Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 694 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 42 15. Jahrhunderts fällt. Damals, als Vasco de Gama. der auch minder Gebildeten aus der Oper des Juden Meyerbeer bekannt ist, den Weg nach Ostindien fand, das alsbald der portugiesischen Herrschaft untertan war, konnte Portugal als die erste Seemacht bezeichnet werden. Dann entdeckte Cabrol Brasilien und eroberte es. Damals stand das Königreich, das aus den Kämpfen zwischen den Christen und Mohammedanern entstanden war und von Alfonso VI., dem Könige von Kastiliem zu dessen Zeit Jehuda Halevi seine unsterblichen Lieder sang, seinen Eidam Heinrich von Burgund, einem Prinzen aus kapetisingischem Stamme übertragen wurde, auf der Höhe. Es war ums Jahr 1109. Wie rasch sank seine Macht, nachdem es 1580 unter die verhaßte spanische Herrschaft gelangt war. Engländer und Holländer taten das .ihrige, um sich der ostindischen Kolonien zu bemächtigen, und als das Königreich 1640 wieder selbstständig geworden war, da sehen wir es zu einem unbedeutenden Staatswesen herabgesunken. Brasilien erklärte sich 1822 zu einem unabhängigen Reiche. Innere Kämpfe schwächten Portugal, Ackerbau, Handel und Gewerbe sanken immer mehr und heute beschränkt sich der Kolonienbesitz Portugals in Asien auf die vorderindischen Plätze, auf Makao an der chinesischen Küste und einen Teil Timors, in Afrika auf die Inseln des grünen Vorgebirges, Portügiesilcki-Guinea, Angola und Mozambique. Ein Bild schneller Blüte, raschen Aufsteigens und noch rascheren Verfalls, wie es uns in der Geschichte bei manchem Staate lehrreich genug entgegentritt. — In dem furchtbaren Jahre 1492 (5252), als die Juden aus Spanien vertrieben wurden, regierte in Portugal Johann II., derselbe König, vor dem Don Isaak Abarbanel (oder Abrabanel), der Enkel Samuel Abarbanels, nach Kastilien flüchten mutzte. Dieser König gestattete unter sehr harten Bedingungen 120.000 spanischen Juden, die Grenzen Portugals zu überschreiten, wo sie neuen Leiden entgegengingen. Nach acht Monaten sollten sie das Land verlassen. Die eingeborenen portugiesischen Juden sahen gerade nicht mit den freundlichsten Augen auf die spanischen Brüder. Die Juden Portugals wurden seit der Begründung des Königreiches von den Beherrschern des Landes nicht schlecht behandelt, man gestand ihnen sogar eine ziemlich selbständige Verwaltung zu, ein Oberrabbiner leitete ihre inneren Angelegenheiten und regierte sie im Namen des Königs. Die kühnen Entdeckungsfahrten der Portugiesen machten deren Blick frei und bewahrten sie vor Engherzigkeit und einer blinden Unterwerfung unter die starre Kirchenzucht. So fühlten sich die Juden in diesem Königreiche glücklich, und schon im Jahre 1391 fanden hier viele der aus Spanien flüchtenden Juden und Marranen ein Zuflucht. Zu diesen gehörte auch Samuel Abarbanel. In Lissabon wurde 1437 jener berühmte Don Isaak Abarbanel geboren, den der König Alfonso V. (1436 bis 1481) zu seinem Schatzmeister und vertrauten Ratgeber machte, dessen Haus der Mittelpunkt für Künstler und Gelehrte seiner Zeit, ohne Unterschied des Glaubens^, wurde und der im edelsten Sinne für seine Glaubensbrüder eintrat, wo immer es galh, ihr Elend zu lindern. Dies ist wohl die glücklichste Zeit der Juden in Portugal gewesen. Aber jäh brach das Glück Don Isaaks zusammen, als Johann II. (Joao II.) den Thron bestieg und mit rücksichtsloser Strenge gegen die portugiesischen Adeligen vorging. Den Argwohn, den er gegen die Familie der Braganza gefaßt hatte, mutzte auch Abarbanel büßen, da er zu dieser in freundschaftlichen Beziehungen stand. Don Isaak flüchtete nach Kastilien und war froh, das nackte Leben gerettet zu haben. In Kastilien fand er am Hofe Jsäbellas und Ferdinands eine neue Heimat und einen neuen Wirkungskreis, bis die Ereignisse von 1492 eintraten, die fein Leben wieder zu einem unstäten machten. Der Nachfolger Johanns war Cmanuel der Große (1495—1521). — Anfangs verhielt sich dieser freundlich gegen die schwer geprüften Juden. Den aus Spanien 1492' vertriebenen Abraham bar Samuel bar Abraham Zakuto machte er zu seinem Hofastrologen. Dieser Mann, obwohl von dem Aberglauben seiner Zeit nicht frei, hatte treffliche Kenntnisse in der Astronomie, verfaßte astronomische Tafeln, gleich denen, welche Isaak ibn Sid im 13. Jahrhundert angefertigt hatte, die unter dem Namen der alfosinischen bekannt sind, und im 19. Jahrhundert von der Madrider Akademie der Wissenschaften herausge-, geben wurden. Als 1487 Bartholomaus Diaz längs der Küste Westafrikas ausfuhr, um Indien zu entdecken, und bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung, wie es Johann II. genannt hatte, gelangte, war er hei diesem kühnen Unternehmen von den Vorarbeiten eines astronomischen Kongresses unterstützt worden, in dem nicht nur der berühmte deutsche Astronom Martin von Behaim saß, sondern auch der königliche Leibarzt Jose de Viseu. ein Jude, der dem immer währenden astronomischen Kalender die Tafeln der 7 Planeten zugrunde legte, die Abraham Zakuto ausgearbeitet hatte. Jose verbesserte auch das Instrument zur Messung der Sternhöhe, Wodurch es Vasco de Gama ermöglicht wurde. 1497 den Seeweg nach Indien durch eine Fahrt |uln das Kap der guten Hoffnung zu finden. Aber, so wie im Jahre der Entdeckung Amerikas die Juden Spaniens dieses Land verlassen mußten, so wurden sie in dem Jahre, da der kühne Vasco Ostindien erreichte, von ihrem früheren Gönner Emanuel aus Portugal vertrieben. Denn dieser gedachte durch eine Heirat mit der Tochter Jsabellas und Ferdinands des Katholischen die ganze pyrenäische Halbinsel unter seinem Szepter zu vereinigen. Das spanische Königshaus gab aber zu dieser Heirat nur unter der Bedingung die Zustimmung, wenn der Boden Portugals vollständig von den Juden verlassen würde. Und so gab der König am 24. Dezember 1497 den Befehl, daß alle Juden bis Ende Oktober 1498 aus dem Lande wandern müßten. Er hatte gehofft, die Juden durch Schmeicheln, durch Anbietung von Ehrenstellen, wenigstens äußerlich, zum Bekenntnisse des Christentums bewegen zu können. Als er aber sah, daß fast alle Juden seines Landes die Auswanderung vorbereiteten, ließ er am Pessahfeste alle jüdischen Kinder unter 14 Jahren gewaltsam laufen. Entsetzlich war die Verzweiflung der Juden. Tausende gaben sich und ihren Kindern den Tod. Ein furchtbares Blutbad wurde unter den zur Auswanderung Gerüsteten angerichtet. Wenigen gelang es, glücklich zu entkommen. Zu diesen gehörte Abraham Zakuto, der in Tunis eine Zufluchtsstätte fand, wo er eine Chronik „Juchasin", (Geschlechtsregister), 1504 schrieb, deren Hauptinhalt die jüdische Literaturgegeschichte bildet, während der 6. Abschnitt eine kurze Wellchronik enthält. — 20 Jahre nach diesem furchtbaren Schicksalsschlage, der die Juden Portugals traf, wurde hier dis Inquisition eingesührt, welche die letzten Spuren' des im geheimen geübten Judentums vernichtete. — Die aus Portugal Vertriebenen wandten ihre Schritte meist nach der Türkei, sie bewahrten die portugiesische Sprache, die von ihnen noch 100 Jahre nach ihrer Vertreibung gesprochen wurde und durch die sie sich von ihren spanischen Brüdern unterschieden. Sie gründeten Gemeinden in Konstantinopel, Adrianopel und Salonichi. In der letzteren Stadt bildeten sich nicht weniger als drei portugiesische Gemeinden: Portugal, Alt- und Neu- Lissabon. Hier lebte auch Rabbi Jakob ibn CHatz ib, der (nach Rosanes „Geschichte der Juden in der Türkei") zu den aus Portugal Vertriebenen gehörte und der bekannte Verfasser des „En Jakob" ist, einer Zu-