Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Blochs Wochenschrift Sette «27 Wir zitieren den offiziellen Wortlaut eines vor einigen Tagen beim Vorstande der Lemberger Kultusgemeinde eingelangten Schriftstückes: Landeskrankenanstalt in Lemberg. Zl. 1303, Lemberg, 3/X. 1910. An den isr. Gemeindevorstand in Lemberg, Bernsteingaffe 12. Der Vorstand wird hiemit aufgefordert (!), den namenlosen Sohn der im Spitale verstorbenen Wöchnerin Gisa Weiß sofort bis 11 Uhr vormitags abholen zu laffen, widrigenfalls das Kind nach Ablauf dieses Termines getauft und an das Asyl „Kind Jesu" abgegeben würde. Für die Spitalsverwaltung: Zielinsky in. p. So geschehen im Jahre des Heiles 1910 in der königlichen Hauptstadt Lemberg. Weitere Kommentare überflüffig. Wir hoffen, daß sich die Vertreter der galizischen Judenheit, die Lemberger Kultusgemeinde voran, aufraffen werden, um dieses unqualifizierbare Vorgehen gehörig in die Schranken zu weisen. Die Fanatiker hierzulande scheinen fich mit Gewaltentführungen und Zwangstaufen unmündiger Mädchen nicht begnügen zu wollen und halten nunmehr in ihrem Bekehrungseifer auch nach Säuglingen in der Wiege Umschau. Es ist hoch an der Zeit, jüdischerseits diesem ekligen Treiben auf das Energischeste zu steuern. Das Akademikerjubilaum Hermann BLmbörys. Am 9. d. M. jährte sich zum fünfzigsten Male der Tag, an dem die Ungarische Akademie der Wiffenschaften den hervorragenden Gelehrten und Forschungsreifenden Hermann Vämbery zu ihrem Mitgliede gewählt hatte. Aus diesem Anlaß erschien gemäß einem Plenarbeschlüsse unter der Leitung des Präsidenten Albert Verzeviczy, eine Deputation der Akademie bei Vämbory. um dem berühmten Gelehrten die Iubiläumsadresse zu überreichen. Mitglieder der Deputation waren außer dem Geheimen Rat Verzeviczy der zweite Präsident Zsolt Beoethy, der Generalsekretär Gustav Heinrich, der Präsident der sprachwissenschaftlichen Klasse. Ignaz Goldziher, und der Sekretär dieser Klasse, Josef Szinnyey, junior. Präsident Albert Verzeviczy begrüßte den Jubilar in einer tiefempfundenen Ansprache und überreichte das Ehrendiplom der Akademie. Das Diplom ist ein Quart- Doppelkarton, der unter der Aufschrift „Magyar Tudomänyos Akademia" (Ungarische Akademie der Wiffenschaften) in kalligraphierten, mit roter, Gold- und schwarzer Tinte geschriebenen gothischen Lettern, den folgenden Tert enthält: «Am heutigen Tage geht ein halbes Jahrhundert zu Ende, seitdem die Ungarische Akademie der Wissenschaften Euer Hochgeboren unter ihren Mitgliedern begrüßen kann. Diese fünf Jahrzehnte wurden durch ihre Erfolge auf dem Gebiete der Wissenschaft, durch Ihr in der ganzen Welt bekanntes Wirken und die wirtschaftlichen Ergebnisse desselben denkwürdig. Euer Hochgeboren, der Sie in Ihrer Jugend durch Ihre großes Aufsehen erregende mittelasiatische Reise in der Erkenntnis der sprachwissenschaftlichen. geographischen und ethnographischen Verhältnisse des weitverzweigten Türkentums für all diejenigen, die in die Spuren Ihrer Direktive traten, einen unbetretenen Pfad geöffnet haben, haben in der jüngsten Zeit durch eine glänzende Reihe wissenschaftlicher Werke den Schleier gehoben von den bis dahin nur dunkel bekannten Gebieten der orientalischen Welt. Zu all dem, womit Sie durch Ihre Unermüdlichkeit ein Vorbild zur Bereicherung der wissenschaftlichen Literatur bieten, tritt die großangelegte Tätigkeit, die Euer Hochgeboren auf dem Gebiete des sozialen, ethischen und materiellen Lebens der orientalischen Welt entwickelt haben und die den Namen Euer Hochgeboren in einem weit über die Grenzen unseres Vaterlandes reichenden Kreise in die Reihe der hervorragenden verdienterweise gefeierten Männer der wissenschaftlichen Welt erhoben hat. Daraus erwuchs Ruhm auch für unsere vaterländische Wissenschaft, deren treuer Arbeiter Euer Hochgeboren stets auch dadurch geblieben sind, daß Sie Ihre Forschungen im Schoße unserer Akademie auch auf unsere Sprache und auf unsere Vorzeit ausdehnten. Als hochangesehener Professor unserer Hochschule haben Sie durch Ihren Unterricht, durch Ihre Lehren den bis zur Zeit Ihres Auftretens brach gelegenen orientalischen Wissenschaften eifrige Pfleger erzogen, die auch mit Erfolg sich diesen für uns so wichtigen Studien in unserem Vaterlande widmeten und die ohne Ausnahme Zöglinge Ihrer Schule sind, ihren wissenschaftlichen Wert dem Unterricht Euer Hochgeboren verdanken. Für all das schuldet Euer Hochgeboren unvergänglichen Dank in erster Linie jene vaterländische Körperschaft, die es als ihre Aufgabe betrachtet, das nationale wissenschaftliche und literarische Leben zu führen, zu leiten und zu entwickeln und die das seltene Talent Euer Hochgeboren schon zu Beginn Ihrer Laufbahn wohlwollender Unterstützung teilhaftig werden ließ. Mit diesem Gefühl begrüßen wir Sie, hochgeehrter Herr Kollege, an der heutigen Jahreswende im Namen der Ungarischen Akademie der Wiffenschaften mit dem innigen Wunsche, wir mögen uns noch lange kraft Ihrer nicht erlahmenden Tätigkeit Ihrer sich erneuenden Erfolge erfreuen können. Mit außerordentlicher Achtung und Anhänglichkeit B u d a p e st, Oktober 19 lv. GustavHeinrich Albert Verzeviczy." Generalsekretär. Professor Vämbery dankte für die ihm zuteil gewordene seltene Ehrung. Ich begann meine Laufbahn — sagte er — unter der Aegide der Ungarischen Akademie, ohne deren Unterstützung ich die Hauptresultate meines Lebens vielleicht nie erreicht hätte, deshalb gereicht es mir zu besonderer Ehre, daß dieses Institut, mit dem mein Lebenslauf so innig verknüpft ist. sich meines Jubiläums in so ehrender Weise erinnert. Der gelehrte Jubilar empfing auch sonst zahlreiche Gratulationsbesuche, schriftliche und telegraphische Glückwünsche. Ableben eines jüdischen Oberstaatsanwaltes. In Paris starb vor einigen Tagen der Oberstaatsanwalt am Kassationshofe, Fernand Alphandiry. Geboren im Jahre 1837 in Salon, widmete er sich.nach Absolvierung seiner Studien der richterlichen Laufbahn. Er war Staatsanwalt im Appellsenat von Bourges. später in Bordeaux Im Jahre 1893 wurde er an den Kassationshof berufen. Alphandöry war Offizier der Ehrenlegion. Vor Alphandöry war ein anderer Jude, Bödavrides, gleichfalls aus dem Süden stammend, Senatspräsident pm Kassationshofe, woselbst noch gegenwärtig ein Jude, M. Duvard, als Richter wirkt. M. Alphandöry hatte zur Zeit der Dreifus-Affäre Sitz im Kassationshof. Seine Integrität wurde aber selbst in jener Zeit der antisemitischen Hochflut von keiner Seite in Frage gestellt. Er genoß in allen Kreisen das höchst; Ansehen. Ehrcnbegräbnis für einen jüdischen Soldaten in Rußland. Vor einigen Tagen wurde in Petersburg ein jüdischer Soldat zu Grabe getragen, der fünfzig Jahre -(hindurch aktiven Militärdienst geleistet hat. Das Leichenbegängnis fand mit allen militärischen Ehren in Anwesenheit hoher Offiziere statt. Die großartige Leichenfeier erlitt jedoch eine merkwürdige Störung dadurch, daß eine Frau> die Mitglied eines antisemitischen Frauenvereines ist, auf den kommandierenden Offizier zutrat und fhn schreiend zur Rede stellte, wie er es mit seiner Würde als russischer Offizier für vereinbar halte, einem Juden solche Ehren zu erweisen und zuzugeben, daß die Mannschaft das nur für Patrioten geziemende Kameradschafts- und Abschiedslied „Kol slavec" singe. Der Offizier antwortete mit lauter Stimme: Der Verstorbene war ein pflichttreuer Soldat und diese Ehren gebühren ihm. . . ." Die antisemitische „Patriotin" wurde schließlich abgeführt. Jüdische Helden in drr Bekämpfung der Pest in Odessa. Die „Neue Welt" in Warschau veröffentlicht einige interessante Daten aus der Geschichte der Pestepidemie in Rußland, denen wir die folgenden Einzelheiten entnehmen.