Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-10-28 · 43 (28.10.1910) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021917--19677-3044674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 708 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 43 Die jüdischen Pächter waren nun glücklich verdrängt, das Volk unter der großartigen Führung von Dr. Lupu gerettet. Jetzt aber sollten zwei von den schuldigen Millionen gezahlt werden, nur der fünfte Teil aber der Wechsel ging ohne Valuta zurück — solche Beträge kann der christlichsoziale Parteifond nicht ersetzen. Nun sind die Mitglieder der Raiffeisenkasse bis zum letzten Heller ihres Vermögens haftbar. Wir haben also hier eine vielfach vergrößerte Nnßdorfer Vorschußkassenaffäre, viele tausende Personen verlieren Brot und Obdach, kommen um Haus und Scholle, sehen sich mit Frau und Kindern der Verzweiflung preisgegeben. Jetzt erst ist die definitive Rettung des Volkes fertig, welches sich vertrauensvoll unter christlichsoziale Führung stellte. Was tun nun die Christlich Sozialen in aller Eile, um den ungeheueren Skandal vvu sich abzuwälzen? Wieder wird die alte Taktik der Frechheit und Unverschämtheit, des Leugnens und Drehens hervorgesucht. Offiziell wird erklärt, daß die christlichsoziale Partei mit dem Verbände der Raiffeiseukassen in keinem Zusammenhänge stehe. Bequemer kauu man sich das wirklich nicht machen, aber man dürfte nicht viel damit erzielen. Man wird niemandem einreden können, daß die Panamaaktion der Raiffeisenkassen nicht gegen die Juden gerichtet war, daß es nicht Geist vom antisemitischen Geiste und Leute von den Christlich-Sozialen sind, welche die unendlich schwere Schuld tragen. Vor der Regierung, vor den Wählern, vor der Oeffentlichkeit; vor allen den, welche öffentliche Ordnung wollen und für sie zu sorgen haben, hat sich nun wieder ein großer Krater des christlichsozialen Scklammvulkans aufgetan, einer von vielen. In diesen Massen von Schmutz werden schließlich die Antisemiten zugrunde gehen m rssen, die ihn' erregen und auf die wehrlosen Juden schleudern möchten. vom Aabrmnrkt des Lebens. Unterbrechung der Tätigkeit der „Jen" in der Türkei. Die letzte Nummer des Londoner „Jewish Chronicle" enthält die folgende sensationelle Meldung: In Konstantinopel ist die Nachricht verbreitet, daß die Jewish Colonisation Association (Jca) den Entschluß gefaßt habe, mit Rücksicht auf die nichtbefriedigenden Resultate, die in Palästina erzielt wurden, und infolge der zahlreichen Schwierigkeiten und gesetzlichen Hindernisse, welche seitens der ottomanischen Regierung dem Bodenkaufe durch Juden in den Weg gelegt werden, die Kolonisationstätigkeit in Palästina vollständig aufzugeben. Bevor wir diese wichtige Mitteilung der Oeffentlichkeit übergeben, hielten wir es für notwendig, im Zentralbureau der „Jca" in Paris Erkundigungen einzuholen und sind wir in der Lage, als Antwort die folgende Erklärung des Herrn Direktors Meyersohn zu veröffentlichen: „Ein Beschluß in dieser Richtung ist von unserer Gesellschaft bisher noch nicht erfolgt. Es ist jedoch bedauerlicherweise Tatsache, daß, solange die offenkundige Feindschaft der Regierungsorgane gegen eine landwirtschaftliche Tätigkeit der Juden in Palästina und selbst im übrigen Teile des Ottomanischen Reiches anhält, unserer Meinung nach, eine erfolgreiche Arbeit in diesem Lande ausgeschlossen ist". Diese plötzliche Stellungnahme der „Jca" ist um so auffälliger, da, wie „Jewish Chronicle" richtig bemerkt, die letzte Nachricht der „Jca" ausdrücklich betont, daß die wirtschaftliche Lage der jüdischen Kolonien eine steigende Besserung aufweise. Unterbrechung der Amerikareise Dr. P. Nathans. Der geschäftsführende Vizepräsident des „Hilfsvereines der deutschen Juden", Dr. Paul Nathan, der bekanntlich eine Studienreise nach Amerika unternahm, hat, wie aus New-Iork gemeldet wird, plötzlich seinen Aufenthalt in Amerika unterbrochen, ohne das Programm der Studienreise absolviert zu haben. Herr Dr. Nathan ist in einer wichtigen politischen Angelegenheit nach Berlin abgereist. Die österreichisch-ungarischen Dreadnoughts. In der Sitzung des Marineausschusses der ungarischen Delegation gab Marinekommandant Admiral Graf Montecuccoli die seit langem erwarteten Erklärungen über unsere Dreadnoughtbauten ab. Er gab bekannt, daß das Stabilimento Tecnico in Triest, welches fast alle unsere neueren Kriegsschiffbauten durchgeführt hat, den Bau von zwei Dreadnoughts in Angriff genommen habe. Man wußte auch, daß die Pläne zu diesen Schiffen von dem früheren Generalschiffbauingenieur der Kriegsmarine Siegfried Popper, welcher gegenwärtig die Funktionen eines Chefkonstrukteurs des Stabilimento versieht, ausgearbeitet und durch das marinetechnische Komitee und in mehreren kommissionellen Beratungen der amtlichen Stellen überprüft und gutgehezßen wurden. Karl Goldmark und der Wiener Gemeinderat. Wir lesen im „Neuen Wr. Tagblatt": In den beiden letzten Sitzungen des Wiener Gemeinderates hat Herr Bürgermeister Dr. Neumayer eine zweimalige Interpellation, die den achtzigsten Geburtstag Karl Goldmarks und die seitens des Gemeinderates unterbliebene Ehrung des weltberühmten Komponisten betraf, mit einer knappen, streng historisch gefaßten Anmerkung beantwortet. Er verwies auf „Erhebungen" des Magistrates und auf die „authentische" Mitteilung der Wiener Polizeidirektion, wonach Karl Goldmark „erst um zwei Jahre später als angegeben ist, geboren wurde". Der Wiener Gemeinderat, so meinte Dr. Neumayer, habe somit keine Veranlassung, Karl Goldmark in diesem Jahre zu ehren. Zunächst gestatten wir uns, durch die Interpellationen und die Beantwortung im Gemeinderate angeregt, ebenso knapp und nüchtern den dokumentarischen Nachweis zu erbringen, daß der Herr Bürgermeister unrichtig informiert war. In unseren Händen befindet sich das behördliche, mit dem Gemeindesiegel versehene und von dem Seelsorger der Gemeinde Keszthelji eigenhändig geschriebene und Unterzeichnete Geburtszeugnis Karl Goldmarks, das für jedermann, natürlich auch für die Wiener Polizeidirektion, für den Magistrat und für den Herrn Bürgermeister Dr. Neumayer zur Einsicht bereit liegt. Dieses amtliche Schriftstück, das allein in dem angezogenen Falle Anspruch auf historische Authentizität machen kann, bezeugt, daß Karl Goldmark laut Matrikelfolio 9 am 18. Mai 1830 in Keszthelji geboren wurde. Karl Goldmark hat demnach unzweifelhaft und und untrüglich im Jahre 1910 das achtzigste Jahr erreicht. Soweit das amtliche Dokument, das historische Faktum und die authentische Feststellung. Wer aber menschlich, künstlerisch und rechtlich fühlt, muß aufs peinlichste davon berührt werden, daß auf öffentlicher Tribüne von einem hochgestellten Funktionär auf Grund ungenügender Informationen einem Künstler von Weltruf, der dem Vaterlande zur Ehre gereicht, einem Manne, dessen Bescheidenheit, Weltabgeschiedenheit, Lauterkeit und Adel des Charakters geradezu sprichwörtlich geworden ist, zugemutet werden könnte, er hätte eine Jubiläumsfeier (wie die Interpellation ausspricht) etwa erschlichen oder doch zum mindesten vorzeitig und ohne Widerspruch über sich ergehen lassen. Dem allbeliebten Meister, dessen Hauptwerke für die Oper und fürs Orchester keinen begrenzten Zeitwert haben, wurde zum achtzigsten Geburtstage am 18. Mai 1910 vom Kaiser das Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft, von der Universität in Budapest das Ehrendoktorat verliehen; alle musikalischen Körperschaften von Bedeutung haben in der ganzen Welt den achtzigsten Geburtstag des Tondichters Karl Goldmark, dessen Schaffenskraft noch in Blüte, deffen Arbeitslust und sittliche Strenge vorbildlich für die jüngeren Generationen ist, mit Festen, Ehrungen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.