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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-10-28 · 43 (28.10.1910) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 714 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 43 Kosakerr-Sabatarier in der Synagoge. In Kamenez in Rußland erschienen am letzten Rosch- Haschanahtage fünf Kosaken des Kubaner Regiments in der dortigen Synagoge. Das Erscheinen der Kosaken während des Gottesdienstes hat unter den Betenden eine Unruhe hervorgerufen. Die Kosaken erklärten jedoch, daß sie an dem Gottesdienste teilnehmen wollten. Es stellte sich heraus, daß die Kosaken der Sekte der Sabbatarier angehören. Die Kosaken- Sabbatarier verrichteten mit großer Andacht den Gottesdienst, nach welchem die angesehensten Mitglieder der Judengemeinde die fünf Soldaten zu Tische luden. Die Kosaken erzählten, daß fie durch einen Befehl des Regimentskommandanten für sämmtliche jüdische Feiertage vom Dienste befreit find. „Mich zieht s nach Zion!" Aus Mitau Kurland, wird berichtet: Vor einigen Tagen entfloh die 14-jährige Tochter eines hiesigen jüdischen Kaufmannes. Das Mädchen, welches das Gymnasium besuchte, hatte großes Interesse au der zionistischen Bewegung genommen und vertiefte sich so sehr in diesen Gedanken, daß fie ihre Eltern wiederholt bat, nach Palästina zu überfiedeln Da ihre Eltern stets auf die Unmöglichkeit, dies zu tun, hinwiesen, faßte das Mädchen den Entschluß, aus dem Elternhause zu entfliehen. Sie verschaffte sich die Uniform eines Realschülers und verließ des Nachts als Student verkleidet das Elternhaus. Des Morgens fanden die Eltern den folgenden Brief ihrer Tochter: Teure Eltern! Beschuldigt nicht Eure ungehorsame Tochter. Mich zieht's nach Zion! Ich will nach Palästina, in mein Vaterland, denn ich vermag nicht die Leiden meines Volkes in der „Tscherta" mitanzuseheu. Ich gehe aus meinem Stiefvaterland nach Palästina und dort will ich ein neues Leben beginnen. Die Eltern wandten sich telegrafisch nach Odessa, mit der Bitte, ihre Tochter anzuhalten. Eine Disputation. Vor einiger Zeit hat der bekannte russische Schriftsteller Wodowosoff den Professor Lokot, der von der Arbeiterpartei zum äußersten antisemitischen Flügel überging, zu einer öffentlichen Disputation über die Judenfrage herausgefordert. Der Termin für diesen intereffanten Wettkampf war wiederholt angesetzt worden, die Disputation wurde jedoch stets „aus gewissen Gründen* aufgeschoben. Nun hat sich dieser Tage die Petersburger Literarische Gesellschaft mit dieser Frage beschäftigt. Mehrere ruffische Schriftsteller geben die Erklärung ab, daß es sich gar nicht lohne, sich mit einem Menschen wie Lokot in einen wiffenschaftlichen Disput über die Judenfrage einzulaffen. Hingegen wurde beschlossen, im Kreise der Gesellschaft selbst einen Diskuffionsabend über die nationale Frage in Rußland zu veranstalten. Ein russischer Polizeischerz. Die Ueberfälle auf Juden in Kiew, die angeblich kein Wohnrecht haben, führt mttuuter zu Erscheinungen, die geradezu ungeheuerlich find. Die Unsicherheit und das Bewußtsein, daß die Juden in Rußland vogelfrei find, bringt es dazu, daß die findige ruffische Polizei auch hierbei ihr recht unsauberes Geschäft macht. Gelingt das Geschäft, ists gut, gelingt es nicht, so war es eben nur ein Scherz, um die ängstlichen Juden zu erschrecken. Einen solchen Scherz erlaubten sich jüngst einige Polizeiinfpektoren in Kiew. Sie saßen lange in der Schnapsboutique, es wurde gescherzt und gelacht, als gegen 5 Uhr morgens einer von ihnen die grandiose Idee hatte, ihrem Geldmangel durch eine „Revision der jüdischen Wohnrechte" abzuhelfen. Gesagt, getan. Sie drangen in eine von Juden bewohnte Mietskaserne ein. Bor dem Haustor postiert sich eine Wache, während in den Wohnungen die „Revision" beginnt. Die jüdischen Bewohner .werden aus ihren Betten gezerrt und ihre Papiere abgesordert. Unter unbeschreiblichen Szenen wird eine Frau hervorgezerrt. „Ziehe dich rasch an und komme mit!" Die Frau fällt in Ohnmacht, bittet, sie wenigstens bis zum Morgen in ihrer Wohnung zu lassen. Die Hermandad antwortet mit den unflätigsten Schimpf» Worten. Dieselben Szenen spielen sich in einer anderen Wohnung mit zwei Studentinnen ab. Alle Bewohner des Hauses sind auf den Beinen, man schreit und flucht, bis endlich einem jungen Mann der Gedanke kommt, einem der Polizisten gerade ins Gesicht zu sagen, daß sein Vorgehen ein ungesetzliches sei, gegen welches er protestieren müsse. Da werden die Polizisten plötzlich nüchtern und ziehen laut lachend ab: „Es war bloß ein Scherz, ihr Narren, wir wollten Euch bloß ein wenig erschrecken, sonst nichts! . . ." Vermischtes. Wie». (Trauung.) Sonntag den 30. Oktober, nachmittags 2 Uhr. findet im israelitischen Tempel, II., Tempelgaffe, die Trauung des Fräulein Paula Müller, Tochter des Herrn I. G. Müller, Vorsteher aus Groß-Meseritsch, mit Herrn Ignaz P i s k e r aus Znaim statt. Wien. ((.T efill atH haneorim.) Ueber 300 jugendliche Bewerber um Plätze zu unseren gottesdienstlichen-Veranstaltungen an den hohen Festen mutzten zu unserem herzlichen Bedauern abweislich beschieden werden. Dies mag die bündigste Antwort an Jene sein, die, obgleich in erster Linie, sollte man glauben, zur Mitwirkung berufen, sich unserer Institution gegenüber — mit geringen Ausnahmen — in einer merkwürdigen Teilnahmslosigkeit gefallen. So mutz der Verein mit wenigen Getreuen, mit einer kleinen Schar Gideonsstreiter seine stillen Siege erkämpfen. Und wir werden Sieger bleiben, denn die Notwendigkeit — sie macht sich von Jahr zu Jahr fühlbarer — siegt immer. In dieser Zuversicht bestärkt uns die großzügige Förderung, die uns seitens des Kultusvorstandes und seiner Organe zuteil wird und für die wir nicht genug dankbar sein können. Dieses Jahr brachte einen erfreulichen Zusatz am „Vereinsvermögen", eine neue Stätte des Jugendgottesdienstes, und zwar im neuen Knabenwaisenhause, XIX., Probusgasse 3. An demselben nahmen die Zöglinge von drei Waisenhäusern, ferner die Anrainer mit ihren Kindern teil. In dem durch Spenden der Herren David Ritter von Gntmann und des Vorstandsmitgliedes Siegfried Fleischer freundlich ausgestatteten Betiaal gestaltete sich der Gottesdienst unter der Leitung des Direktors Rudolf Koh« zu einer erhebenden Feier. Die sieben anderen gottesdienstlichen Veranstaltungen boten dem Beobachter manchen interessanten Einblick: Im II., Ferdinandser Beth hamidrasch (Leiter Doch) erscheinen seit Jahren dieselben Teilnehmer, die, seither zu Studierenden der Mittel- und der Hochschule erwachsen, immer die gleiche, ernste Andacht mitbringen. Das Nämliche gilt von der I., Seitenstettergasse Religionsschule (Leiter und Exhortant Oehler), nur daß hier mehr die Praktikanten und Lehrlinge die sehr teilnehmende Gemeinde bilden. In der II. Talmud-Tbora- Schule (Leiter und Exhortant Oberlehrer Jakob Kohn) und in XX., Kinderbewahranstalt (Leiter und Exhdrtant Löw-Vogel) wird — das. junge Publikum neigt dazu — mehr die ältere, lirurgische Weise gepflegt und die Andacht der Teilnehmer erscheint daselbst aktiver, doch auch inniger. Im VI., Kollergerngasse, und im XVIII., Schopenhauergasse, haben Gemeindemitglieder selbst sich dem gottgefälligen Werke gewidmet und sich hervorragende Verdienste erworben. Dort stehen in sehr würdiger Weise die Herren Leopold Gollerstepper, Philipp Weiß und Max Kugel dem Festaottesdienste vor, hier wurde er von den Herren Bergmann und Rosenberg in opferwilliger Hingabe geleitet. Es ist zu hoffen, daß so viele junge Beter in unseren Andachtsstätten ihre Stimme erheben, dem Judentums ebenso viele Anhänger und Anwälte heranwachsen werden. Die Zahl der Teilnehmer in allen acht Betversammlungen betrug rund 800. Um die Gesamtorganisation haben sich als engeres Komitee vorzüglich verdient gemacht Herr Wilhelm Doch, welcher unermüdlich dem Werke obliegt und obne dessen Mitwirkung die Durchführung nicht möglich wäre; Herr Isidor Oehler. der entstehende Schwierigkeiten geschickt zu lösen weiß, und unser kluger, umsichtiger Kassier Herr Julius Philipp. Leider mutzten wir diesmal auf die Mitwirkung unseres erkrankten Alt-Präsidenten Herrn Joachim Gollerstepper verzichten, doch hoffentlich nicht für lange. Noch harrt unser eine wichtige Lösung: Die Schaffung von Gottesdiensten für die Heranwachsenden Mädchen. Dem Kundigen ist die Bedeutung diese rAufgabe klar: Der Altar der Frau ist der Altar des Hauses. Mautner. Wie«. Die IV. ordentliche Plenarversammlung des „Jüdischakademischen Philosophenvereines in Wien" findet Samstag den 29. Oktober 1910 um halb 8 Ubr abends im Vereinslokale (IX., Habngaffe 15) statt. Nach der Plenarversammlung Besprechung betreffs Einrichtung der Kurse in den einzelnen Fachgruppen.

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