisak Esophowicz mit seinen Söhnen, Abraschko Michelewicz mit seinem Bruder, die Herren Johann und feine Brüder Konstantin Abrahamowicz an" usw. Die Nachfolger des getauften blieben also Adelige, die Söhne Michaels erbten den Adelstitel ihres Vaters nicht, trotz des ausdrücklichen Wortlautes des Adelsbriefes: cum prole sua legittima“. Möglich, daß der Staat die aus einer jüdischen Ehe stam- «’) R I. A. I, dl. 10. «-) R. I. A. I, 111, 120 2c. «->) R. I. A. I. 119 (7. August 1527). “) R. I. A. I. 130. 6S) R. I. A. I, 146. 6e) Regesty: Nadpisy I (Petersburg 1699), Nr. 261. €iydL I. A. I, 154. ««) R. I. A. I. 159. Im Texte heißt Abraschko irrtümlich E s o p h o w i c z anstatt Michelewicz. Ueberall führt er das letztere Vatrouimicum, obwohl fein Vater geadelt wurde und das Patronimicum Esophowicz als Beiname (Prädikat) erhielt. Klassisch ist, daß die Söhne Abrahams, die doch den Adel behielten: Abrahamowicz und nicht Esophowicz heißen. menden Söhne nicht als legitim ansehen wollte! Abraszko und sein Bruder blieben „Juden in Brzes6" und unter den Mit gliedern dieser Gemeinde sind die Nachkommen des einzigen geadelten Juden in Polen zu suchen. Literatur. Interessante Kriminalprozesse von kulturhistorischer Bedeutung. Aus Gegenwart und Jüngstvergangenheit. Nach eigenen Erlebnissen dargestellt von Hugo Friedlaender. Eingeleitrt von Justizrat Dr. E. Sello-Berlin. Berlin W. 1910. Verlag von Hermann Barsdorf, Berlin W. 30. 2 Bände. Preis des Bandes eleg. drosch. M. 3.—, Originalband M. 4.—. Von dem bekannten Gerichtsberichterstatter Hugo Friedlaender, der in den letzten Jahrzehnten allen bedeutenden Prozessen im Deutschen Reich und den Nachbarländern in seiner Berufseigenschast beigewohnt hat, sind unter obigem Titel höchst beachtenswerte Dokumente zur Kulturgeschichte der Gegenwart.erschienen. Es genügt, auf den Inhalt hinzuweisen, um die Bedeutung dieser Publikation für den Kriminalisten, den Psychologen und Sozialpolitiker vor Augen zu führen. Der erste Band behandelt unter Anderen den Kwilecki-Proceß. den Raubmörder Hennig, den Judenflintenprozeß, die Allensteiner Affäre, Anna Rothe, den Hauptmann von Köpenik, die Xantener Blutlüge; der zweite Band Prozeß Hau, Raubmörder Gönczi, den Marinefähnrich Hüsieuer, die Bluttat des Banklehrlings Brunke in Braunschweig, Räuberhauptmann Kneißl. die Ermordung des Oberstlieutenants Roos, die Ermordung der Miß Lake, das Dynamitattentat auf den Polizeioberst Krause, den Prozeß gegen August Sternberg wegen Sittlichkeitsverbrechens. Wenn man sich vergegenwärtigt, mit welcher Spannung die Zeitungsberichte über diese Vorgänge verfolgt wurden, kann man leicht ermessen, welche Anregung die Lektüre dieser zusammenfassenden und abgeklärten, man darf sagen, künstlerisch vollendeten Darstellungen bietet. Die Leser dieser Wochenschrift werden ganz besonders der Tantener Prozeß und der Ahlwardt-Prozeß anziehen. Sie werden die bekannten Dinge wie in einem neuen Lichte sehen. L. Ernst v. Wolzogen. Mein erstes Abenteuer. Berlin SW. 68. 1910. Ullstein u. Co. M. 1.—. Die besten Novellen Ernst v. Wolzogen's sind in diesem soeben erschienenen Bande der Ullstein-Bücher vereint und zeigen alle die hohe Erzählungskunst des beliebten Verfassers. Die Titelnovelle „Mein erstes Abenteuer" behandelt mit zwerchfellerschütterndem Humor die Erlebnisse eines jungen deutschen Barons in London. Von einem seelenguten Pfarrer hören wir dann, der frommen Sinnes eine Altardccke zur „Gloriahose" uniwandelt. Prächtige, lebenswahre Gestalten schildert die Geschichte vom „Meikatel und Sexack". Auch die übrigen Piecen stehen auf gleicher Höhe. Kulturbilder aus dem Simplizissimus. Preis jedes Bandes in mehrfarbigem steifem Umschiag geheftet M. 1.50. Band 11: Ehe. Umfchlagzeichnung von F. v. Reznicek. Band 12: Die Obrigkeit. Umschlaaszeichnung von E. Thöny. Verlag von Albert Langen in München. Diese zwei neuen Bändchen der beliebten Serie umfassen wieder je fünfzig Bilder und witzige Texte aus der Sphäre, die ihr Titel umschreibt. Mit der glücklichsten Sicherheit ist in Bild und Wort alles auf die Pointe zugespitzt, weise Sparsamkeit in den Mit ln, Weglassung alles Ueberflüffigen gibt diesen bei allem Humor sehr ernsthaft gemeinten Kunstwerken ihre überwältigende Schlagkraft, die einen so manches davon zeitlebens nicht wieder vergessen läßt. Diese Kulturbilder wirken luftreinigend wie Gewitter, wobei den zuckenden Blitz blendender Witz, die Stelle der Donnerschläge Lachsalven vertreten. R. Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619. Nach den Originalen des k und k. Haus-, Hof- und Staatsarchivs im Aufträge der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Herausgegeben von Dr. Alfred Landau und Dr. Bernhard W a ch st e i n mir acht Schrifttafeln. Wien und Leipzig. Wilhelm Braumüller, k. u. k. Hof- und Universitäts-Buchhändler. „Die Hilfe." Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst. Herausgegeben von Friedrich Naumann, M. d. R. Nummer 42 vom 23. Oktober 1910. Aus dem Inhalte : Friedrich Naumann: Aufruf zur Arbeit. — Johannes T i e d j e: Vereinsrecht wider Polizei. — Waldemar Zimmermann: Kampf und Frieden in der Metallindustrie. — Reinhard Strecker: Elternhaus und Religionsunterricht. — Rudolf Hartmann: Die Bagdadbahn in französischer Beleuchtung. — Gottfried T r a u b: Fürst und Volk. — Fritz H e r h o l tz: Gottfroed Keller als Politiker. —. Erich Schlaikjer: Die Kostümsklaverei der Schauspielerin. — Karl Wilb. Fritsch: Um Michelburg. — Verlag der „Hilfe". Berlin- Schöneberg. Dr. A. Marworftein, Rabbiner, Skotschau (Oest.- Schlefien). Religionsgeschichtliche Studien, I. Heft: Die Bezeichnungen für Christen nnd Gnostiker im Talmud und Midrasch. Selbstverlag des Verfassers. 1910.