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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-10-21 · 42 (21.10.1910) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
42 (21.10.1910)
Date
1910-10-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Serie 696 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 42 keinem Lande so wenig Vorurteile gegen Juden gegeben, wie in der Türkei. Seit dem 16. Jahrhundert haben die Juden gleiche Rechte mit den Muselmännern und trotzdem sind sie schrecklich arm und unwissend. Dies läßt sich vielleicht damit erklären, daß die Juden den Jndifferentismus und Fatalismus der sie umgebenden Mohammedaner angenommen haben. Eine Ausnahme hiervon bilden die Juden von Salonichi. Ich war vor vier Monaten in dieser Stadt und ich habe mich mit Freuden überzeugt, daß die Stadt, welche mehr als 75 Prozent Juden sählt, die europäischeste und gebildetste Stadt der Türkei ist. Die Juden beschäftigen sich dort viel «mit Handel, Industrie und Kleingewerbe. Die besten, intelligenten Politiker und Beamte, sowie die hervorragendsten mechanischen Arbeiter in der Türkei stammen aus den Reihen der Saloniker Jugend, die aus der Alliance- Schule hervorgegangen ist. Und diese intelligente jüdische Jugend ist heute die Verbreiterin der Kultur und Aufklärung in der Türkei. Die jüdischen Wohlfahrtsanstalten und besonders das jüdische Spital in Salonichi können mit jeder ähnlichen Anstalt in England oder Amerika den Vergleich aushallen. Wie verhält sich die türkische Regierung den Juden gegenüber? Diese Beziehungen sind toleranter Natur. Ich habe bei der Regierung niemals Zeichen von Vorurteilen gegen die Juden bemerkt. Eine Ausnahme bildet bloß ihre Stellung zur Einwanderungsfrage in Palästina. Das hat jedoch zweierlei Ursachen. Erstens weil die türkische Regierung die jüdischen Einwanderer als die Vertreter einer fremden Macht, z. B. Rußlands'ansieht, und zweitens, weil die zionistische Propaganda das neue Regime abschreckt und unangenehm berührt, weil es prinzipiell gegen die Zersplitterung des Reiches und gegen die Schaffung neuer, unabhängiger Volksstämme ist. Im Zionismus erblickt man in der Türkei eine Störung, welche die Losreißung Palästinas von der Türkei cmstreht. Eine große Wirkung hatte der Zionismus in Jerusalem. Die Stadt wurde größer, die Bevölkerung dichter, aber infolge der vergrößerten Einwanderung von Menschen, die sich nicht selbst erhalten können, ist auch die Armut der jüdischen Bevölkerung in Jerusalem viel größer geworden. Sie dürfen jedoch nicht glauben, sagte Mr. Straus mit Nachdruck, daß ich vielleicht deshalb so spreche, weil ich etwa ein Gegner des Zionismus bin. Ich bin durchaus kein Gegner einer praktischen jüdischen Kolonisation, möge sie den Namen Zionismus oder Territorialismus tragen, wenn sie nur den Vertriebenen aus Rußland und Rumänien und anderer Länder der Bedrückung dis Möglichkeit bietet, sich anzusiedeln und Menschenrechte zu erwerben. Was könnten di; westlichen Juden für die Verbesserung der Lage der türkischen Juden tun? Unglücklicherweise haben die sephardischen Juden die spaniolische Sprache beibehalten, Dieser Umstand erschwert es ihnen, mit der sie umgebenden Bevölkerung in engeren Verkehr zu treten. Deshalb ist es sehr 'hoch zu schätzen, daß di: Allianz durch ihre Schulen unter den Juden Bildung und Sprachkenntnisse' verbreitet. Viele hochgestellte angesehene türkische Beamte haben ihre erste Bildung in Allianceschulen genossen. Der Held der türkischen Revolution und gegenwärtige Kriegsminister Mahmed Chefket Pascha hat die Ällianceschule in Bagdad absolviert. Man muß daher die Alliance in ihrer Schultätigkeit und besonders in der Gründung verschiedener technischer und Handwerkerschulen, die zur Hebung der wirtschaftlichen Lage der türkischen Juden äußerst wichtig wären, mit allen Mitteln unterstützen. Was könnte di: türkische Regierung zur Aufbesserung der wirtschaftlichen Lage der Juden tun? Um die Wirtschaftliche Lage im Lande im allgemeinen. sowohl derjenigen der Juden, wie auch der Mohammedaner und der Christen zu verbessern, ist vor allem di: Entwicklung einer eigenen Industrie von Nöten. Diese Entwicklung wird jedoch durch die verschiedenen „Kapitulationen" gehindert, welche die Türkei verpflichten» die Einfuhr verschiedener Waren zuzulassen, wodurch es ihr unmöglich wird, ihre eigene junge Industrie erfolgreich zu schützen. In letzterer Zeit wurden bereits Schritte unternommen, um sich von diesen Fesseln tzu befreien. Schließlich erklärt noch Mr. Straus, daß die Folgen der neuen Rechtsordnung sich überall in der Türkei wohltuend fühlbar machen. Das Volk kann sich jetzt frei bewegen was zur Entwicklung des ivirtschaftlichen Lebens beiträgt. Das Spitzelwesen, das unter Abdul-Hamid geblüht hat, ist bereits vollständig verschwunden und jeder fühlt sich heute in der Türkei frei, wie ein Mensch nur frei sein kann. Der Rektor der Lemberger Universität und die jüdischen Studenten. Aus Lemberg wird uns geschrieben: Vor einigen Tagen erschienen die Vertreter der ji'oifdi ratioa'eu Verbindungen der Lemberger Universität im Rektorat, um die Wünsche der jüdischen Studentenschaft vorzubringen. Die Deputation forderte namens der jüdischen Studentenschaft außer der Anerkennung der jüdischen Nationalität auch die Errichtung eines Lehrstuhles für hebräische Sprache und Literatur und jüdische Geschichte. Im Rektorat wurde die Abordnung vom Prorektor Professor Dr. Glombinski, der bekanntlich auch Obmann des Polenklubs ist, freundlich empfangen. Dr. Glombinski erklärte, daß er sich für die gerechten Forderungen der jüdischen Akademiker sehr interessiere und erzählte, daß er aus verschiedenen Teilen des Landes ähnliche Resolutionen erhalten habe. Ueber diese Wünsche werde der akademische Senat beraten und beschließen. Was ihn selbst betrifft, so meint er, daß, wenngleich die jüdische Nationalität in Oesterreich nicht anerkannt sei, die Tatsache allein, daß eine gewisse soziale Gruppe, wie die österreichischen Juden zweifellos eine bilden, sich zu einer bestimmten Nationalität bekenne, ein Beweis für ihre Eristenz sei. Er werde daher niemals einem Juden, der erkhärt, daß er fühlt, denkt, lebt wie ein Jude, das Recht absprechen, der jüdischen Nation anzugehören. Was die Forderung nach Errichtung eines Lehrstuhles für hebräische Sprache, Literatur und jüdische Geschichte an der Lemberger Universität anlangt, stimme er dieser Forderung freudigst zu. Die Geschichte der Juden und jhre interessante Vergangenheit verdienen genau so /wissenschaftlich behandelt zu werden, wie die Geschichte ber übrigen Völker. Auch die schöne hebräische Sprache des /kulturell hochstehenden jüdischen Volkes ist eines eigenen Lehrstuhles würdig, der auch das wissenschaftliche Niveau unserer Universität zu heben geeignet Märe. Es gibt aber sehr viele schöne und gerechte Forderungen — und zu diesen zählen auch die Forderungen der jüdisch-nationalen akademischen Jugend — die jedoch nicht erfüllt werden können. Zu bemerken sei noch, daß die jüdisch-nationalen Akademiker in einer Versammlung den Beschluß faßten, alle jüdischen Studenten aufzufordern, bei Doktorpromotionen zu verlangen, daß in ihren Doktordiplomen ausdrücklich verzeichnet werde, daß sie der jüdischen Nation angehören. Die unentschiedene Antwort des Rektorates hat die jüdisch-nationale Studentenschaft nicht befriedigt. Ein Märchen ans Halbasien. So müßte man nachstehenden Vorfall bezeichnen, wenn dessen Authentizität nicht durch eine offizielle Notiz im »Kurjer Lwoski", Organ der polnischen Volkspartei, die traurigste Bestätigung fände.

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