Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 713 „Verwaltung der Güter Barysch. An Herrn W S. loko. Auf Grund der Empfehlung des Herrn Direktors D. nahm ich Sie als Prak'ikant der Landwirtschaft auf. Da ich jedoch aus Ihrem Munde vernommen habe, daß Sie Prostestant sind und mein Hof nur aus eifrigen katholischen Polen besteht, befehle ich Ihnen auf Grund des mir zustehenden Rechts, sich zum Herrn Geistlichen in Barysch zu begeben und in dessen Hände den Akt des Uebertritts zum Katholischen Glauben abzulegen. Erst auf Grund dieses hier erforderlichen Zeugnisses können Sie den Dienst antreten. Wladimir Fürst Swidrygiello Swiderski." Die „Berl. Neuest. Nachr." fügen hinzu: „Der junge Protestant verzichtete aber lieber auf seine gute Stellung als auf sein evangelisches Glaubensbekenntnis. Das hatte der edle Pole wohl kaum gedacht. Man kann die Unduldsamkeit des Fürsten beklagen, der mit Evangelischen nichts zu tun haben will. Noch mehr aber ist die Gefühlsroheit eines Mannes zu verurteilen, der sich einbildet, man könne einen Glaubenswechsel etwa ebenso wie einen Livreewechsel einfach befehlen. Aber steht der Fall, der sich in Galizien begab, so vereinzelt da? Und sieht man nicht an jedem Tage in Preußen ganz ähnliche Dinge? Wird nicht jedem jüdischen Einjährigen, der gleich seinen Kameraden es zum Reserveoffizier bringen möchte, der Glaubenswechsel zur Bedingung gemacht? Wird nicht von jedem jüdischen Mitbürger, der in der Beamtenlaufbahn vorwärtskommen möchte, gefordert, daß er seinen Glauben wechsele, wie man einen Livreewechsel vornimmt? Ist nicht, wie wir eben erst wieder gesehen haben, die Wahl auch der angesehensten und hervorragendsten jüdischen Professoren zum Ordinarius an der Berliner Universität von einem solchen „Livreewechsel" abhängig? Wird nicht sogar der jüdischen Lehrerin die Erlangung einer Anstellung aufs äußerste erschwert, so lange sie ihre Religion nicht aufgeben will? Gegen all diese „Unduldsamkeit", gegen all diese „Gefühlsroheit" aber haben die „Berl. Neuest. Nachr." und die anderen reaktionären Blätter bisher noch kein Wort gesagt. Wenn ein „edler Pole" im fernen Galizien dergleichen begeht, regen sie sich gewaltig auf. Wenn aber die preußischen Militärbehörden und all? Zweige und Vertreter der preußischen Regierung genau das Gleiche tun, applaudieren sie noch dazu. Was der polnische Fürst in Galizien getan hat, ist gewiß skandalös. Die preußischen Reaktionäre aber haben kein Recht, über seine „Intoleranz" zu klagen, denn sie handeln genau wie er. „Berl. Tagblatt." Oskar Straus verläßt seinen Konstantinopler Posten. Amerikanische Blätter verzeichnen das Gerücht, daß der Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, Mr. Oskar Straus von seinem Urlaube nicht mehr nach Konstantinopel zurückkehren werde, da er als Gesandter an den japanischen Hof ausersehen sei. Bekanntlich hieß es noch vor Antritt seines Konstantinopler Postens, daß Oskar Straus nach Japan entsendet werde. Verschiedene Jntriguen-von russischer Seite ließen jedoch die amerikanische Regierung den Plan aufgeben und Straus wurde zum Botschafter in Konstantinopel ernannt. Die Abberufung Straus' vom Konstantinopler Posten wäre für die Juden umso bedauerlicher, als Straus bei der Pforte sehr beliebt war und in der Lage gewesen wäre, für die verfolgten Juden in Rußland und Rumänien manches in der Türkei zu erreichen. Oskar Straus war übrigens in Sinaia Gast des rumänisches Königspaares und es wird behauptet, daß Straus in seinen Gesprächen mit dem König, besonders aber mit der Königin von Rumänien auch die Lage der Juden in Rumänien und ihre Auswanderung zur Sprache brachte. Der Sprachenstreit in Palästina. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Der Kampf zwischen den „Jargonisten" und „Hebraisten" nimmt bereits die peinlichsten und leider auch die lächerlichsten Formen an. Fast täglich kommen bei Versammlungen der einen oder anderen Gruppe Skandalszenen vor, die das Ansehen der Juden in großem Maße schädigen. Vor einigen Tagen fand in Jerusalem ein „Jargonabend" mit Theatervorstellung statt, der so stark besucht war, daß die Veranstaltung einige Tage später wiederholt werden mußte. Die Gründung eines hebräischen Literatur- und Kunstvereines wurde von den Gegnern mit der Gründung eines „jüdischen Kunstvereines" beantwortet, der den Zweck hat, die dramatische Kunst und jüdische Literatur zu fördern. Es ist bereits auch das Erscheinen einer Jargonzeitung in Jerusalem angekündigt worden, die, wie der Herausgeber Alter Lazinski verspricht, den „Kampf gegen die Hebraisten" -zur Aufgabe hat. Es braucht nicht erst betont zu werden, daß die Hebraisten auch nicht ruhig bleiben. Die hebräische Zeitung „Havo" hat die Bestrebungen der Jargonisten als „eine unerhörte Schande und Schmach" bezeichnet und als Gegengewicht gegen die Jargonzeitung soll nun in Jerusalem ein neues hebräisches Tagblatt „Chajenu" (Unser Leben) herausgegeben werden. Ein atmosphärisches Phänomen in Jerusalem. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Am 3. Oktober d. I., am Vorabend des Rosch-Haschanahfestes, ging ganz unerwartet in Jerusalem ein schwerer Regen nieder. Der Regen hat hier wie eine große Sensation gewirkt, da selbst die älteste Tradition nicht vermag einen Regen um diese Jahreszeit, dazu noch in so heftigem Maße, zu verzeichnen. Die Sonntagsruhe in Rumänien. Aus Bukarest meldet man: Es zeigt sich immer mehr, daß die obligate Sonntagsruhe in Rumänien ausschließlich gegen die Juden geschaffen wurde. Während nämlich in der Walachei, wo die Kaufleute zumeist eingewanderte Bulgaren und Griechen find, die Sonntagsruhe überhaupt nicht beachtet wird, werden die jüdischen Krämer in der Moldau auch wegen des geringfügigsten Vergehens gegen das Sonntagsruhe-Gesetz mit der härtesten Strafe belegt. Infolge dieser neuartigen Verfolgungen hat die Auswanderung jüdischer Kaufleute und Gewerbetreibender aus Rumänien in letzter Zeit wieder große Dimensionen angenommen. Die meisten Auswanderer gehen nach Amerika. Exkönig Manuel und die Londoner portugiesischen Juden. Die Entthronung König Manuels von Portugal hat in den Kreisen der portugiesischen Gemetnde in London, deren Chacham Dr. Gaster ist, recht unangenehm berührt. Bekanntlich hat vor einem Iahre, anläßlich der Anwesenheit des damaligen Königs Manuel in London, die jüdisch-portugiesische Gemeinde dem jugendlichen König eine Adresse überreicht. Sowohl die Tatsache der Ueberreichung, als auch der Tert der Adresse wurden seinerzeit von der gesamten englisch-jüdischen und auch der ^auswärtigen Presse aufs schärfste verurteilt. Der Chacham Dr. Gaster hat dem König sogar seinen Segen gespendet. Ein Teil der Londoner Presse macht sich nun über Dr. Gaster und seinen damaligen Deputationskollegen >in recht schadenfroher Weise lustig. So schreibt ein Blatt: „Nun denn, wenn der Segen des Chacham solche Folgen hat, so würden wir Zar Nikolaus bitten, dringendst bitten, nach London zu kommen und sich vom Ehacham der portugiesischen Gemeinde segnen zu lassen. , . ." Die Galveston-Krise beigelegt. Aus London wird uns berichtet: Mr. Carl Stettauer, der im Aufträge der Jto in Amerika war, um wegen der strengen Maßregeln der amerikanischen Regierung gegen die Galveston- Emigranten Schritte zu unternehmen, ist bereits nach London zurückgekehrt und hat dem Conseil der „Emigration Regulation Departement of the Itoil über seine Reise Bericht erstattet. Laut diesem Berichte hat die Washingtoner Regierung die Ueberzeugung gewonnen, daß die Arbeit des Departements in Europa nichts anderes bezwecke, als der Emigration eine Richtung zu geben und daß die Auswanderer durchwegs ihre Reisekosten aus Eigenem bestreiten. Die Gefahr, daß die amerikanische Regierung diese Regulierungsarbeit auch weiterhin stören könnte, erscheine demnach beseitigt und tatsächlich ist bereits eine neue Partie Emigranten nach Texas via Galveston abgegangen.