Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021917--19679-3044676- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 710 De. Blochs Wochenschrist. Nr. 43 Der Jude als Literat. Das neueste Heft der „Frauen-Rundschau" bringt die folgenden feinsinnigen Ausführungen Jakob Wassermanns über den Juden als Literaten, die den bekannten Artikel „Das Rätsel Jude", den der Verfasser vor Jahren in der „Neuen Rundschau" veröffentlichte, in intereffanter Weise ergänzen: „Nicht ohne tiefen Grund findet fich eine so große Zahl von Literaten unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, fei es in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen im Kampfe gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der Aufregung befähigt fie in hervorragendem Maße, Seelenkämpfe zu schildern, die ihre eigenen sind. Gi«e gemeinsame Aktion der Kindrrkekleidnngsnereine. lieber Veranlassung des Kuratoriums der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen hat in Fortsetzung einer im Vorjahre eingeleiteten Aktion am 11. Oktober l. I. im Amtsgebäude der israelitischen Kultusgemeinde unter dem Vorsitze des Kuratoriumsmitgliedes Herrn Heinrich M e n d l eine Versammlung von Delegierten der Kinderbekleidungsvereine stattgefunden. Auf Grund des Berichtes des von der vorjährigen Versammlung eingesetzten Komitees und in Zustimmung zu dem vom Kuratoriumsmitgliede Frau Rosa Zifferer erstatteten Referate und den von Herrn M e n d l gegebenen Erläuterungen für die praktische Durchführung einigte sich die Versammlung prinzipiell auf ein gemeinsames Vorgehen in folgenden Punkten: 1. Jeder Bekleidungsverein hat strenge darauf zu achten, daß für jedes Kind, welches bekleidet werden soll, der S ch u l n a ch w e i s, der nur einmal ausgestellt werden darf, beigebracht werde. Dies hat insbesondere auch bezüglich jener Kinder zu gelten, die von Vereinsmitgliedern zur Bekleidung vorgeschlagen werden. 2. Das gesamte Wiener Stadtgebiet — alle 21 Gemeindebezirke — ist in Rayons einzuteilen. Dieser Rayonseinteilung sind die behördlich festgesetzten Schulsprengel zugrunde zu legen. Die Kinderbekleidungsvereine, welche sich der gemeinsamen Aktion auschließen, vereinbaren untereinander, daß jeder Rayon von einem bestimmten Bekleidungsvereine zur ausschließlichen Entfaltung seiner Tätigkeit in diesem Rayon, selbstverständlich unter voller Wahrung der Autonomie der teilnehmenden Vereine, übernommen werde. An das Referat der Frau Zifferer schloß sich eine anregende Diskussion, au welcher sich beteiligten: Herr Stern (Erdberger Kinderfreunde), Herr Lemberger (Donauperle), Herr Ehrlich (Zwanglos), Frau Dr. F r i s ch a u e r (Kaiser Franz Josefs-Kinderhort), Herr S ch i ck l e r (Ausspeisungsverein für den XVI. und XVII. Bezirk), Herr Josef K o h n (Die Brüder), Frau Sofie G r ü n s e l d (Kaiser Franz Josefs-Ferienheim), Herr Schidrowitz (Humauitätsverein für den X.Bezirk), FrauBamberger (Frauenverein Wieden-Magareten), Frau Beck (Frauenverein Josefstadt). Nachstehend reproduzieren wir das höchst instruktive Referat der Frau Rosa Zifferer seinem vollen Wortlaute nach: Referat zur Organisation der Kinderbekleidung. Wir alle, die wir uns mit der Armenpflege befassen, wissen wohl, wieviel Mängel, trotz gewissenhafter Recherchen, trotz des besten Willens, der Ausführung noch anhaften und empfinden seit langem den lebhaften Wunsch nach einer Zentralisierung oder Organisation derselben. . » Eine Organisation auf diesem Gebiete stößt aber in einer Millionenstadt auf fast unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten. Die Menge des Materials einerseits, die kolossale räumliche Ausdehnung der Stadt andererseits sind Faktoren, welche den Armenpflegern die schwersten Aufgaben stellen. Und noch' ein drittes Moment erscheint mir wichtig; die Wohlfahrts- und Wohltätigkeitsinstitutionen unserer Stadt locken so viele Bedürftige aus allen Ländern der Welt herbei, - daß die Klagen über Mangel an Fremdenzuzug hier wenigstens ganz ungerechtfertigt sind, und ein Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs kann auf Erfolge Hinweisen, die er sicher nicht gesucht hat, — die Armenpflege jedoch wird durch diesen Zuzug ganz besonders erschwert und zu großen Opfern gezwungen. Wir haben Sie, geehrte Damen und Herren, trotz der geschilderten Schwierigkeiten heute zu einer Besprechung eingeladen, weil wir glauben, daß an eine Organisation der Armenpflege überhaupt nur gedacht werden kann, wenn wir dieselbe bei den einzelnen Zweigen .durchzuführen versuchen, und deshalb wollen wir heute mit der Bekleidung armer Schulkinder den Anfang machen. Die großen Mißbräuche, die speziell bei der Bekleidung armer Schulkinder eingerissen sind, besonders die Doppelbeteilung, sollten, so hoffte man, behoben werden durch Einführung der Schulnachweise. Wir wiffen ja alle, daß kein Kind von irgend einem Vereine bekleidet werden soll, ohne einen vom Klaffenlehrer ausgefolgten Schulnachweis zu erbringen. Jedes Kind soll nur einen solchen Nachweis erhalten, und demnach erschiene die Doppelbekleidung eines und desselben Kindes eigentlich ausgeschloffen. Ich muß nun nach meinen Erfahrungen auch bestätigen, daß doppelte Schulnachweise nur sehr selten ausgestellt werden, daß aber leider die einzelnen Vereine sich nicht immer strenge daran halten, kein Kind ohne Schulnachweis zu beteilen. Aber selbst, wenn auch von seiten der Vereine rigoros vorgegangen wird, sind dieselben doch nicht gegen Mißbrauch geschützt. Der Armenpfleger ist trotz, aller Erfahrungen und gewissenhaftester Prüfung den Schlichen der versierten Bittsteller nicht immer gewachsen. Ich will ihnen nur ein Beispiel vorsühren: Bei den meisten Vereinen herrscht die Gepflogenheit, den Kindern, die ja vom sechsten bis zum vierzehnten Jahre bekleidet werden, nur jedes zweite Jahr einen Winterrock oder Wintermantel zu verabfolgen. Ein solches Kleidungsstück tragen die Kinder aus den besten Häusern auch mindestens zwei Jahre. Im Budget der Bekleidung aber beträgt es die größte Ausgabe. Nun melden die Eltern, die ja fast immer mit zahlreicher Familie bedacht sind, und die bei verschiedenen Vereinen für einzelne ihrer Kinder um Bekleidung bitten, jedes Jahr andere Kinder bei demselben Vereine an, die dann natürlich von diesem Vereine im Vorjahre keinen Mantel erhalten haben. So bekommen sie alljährlich Wintermäntel, die Vereine aber haben große Ausgaben und können deshalb den Bitten anderer Armen nicht gerecht werden. Ich könnte Ihnen noch von manchen Ähnlichen Vorgängen berichten, will aber Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen. Aus allen diesen Gründen beabsichtigen wir. Ihnen heute zur Zentralisation, resp. Organisierung .auf dem Gebiete der Kinderbekleidung^ Vorschläge zu machen, die wir Ihrer Prüfung und Wohlmeinung unterbreiten, und welche, bei möglichster Wahrung der Selbständigkeit der einzelnen Vereine, diese doch gegen Ausbeutung und llebervorteilung schützen sollen.