Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 712 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 43 Korrespondenzen Abgeordneter Daszynski in Amerika. (Seine Aeußerungen über die galizischen Juden.) Reichsratsabgeordneter Ignaz Daszynski weilt seit einiger Zeit in Amerika. Unter den vielen Jnterwiews und Aeußerungen, die der Führer der galizischen Sozialdemokraten bei verschiedenen Anlässen in Amerika abgegeben, sind diejenigen über die Juden in Galizien am bezeichnendsten. In einem Jnterwiew, das er dem Redakteur des Organes der galizischen Juden in Amerika dem „Jewish Weekly" gewährte, äußerte er sich, wie folgt: „Traurig ist die Lage der Juden in Galizien heute genau so wie vor vielen Jahren. Die Zahl der Fabriken ist kaum gestiegen, der Handel liegt darnieder. Die Teuerung ist groß und die Not wächst — das ist die allgemeine Lage. Die Juden bekommen natürlich auch ihren Teil von der allgemeinen Notlage ab. Es ist ja möglich, daß, wenn es dazu kommt, die Not auszuteilen, den Juden vielleicht ein größeres Maß davon abgegeben wurde, als der allgemeinen Bevölkerung, aber sie dürfen die eigentlichen Verhältnisse nicht außeracht lassen, unter denen die galizischen Juden leben. Sie gehören fast durchwegs dem Handelsstande an, und in einem Lande wie Galizien, wo der Handel nicht stark entwickelt ist, ist es gar kein Wunder, daß es den Handelsleuten schlecht geht. Was die Polnischen Konsumgenossenschaften und ihren Anteil an der Schuld der Notlage der Juden betrifft, so mag ja das seine Richtigkeit haben, aber dem ist nicht leicht abzuhelfen. Man muß Geduld haben. Das Volk muß ausgebildet werden, dann wird auch der Antisemitismus verschwinden, er ist sogar jetzt schon an manchen Orten im Verschwinden. Ich gebe zu, daß der Reichsrat in dieser Richtung zu wenig geleistet hat. Das gegenwärtige Parlament hat eine antisemitische Majorität. Die Sozialisten tun ihr Möglichstes, aber viel zu erreichen sind sie nicht imstande; weil ich ein bestimmtes antisemitisches Gesetz nicht zu verhindern vermochte, wurde ich zum Antisemiten gestempelt. Das nimmt in Galizien natürlich Niemand ernst, außer einigen Parteiführern und einigen jungen Burschen. Die Schänkerfrage ist eine sehr delikate Frage. Die Sozialisten haben das betreffende Gesetz unterstützt, trotzdem sie fich deffcn bewußt waren, daß durch dieses Gesetz zahlreiche Menschen brotlos werden und davon hauptsächlich die Juden betroffen werden. Aber was konnten wir dagegen tun. Unser Ziel ist, gegen die Trunksucht anzukämpfen, und nach Tunlichkeit den Verkauf voy Spirituosen als Erwerbszweig zu vermindern. Und dieses Gesetz ist ein großer Schritt zu unserem Ziele. Müffen denn Juden gerade Branntweinschänker sein. Die Antisemiten schlagen ohnedies aus dem Umstande, daß die meisten Schänker Juden sind, Kapital. Die Juden müssen fich eben selbst von diesem ekligen Berufe abwenden. Die Enquete über die Notlage der Juden in Galizien ist nicht ernst zu nehmen, denn fie ist überflüssig, da doch in Galizien jedes Kind weiß, daß die Notlage existiert und etwas dagegen getan werden müffe. Dazu haben aber die Herren von der Enquete weder den Willen noch das Verständnis. Auf die Frage, was denn die jüdischen Parteien in Galizien in dieser Sache unternehmen, antwortete Daszynski: Das ist ja eben das Traurige, daß diese Parteien auch nichts tun und nichts tun können. Nehmen Sie zum Beispiel die Zionisten. Sie find gefährliche Träumer. Sie berührt nicht die Not der jüdischen Massen, sie wollen sich bloß von der Not des Judentums befreien. Die zionistische Bewegung ist meiner Meinung nach die größte Gefahr für die galizischen Juden, Die Landespolitik der Zionisten hat tausende Existenzen ruiniert, ohne daß die große jüdische Maffe etwas dadurch gewonnen hätte. Daszynski wendet fich mit ebensolcher Schärfe gegen die separatistischen jüdischen Sozialisten und empfiehlt schließlich die Assimilation und Verbreitung der polnischen Sprache und der polnischen Kultur unter den galizischen Juden. Nur gegen die Taktik, mit welcher man den Juden diese Kultur aufzwingen will, wendet sich Daszynski. 'Die Ausführungen Daszynskr's, die sich gegen jede selbstbewußte, jüdische Arbeit richteten, haben in jüdischen Kreisen Amerikas einen sehr schlechten Eindruck gemacht. .Ein Märchen aus Halbafien." Zl. 195. Lemberg, den 24. Oktober 1910 An die geehrte Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift" in Wien. Wegen des in der Nummer 42 Ihres gesch. Blattes vom 21. Oktober 1910, unter der Überschrift „Ein Märchen aus Halbasien", zur Veröffentlichung gelangten Vorfalles, haben wir bei der Verwaltung des hiesigen Landesspitales Beschwerde geführt und erhielten darauf die in Uebersetzung beifolgende Zuschrift dieser Verwaltung, um deren Einschaltung in der nächsten Nummer Ihres gesch. Blattes höflichst ersucht wird: Direktor der allgemeinen Landeskrankenanstalt in Lemberg! Zl. 16637 Lemberg, den 21. Oktober 1910- An den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, Lemberg! In Beantwortung Ihrer Zuschrift zur Zl. 195/10 beehre ich mich zu erklären, daß der Beamte unserer Anstalt, Herr Zielinski, nicht befugt war, sich unmittelbar mit seinem Schreiben an den Vorstand zu wenden, umsoweniger dasselbe in Namen der Spitalsverwaltung zu fertigen und wird er für diesen Mißbrauch im Disziplinarwege zur strengen Verantwortung gezogen werden. Angesichts des bereits erfolgten Vorfalles bleibt mir jedoch leider nur die Möglichkeit übrig, wegen dieses sowohl für mich als für den Vorstand unangenehmen Geschehnisses den Ausdruck meines Bedauerns zu übermitteln. Starzewski m. p. Vorstand der israel. Kultusgemeinde: Dr. Schaff. Gewaltsame Kindertaufen in Ungarn. Ein merkwürdiger, leider nicht vereinzelter Fall beschäftigt gegenwärtig die kompetenten Gerichte der Stadt Arad in Ungarn. Der dortige jüdische Buchhalter Samuel Földes ließ sich von seiner Frau scheiden, die sich dann taufen ließ und die Frau eines Katholiken wurde. Das sechsjährige Töchterchen des Ehepaares ist anfangs der Mutter, durch einen späteren Gerichtsspruch jedoch dem Vater zugesprochen worden. Die Frau entführte nun das Kind ihrem Vater und ließ es taufen. Der verzweifelte Vater erstattete daher gegen seine ehemalige Frau die Anzeige wegen Kindesraubes und bat das Waisenamt, die nette Mutter zur Ausfolgung des Kindes zu verhalten. Das Waisenamt beschloß wohl, diesem Ersuchen eventuell mit Brachialgewalt Geltung zu verschaffen, ob aber die Behörde die gewaltsame Taufe des Mädchens, welche gegen den Willen des Vaters erfolgte, ungültig erklären werde, bleibt abzuwarten. „Toleranz". Die „Berl. Neuest. Nachr.", ein ganz im reaktiv" nären Fahrwasser schwimmendes Blatt, brechen plötzlich und unerwartet eine Lanze für die Toleranz. Sie greifen sehr scharf einen polnischen Edlen, oder, wie sie sagen, einen „edlen Polen" an, der das Gebot der Toleranz verletzt, und sparen nicht mit ihrer Entrüstung über seine Unduldsamkeit. In Galizien, so berichtet das Blatt, war am 17. August dieses Jahres ein junger Mann mit sehr guten Zeugnissen in den Güterverwaltungsdienst des Fürsten Wladimir Swidlygiello getreten, und diesem jungen Manne wurde sein evangelisches Bekenntnis zum Unglück. Denn er erhielt alsbald durch den fürstlichen Sekretär ein polnisches Schreiben, das in deutscher Uebersetzung folgendermaßen lautete: