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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-10-21 · 42 (21.10.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
42 (21.10.1910)
Date
1910-10-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 42 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 691 den nicht nur die christlichen Freisinnigen, sondern auch jene zahlreichen Christlich-Sozialen, welche von der Partei abzufallen bereit sind, stimmen könnten. Daß dieser Kandidat heute schon ein Jude sein könnte, ist ganz ausgeschlossen. Bei der letzten Landtagswahl haben von den beiden bürgerlich-freisinnigen Kandidaten der Christ Baron Hock 4100, der Jude Dr. Schwarz-Hiller nur 3700 Stimmen erhalten. Das will soviel sagen, daß selbst die christlichlich-freisinnigen Anhänger Ho cks sich nicht entschließen konnten, für den Juden Dr. S ch w a r z - Hilter zu stimmen. Dieses Schreiben des Präsidenten der „Union" blieb unbeantwortet und kurz darauf erfolgte die Aufstellung der Kandidatur Dr. Schwarz-Hiller's. Dann hat eine von den fortschrittlichen Mitgliedern des Gemeinderates einberufene Konferenz von Vertrauensmännern und Delegierten der beiden kämpfenden Vereine, des „Freiheitlichsozialen Vereines" nnd des „Donauklub", stattgefundeu, mit der Tendenz, zumindest einen der beiden Kandidaten zum Rücktritte zu bewegen und dadurch dem offenbaren Skandal, daß in einer und derselben Partei, in einem und demselben Bezirke zwei Kandidaten um das Mandat streiten, ein Ende zu machen. Der Präsident der „Union", welcher zu dieser Konferenz geladen war, legte daselbst in der entschiedensten Weise dar, daß mit dem Rücktritte nur des einen Kandidaten die Situation in keiner Weise gebessert wäre, daß eben beide zurücktreten müßten, um einem dritten Berufeneren Platz zu machen. Diese Ausführungen fanden — mit Ausnahme der Delegierten des „Freiheitlichsozialen Vereines" — allseitige Zustimmung, speziell auch von Seite des Baron Hock. Herr Baron Hock hat dann über Ersuchen der „Union" persönlich den Versuch unternommen, Herrn Dr. Schwarz-Hiller zum Rücktritte zu bewegen. Dieser Versuch mißlang, ebenso wie ein zweiter, den Herr Dr. Gustav K o h n in loyalster Weise unternahm, und ein dritter, bei welchem ein beiderseitiger Vertrauensmann intervenierte. All' diese Schritte blieben wirkungslos, obgleich auch die Herren vom „Freiheitlich-sozialen Verein" auf Grund des ziffermäßigen Ergebnisses der letzten Laudtagswahl zugeben mußten, daß für keinen der beiden jüdischen Kandidaten auch nur die geringste Chance vorhanden wäre, und obgleich die Voraussetzung für den gemeinsamen Rücktritt beider Herren dadurch geschaffen war, daß nicht einer, sondern drei ganz ausgezeichnet befähigte Männer sich bereit erklärt hatten, eine von den geeinigten Fortschrittlichen des zweiten Bezirkes ihnen angetragene Kandidatur an- . zunehmen. Aus dem Gesagten wird jeder Urteilsfähige die oben gestellte Frage beantworten können. Eine andere Frage ist jene nach den Ursachen der rettungslos verfahrenen Situation und nach dem Verschulden. Sie heute schon aufzuwerfen und zu erledigen, hieße angesichts des unmittelbar bevorstehenden Wahlkampfes neuen Zündstoff in das ohnehin bereits von Leidenschaften durchwühlte eigene Lager werfen. Das soll und muß vermieden werden. Ueber diese zweite Frage werden wir daher nach vollzogener Wahl sprechen. r. Czenstochau. Mehr als sieben Jahrhunderte lang hat sich diese stolze Hochburg polnischen Klerikalismus — ein wundertätiger Gral, dessen „schwarze Mutter Gottes" gegen dem Kloster reichlich gespendete Gaben alle Schmerzen dieser Erde heilte — einer fast ans Märchenhafte grenzenden Verehrung erfreut, hat die schwersten Kämpfe bestanden, die stärksten Stürme ausgehalten. Nicht Waffen, noch Geistesgewalt konnten diese stolzen Mauern brechen. Noch im Jahre 1704 mußten die tapferen Schweden nach hartnäckiger Belagerung abziehen. Und wie ein jauchzender, gläubiger Refrain ging es durch ganz Polen — Czenstochau fällt nicht! Aber im Jahre 1910 ist es endlich gefallen, gefallen durch die zum Himmel stinkende Verworfenheit seiner frommen Brüder. Was Feindesgewalt in Jahrhunderten nicht zustande brachte, den Verbrechern im Mönchshabit ist es in kurzer Zeit gelungen. Das Heiligtum Polens, sein Wallfahrtsort, mehr noch, dieses magische Zentrum, das seine blutenden Herzen vereinigte, ist entweiht und so viehisch geschändet, wie es nie die Feinde getan hätten. Diese geweihten Hände, in die Polen seinen ganzen Gottesglauben naiv und vertrauensvoll legte, haben alle Tonleiter des Strafgesetzbuches mit einer sorglosen Ruchlosigkeit abgespielt, als ob es auf dieser Welt nur eine geistliche, nicht aber auch eine weltliche Behörde gäbe. Seit den Tagen der Borgias ist diese Leichtigkeit, scheußliche Verbrechen zu begehen, ein wenig aus der Mode gekommen und langsam müssen wir uns erst wieder an dieses hoch über Menschliches hinauswachsende Verbrechertum gewöhnen. Verderbte Priester haben zwar immer jenes grotesk gesteigerte Unnatürliche gezeigt, das sie weit furchtbarer als den ungeweihten Sünder macht. Man weiß, daß, wenn ein Priester fehlt, es zumindest Schändung, Unzucht oder Ehebruch sein muß. Aber was sich in dieser Räuberhöhle von Czenstochau zugetragen hat, übertrifft selbst die Phantasie eines in Orgien schwelgenden Hintertreppenromanes. Der Name eines Damaz Macoch, dieses ehrenwerten Lieblings des Priors von Czenstochau, des Mitgliedes des Klosterrates, Beichtvaters so und so vieler Seelen, der ihnen im Namen des Herrn so oft ihre Sünden vergab, wird in der Kriminalgeschichte gleich hinter Jak the ripper oder Hugo Schenk rangieren. Das scheußliche Verbrechen, den leiblichen Bruder in der eigenen Klosterzelle zu ermorden und an ihm vorher noch die grauenhafte Persiflage einer Absolution vorzunehmen, blieb einem Priester Vorbehalten! Was find dagegen die zahmen Verbrechen, wie Kirchenraub, Ehebruch, Kuppelei, die er so nebenbei unter der Hand begangen hat? Aber ist es denn ein Einzelner, der plötzlich so die Eiterbeule des Katholizismus aufgeriffen hat? Das ganze Czenstochauer Kloster ist, soweit nicht der Mitschuld verdächtig, doch zumindest der Vorschubleistung oder eines kleinen Diebstählchens von ein paar Millionen Rubel Werten beschuldigt. Polizei hält die dunkeln, geheimnisvollen Gänge besetzt, über die sonst die frommen Klosterbrüder beim Ave-Maria-Läuten andächtig zu ihren Liebchen schlichen. Was gläubige Herzen in rührendem Vertrauen der heiligen Mutter von Jasna Gora spendeten — der Kreuzer des Armen, die Banknoten des Reichen — in die breiten Taschen der Mönche ist es gewandert und die Wirte, Damenmodehändler und Juweliere hatten gute Tage. Denn die Paulaner von Jasna Gora haben das strenge Gelübde der Keuschheit und Einfachheit abgelegt. Die Berichte der Blätter werden immer unheimlicher. Man spricht von zwei, drei Morden, man exhumiert Leichen. Die Juwelen der Krone der schwarzen Madonna verhalfen mancher leichtfertigen Schönen zu einer hübschen Mitgift, es wurden Gelage veranstaltet, bei denen die berühmte Paulaneraskese merkwürdige Formen annahm, jahrelang wurde geraubt, gestohlen, wurden die Behörden irregeführt und belogen. O, unsere Zeit zeigt noch Humor und das Schicksal macht noch manchmal seine blutigen Witze. Während in Krakau die Esther Frisch wegen Verkaufes hochheiliger Makulatur zu vierzehn Tagen Arrests verurteilt wird, während in Niederösterreich ein freisinniger Mensch drei Tage Arrest erhält, weil er den Pfarrer nicht grüßen will, bereiten die Mönche von Czenstochau jene unerhörten Blasphemien und Greuel vor, vor denen selbst die klerikalste Verbohrtheit erschüttert steht. Das Jahr 1910, das überhaupt für die Geschichte nicht ohne Bedeutung war, wird auch für die Geschichte des Klerikalismus ein breiter Merkstein werden. Sie wird einmal auch diesem altberühmten, hochheiligen Kloster eiu Blatt des Schauders widmen und die bunten Fetzen von seiner blutigen Herrlichkeit reißen. Spätere, vernünftigere Geschlechter werden einmal die trübe Legende von Czenstochau nicht mehr verstehen können,

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