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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-10-28 · 43 (28.10.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 707 Helfer, der Teufel — verkehrt habe. Die „Here" wurde hingerichtet, obgleich sich damals in Europa warnende Stimmen gegen jenes Vluturteil erhoben hatten. — In die Kategorie derartig aus Vorurteil und Aberglauben suggestiv sich entwickelnder Zeugenaussagen gehören auch die tu den Prozessen, welche auf der Suppositwa „jüotscher Ritualmorde" (!?) beruhen. „Die Macht der Suggestion! — sagt Liszt — wie aus dem Volksaberglauben heraus die Phantasiebild er in den Zeugenaussagen entstehen, wie sie immer festere Gestalt gewinnen, anschaulicher werden und zahlreichere, kennzeichnende Einzelheiten aufnehmen, wie nach langen Monaten neue Zeugen sich melden und unter ihrem Eide über entscheidende Tatsachen berichten, dir sie bis dahin unbegreiflicherweise bei sich behalten haben" usw. usw; siehe Iden Hilsner-Prozetz! Einer der obersten Richter in Oesterreich, der seither verstorbene Oberlandesgerichts-Präsident (zeitweilig Leiter des Justizministeriums) Dr. Karl Ritter von Krall- Kralsheim erklärte in einer in der „Reuen Freien Presse"' im Februar 1905 veröffentlichten Besprechung des Nutzbaumschen Buches, datz es „unerfindlich" sei, wie gegen Hilsner.wegen Ermordung der Hruza ein Schuldbeweis konstruiert werden konnte, daß „unter normalen Verhältnissen (d. h. abgesehen von der erforderlichen Beruhigung der durch die Ritualmordhetze erregten öffentlichen Meinung) sogar die Erhebung der Anklage unzureichend begründet" und datz auch die Erhebung der Anklage wegen Ermordung der Klima „nicht erklärbar" sei. — Er spricht von „gewichtigsten durch solche Verurteilungen hervorgerufenen Bedenken", Verurteilungen, die „auf Inzichten beruhen, die als eine beruhigende Grundlage für einen Schuldspruch wahrlich nicht angesehen werden können." Sollen wir der hochernsten, gewichtigen Stimmen, die sich gegen jenes Urteil erhoben, noch mehrere anführen? Wir wären hierzu in der Lage. — Es war nicht recht, datz die Generalprokuratur die angesuchte Wiederaufnahme ob uovitor rexerta, ablehnte. Vielmehr wäre es ihre Aufgabe, dahin zu wirken, datz die Sache neuerlich öffentlich vor einem Schwurgerichte, das nicht umbraust wird von dem Sturm einer fanatisierten, auch durch kirchliche Agitation matzlos erregten Volksmenge, verhandelt, datz da hineingeleuchtet werde mit dem vollen Lichte der Wissenschaft und Erkenntnis. Unser Schrei nach Wahrheit und Recht wird nicht verstummen! Und selbst wenn all' unser Mühen vergeblich bleiben, wenn dem Unglücklichen nicht beschieden sein sollte, die Sonne der Freiheit zu schauen, wird die Geschichte zu Gericht zu sitzen und ihr Urteil sprechen über diesen Prozetz an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts! („Ost und West".) Christtichsoxiates Manama in der Kukomina. Seit einer geraumen Zeit hat das öffentliche Leben in Oesterreich eine auffallende Signatur: Es steht im Zeichen der Korruptionsprozeffe. Will man die Ursachen erforschen, so werden sie sofort klar durch den Zeitpunkt des Beginnes. Seitdem die Christlich-Sozialen an der Herrschaft sind, stehen diese Gerichtsverhandlungen ständig auf der Tagesordnung. Es ist ja auch natürlich so. Eine Gesellschaft der Geistlosigkeit, Skrupellosigkeit, Demagogie und Gewalt, hat diese Partei gerade in jenen Leuten ihre Talente gefunden, die sich mit Fäusten, Grobheit undinferioren Mitteln vorwärts bringen. Daß man von diesen Elementen nichts anderes als die schwerste Korruption, die Plünderung, die Bereicherung ihrer eigenen Person erwarten darf, ergibt die primitivste Logik. Die Regierung sieht nun, wen sie zum Gärtner in Oesterreich gemacht hat, jedes Gericht hat Stöße von Akten über die schwere Korruption der antisemitischen Korruptionstöter. Ganz abgesehen von den Urteilen, ist der Mangel an Beweisen zum Motto der christlich-sozialen Partei geworden. Trotz alledem, trotz dieser Steinhof- und Hraba- und Laibacher- und Stadt- und Landaffären suchten die Christlich- Sozialen ihre Stellung gegen die öffentliche Meinung robust zu behaupten. Sie stimmen wieder die alten Schimpfkonzerte gegen ihre Gegner an und mit dem alten, öden Schlachtrufe Jud! Jud! suchen sie die Frage zu überschreien, warum sie Wien in unendliche Schulden gestürzt, die Verwaltung mit Freunderln und Verwandten angefüllt haben und wohin die vielen Millionen öffentlicher Gelder aus ihrem Machtbereich gekommen sind. Da war es nun Wasser auf ihre abgeleierte Mühle, daß sie in Czernowitz eine Korruptionsaffäre bei ihren Gegnern entdeckt haben wollten. Es ist nun ganz gut möglich, daß es in der dortigen Stadtverwaltung eine ganze Reihe Hatzls gegeben hat, obwohl sie mit ihren Provisionen nicht zu Gemeinderäten gegangen sind, sondern bloß zu Beamten. Es ist möglich, daß unter den Bestochenen auch Juden waren — es wäre ja auch lächerlich für eine Gemeinschaft, die Garantie für jedes einzelne Individuum übernehmen zu wollen. Die bereits eingeleitete Gerichtsverhandlung wird die Schuldigen offenbaren und d.r Strafe zusühren. Den Bukowinaer Christlich-Sozialen — hier wie überall zweite Klasse Menschcn und erste Klasse Schreier — genügte es nicht, daß dieser und jener zur Verantwortung gezogen werde. Die ganze Judenschaft mußte mitgerissen werden, mochte sie noch so unschuldig sein, und die Anklage wurde mit wütendem Hepp! Hepp! gegen sie alle geschleudert. Den Staatsanwälten und der Regierung blieb der Paragraph über Haß und Aufreizung unbekannt — handelte es sich doch nicht um Tschechen oder Italiener — und lustig ging eine wüste Hetze weiter, die sich gegen alle Juden richtete auch die mit der Stadtverwaltung nicht in entferntester Verbindung waren. Jetzt ist nun über diese Hetzorgien der antisemitischen Zeitungen und Agitatoren ein Wolkenbruch von Eiswaffer niedergegangen. Städtische Beamte in Czernowitz sollen Provisionen genommen haben — das ist möglich und immerhin damit zu entschuldigen, daß in Wien erst kürzlich Zehntausende von Provisionskronen in der Nähe des Rathauses verschwunden sind. Was jedoch an christlichsozialer Korruption jetzt gerade in der Bukowina aufgedeckt worden ist, läßt die Vorwürfe gegen die Czernowitzer Stadtbeamten als belanglose Lappalien erscheinen und ist selbst in der Kulturgeschichte der antisemitischen Mißwirtschaft unerhört. Millionen sind wieder in Frage, Millionen, welche von armen, rumänischen Bauern werden bezahlt werden müssen, die nun an den Bettelstab kamen. Das ist das Werk der Bukowinaer Christlich-Sozialen, welche mit Gewalt die Volksrettung für ihre eigenen Taschen übernehmen wollten, von einer Partei, welche eine Menge übelbeleumundeter Leute in den Vordergrund gedrängt hat. Die Anfänge des ungeheuer krassen Panamafalles reichen bis zur Reise Geßmanns und Axmanns zurück, welche bekanntlich die Bukowina bereisten, nicht um etwa Baukreditbanken und Granitsteinbrüche zu gründen, sondern um die Lehre des christlichsozialen Heiles zu propagieren. Ihre Reden wurden mit Begeisterung von Leuten in die Tat umgesetzt, welche keine Gelegenheit hatten, etwa durch ihren guten Ruf oder Geist vorwärts zu kommen. In erster Linie gingen sie daran, den Juden einen wirtschaftlichen Schlag zu versetzen. Natürlich verwendeten sie zu ihren Unternehmungen nicht eigenes Geld, sondern den wirtschaftlichen Besitz armer irregeführter Bauern, welche nun Haus und Hof durch die christlichsoziale Idee verlieren. So wie in Kärnten wurde auch diesmal über die Ratffeisenkaffen wie über herrenloses Gut verfügt und sie wurden dazu benützt, um die Pächter des reichen, griechisch-orientalischen Religionsfondes zu überbieten. Diese Kaffen übernahmen beim Zentralverband der tschechischen Sparkassen die Bürgschaft über neun Millionen Kronen.

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