Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-10-28 · 43 (28.10.1910) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021917--19680-3044677
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 43 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 711 Wir beantragen zunächst eine Rayonuieruug des gesamten Wiener Stadtgebietes, das heitzt alle 21 Gemeindebezirke sind in Rayons einzuteilen, die mit den Bezirken nicht identisch sind: denn, während bei solchen Bezirken, die weniger Arme aufweisen, mehrere Bezirke zu einem Rayon vereinigt werden können, müssen solche Bezirke, in denen viele Arme wohnen, in mehrere Rayons geteilt werden. Es wäre angezeigt, dieser Rayonsrinteilung die behördlich festgesetzten Schulsprengel zu Grunde zu legen. Die Kinderbekleidungsvereine, welche sich der gemeinsamen Aktion anschlietzen, vereinbaren untereinander, daß jeder Rayon einem bestimmten Vereine zugewiesen werde. Dieser hat dann alle Recherchen in demselben zu pflegen und die für würdig befundenen Schulkinder zu bekleiden. Alle in diesen gehörigen, an andere Vereine gelangenden Gesuche um Kinderbekleidung werden dem betreffenden Vereine überwiesen. So lernt der Verein seine Armen genau kennen, es ist den Eltern nicht mehr möglich, Heuer für diese und nächstes Jahr für andere ihrer Kinder bittstellig zu werden. Der Verein ist vor Ausnützung und überflüssigen Ausgaben geschützt. Sie werden mit Recht entgegnen: Was geschieht bei Uebersiedlung der Eltern und der damit verbundenen Zugehörigkeit zu einem Rayon? Gerade die Armen übersiedeln so oft. Ich behalte prir vor. Ihnen später hierauf Antwort zu erteilen. Die Erfahrungen, welche wir seit 10 Iahren beim Verbände zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen gemacht haben, ermutigen uns zu der Hoffnung, durch Uebertragung der Nayomnerung auf andere Gebiete der Armenpflege, gute Erfolge zu erzielen. Der Verband hat, als er vor 10 Iahren seine Tätigkeit begann, nur einige Frauenvereine als Mitglieder gezählt. Heute gehören ihm fast alle israelitischen Frauenvereine Wiens an. weil sie erkannt haben, datz bei dem gemeinsamen Vorgehen die Petenten gut versorgt sind, während auch die einzelnen Vereine sich namhafter Vorteile erfreuen. Gerade beim Verbände hat sich die Rayvrnierung glänzend auch dann bewährt, wenn die Petentinnen während der Recherchendauer in andere Bezirke gezogen sind, weil durch den fortwährenden Kontakt der Vereine untereinander der Fall dem Vereine übergeben werden konnte, dessen Fürsorge er jetzt unterstand. Run sind wir uns wohl bewutzt, datz wir im übrigen nicht auf Grundlage der Rormativbestimmungen dieses Verbandes vorgehen können. Ihnen ist es vielleicht bekannt, datz hier jeder zugehörige Verein jährlich eine bestimmte Summe einzahlt, und datz allwöchentlich in einer Sitzung des Exekutivkomitees, unter Zuziehung der beteiligten Veeeinsvorstände die nötige Hilfeleistung durchgesÄhrt wird. Einmal ist dies aber eine Aktion, die sich über das ganze Iahr erstreckt, während die Kinderbekleidung sich in wenige Wochen drängt. Dann ist die Menge der unterstützungsbedürftigen Wöchnerinnen Gott sei Dank doch nur eine nach Hunderten und nicht, wie bei den Schulkindern. nach tausenden zählende. Daher könnte ein Komitee die Riesenaufgabe der Kinderbekleidung gar nicht bewältigen. Im Gegenteil, je kleiner der Rayon ist, je geringer die Zahl der zu bekleidenden Kinder ist. mit desto gröberer Sorgfalt kann sich der Verein dieser Aufgabe annehmen. Demnach wären meine Vorschläge: 1. Die Royonnierung der Stadt Wien und die Uebernahme der einzelnen Rayons von bestimmten Vereinen. 2. Die prinzipielle Verpflichtung dieser Vereine, kein Kind ohne Schulnachweis zur Beteilung zuzulassen, was auch bei jenen Kindern zu gelten hat, die von Vereins- Mitgliedern vorgeschlagen werden. 3. Endlich ein Punkt, von dem ich noch nicht gesprochen habe. Die Verpflichtung der Vereine, von jeder öffentlichen Beteilung abzusehen. Wenn auch die Kinder das beschämende Gefühl, öffentlich beschenkt zu werden, noch nicht so tief empfinden, wenn sie, im Gegenteil, durch eine Iause und Feier momentan erfreut werden, so ist es doch ein grober Erziehungsfehler in der Gemütsbildung der Kinder. Abgesehen davon, gibt es wahrhaft verschämte Eltern, und das sind stets die allerbedürftigsten, die lieber hungern und frieren, als sich Öffentlich beschenken lassen. Unbedingt bleibt jedem Vereine seine Anatomie streng gewahrt. Er kann sowohl bei Auswahl der Kinder, sowie bei der Beschaffung der Kleidungsstücke ganz selbständig Vorgehen. Rur möchte ich mir erlauben. Sie aufmerksam zu machen, datz unter „Bekleidung" vollständige Bekleidung verstanden wird. Beschuhung oder Verabfolgung einzelner Kleidungs- oder Wäschestücke ist keine Bekleidung in unserem Sinne, und es ist viel ratsamer, im Interesse der Allgemeinheit, lieber weniger Kinder, diese aber komplett, zu versorgen. Beschuhung ist im Laufe eines Iahres öfter notwendig, während ein Kind mit den verabreichten Kleidern, namentlich, wenn man der Qualität besondere Aufmerksamkeit zuwendet, ein Iahr auskommen kann und mutz. Zur Beteilung von Schuhen ist kein Schulnachweis notwendig, er soll auch nicht verlangt werden, weil dies nur zur Irreführung der Schulbehörde führen würde. Es gibt in Wien Vereine, die sich nur mit Schuhbeteilung befassen: bei der Kultusgemeinde ist es eingeführt, datz jedes bedürftige Kind, welches eine Empfehlung seines Religionslehrers bringt, im Laufe des Iahres Schuhe erhält. Wenn Sie. geehrte Versammlung, mit den Ihnen gemachten Vorschlägen einverstanden sind, so wäre ein engeres Komitee zu bilden welches auf Grund der Anmeldungen der Vereine zum Beitritt, die Rayonseinteilung .in Kürze durchführen und sich mit den Vereinen zur Uebernahme der einzelnen Rayons in Verbindung setzen wird. Die Vereine halten von Zeit zu Zeit, besonders vor Beginn und nach Schlutz der Kinderbekleidungen, Besprechungen ab behufs Austausches und Verwertung ihrer Erfahrungen. Für Bekleidungs- und Beschenkungsgaben jind Kataster anzulegen, jede derartige Gabe an ein Kind ist durch den zuständigen Verein in Evidenz und Vormerkung zu halten. Dies wäre zunächst die Aufgabe der geehrten Versammlung. Ich wiil Sie heute nicht durch Mitteilung der mannigfachen Erweiterungen ermüden, die sich, wenn die Aktion akzeptiert und durchgeführt wird, sowohl im Interesse der Bittsteller, wie auch der Armenpfleger angliedern lassen. Ich behalte mir aber vor, zu geeigneter Zeit Ihnen diesbezügliche Vorschläge zu machen, über die Sie dann beraten wollen. Wenn nur einmal der Anfang gemacht ist, aller Anfang ist schwer, - dann wird jeder Beteiligte von selbst die grotzen Vorteile des Zusammenschlietzens. des geeinten Vorgehens erkennen. Möge es mns gelingen viribus nuitis - mit vereinten Kräften, unsere übermächtigen Feinde, die Armut und das Elend, wirksam zu bekämpfen. Das ist das Ziel, nack dem wir alle streben, der Erfolg. den wir erhoffen. (Lebhafter Beifall.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.