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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-10-21 · 42 (21.10.1910) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
42 (21.10.1910)
Date
1910-10-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 690 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 42 Wenn es schon Einzelausschüsse im Nahmen des deutschen Volksstammes in Oesterreich geben mußte, dann hätte man nicht nach Kronländcrn, sondern nach Mundartgebieten, da nur der Dialekt der einzig natürliche Einteilungsgrund sein kann, Vorgehen sollen." Ich führe die Erwähnung meiner „Mitteilungen" nur zur Erklärung au, weshalb Dr. Blümml, der Herausgeber der Broschüre, sie gerade mir mit einem Begleitbrief gesandt hat, in dem er darauf hinweist, „daß im Rahmen des ministeriellen Unternehmens auch die deutsch-jüdischen Lieder usw. aufzusammeln wären. DasNichtbeachten dieser Dinge halte ich für einen großen Fehler". Dies wäre somit binnen wenigen Monaten die zweite öffentliche Mahnung an uns Juden, uns einer Sprache anzunehmen, in der Millionen unserer Stammesgenossen, als in ihrer Muttersprache, geistig leben und weben, einer Sprache, die von Regierungen als eigene Nationalsprache amtlich anerkannt ist, die in der Literaturgeschichte des Judentums einen Ehrenplatz behauptet, die in der Gegenwart in Meisterwerken der Dichtkunst ihren Einzug in das Pantheon internationalen Ruhmes gehalten, die aber noch immer keinen berufenen Bearbeiter gefunden, noch immer keine Grammatik und kein Wörterbuch erreicht hat und darum noch immer nicht als ebenbürtig in den Reigen der wissenschaftlich abgestempelten Sprachen und Mundarten eintreten darf, in weiten Kreisen als „Jargon" bespöttelt und bewitzelt wird. Es ist demnach zuerst die Wissenschaft, die hier ein Versäumnis nachzuholen, einer Heimatlosen einen gesicherten Unterstand zu bieten hat. Die Sprache ist nach Wilhelm von Humboldt „die äußere Erscheinung des Geistes der Völker; ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ist ihre Sprache, man kann sich beide nicht identisch genug denken. Eine jede Sprache ist das Produkt einer bestimmten Stufe der Weltanschauung, die ein Volk erreicht hat." Keine Wissenschaft, die jüdischer Eigenart von irgendeiner Seite ihr Augenmerk widmet, wird darum das Aschenbrödel unter den Sprachen, das Jüdischdeutsche, übersehen dürfen. Und wem könnte diese Forschungsaufgabe näher liegen, als den zur Förderung jüdischer Wissenschaft bestimmten Anstalten und Vereinen? Welch dankbare Aufgabe hier winkt, beweist doch hinlänglich die in Rußland von zwei Privaten (S. M. Ginsburg und P. S. Marek) veranstaltete Sammlung dortiger jüdischer Volkslieder (Petersburg 1901). Dabei find in dem stattlichen Bande Polen und fast der ganze Süden und Westen Rußlands noch gar nicht vertreten! Und die Singweisen find aus technischen Gründen dem Werke nicht beigegeben worden. Welche kulturhistorisch unschätzbare Quelle schon diese und andere kleinere Sammlungen darstellen, hat Dr. A. Landau, der berufenste Fachmann, in den „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde", Heft 11, S. 65, ffg. gewürdigt. Neuerdings sind auch in Berlin und Petersburg Vereine für jüdische Volksmusik ins Leben getreten. In Palästina wird ein dritter geplant. Unsere Frage hat aber außer der wissenschaftlichen noch eine politische Seite. Warum haben die Juden Oesterreichs nicht dafür gesorgt, daß so gut wie die anderen Volksstämme der Monarchie auch die Juden bei einem von der Regierung angeregten und geleiteten Unternehmen entsprechend berücksichtigt wurden? Gebühren uns nicht zwei Kommissionen, die eine für das Jüdischdeutsche, die andere für das Spaniolische? Wir haben diese Frage bisher unterdrückt, weil in den Zeitungen davon zu lesen war, daß ein jüdischer Universitätsprofessor mit der Sammlung der jüdischdeutschen Lieder beauftragt worden sei. Die Blümml'sche Broschüre, die sich sonst mit diesem Gegenstände vorzüglich vertraut zeigt, weiß offenbar nichts davon. Weshalb sonst die Bemerkung auf S. 26 und die briefliche Erinnerung des Herausgebers? Ist es nicht eine Ehrensache der gesamten Judenheit Oesterreichs, in diesem Punkte vom k. k. Unterrichtsministerium eine Aufklärung zu fordern und, falls eine weder wissenschaftlich noch politisch zu rechtfertigende Zurücksetzung vorliegt, sich mit allen Mitteln dagegen zu wehren? Oder will man die politische Gleichberechtigung auch hierin in Frage stellen? „Das Nichtbeachten dieser Dinge halte ich für einen großen Fehler." So schreibt Dr. Blümml. Wir pflichten ihm mit ganzem Herzen bei. Diese dankbare Aufgabe vertrauen wir hiemit den jüdischen Parlamentariern Oesterreichs, insbesondere den Mitgliedern des jüdischen Klubs an, die hier eine nationale Ehrenangelegenheit des Judentums zu vertreten haben. Zur Kandtagsnmhl in der Leopoldstadt. „Wunder, wie sehr doch klagen die Sterblichen wider die Götter, Nur von uns sei Böses, vermeinen sie, aber sie selber Schaffen durch Unverstand, auch gegen Geschick, sich das Elend." („Odyssee": I.Ges. Ratsversammlung der Götter: „Zeus".) Wir wollen von vorneherein und um ja kein Mißverständnis aufkommen zu lassen und Vater Homer keiner Ehrenbeleidigungsklage auszusetzeu, betonen, daß er mit den Versen, die wir oben an die Spitze stellen, nur die vor den Mauern Trojas hadernden Griechen und nicht etwa die Juden, welche vor der antisemitischen Burg des II. Bezirkes miteinander einen wilden Kampf führen, gemeint hat. Wir widmen dieser letzteren Situation eine neuerliche Besprechung mit der peinlichen Empfindung, daß die bürgerlich-freisinnige Partei die Schlacht verloren hat, bevor sie noch begonnen wurde. Denn der Appell, den wir unter dem 23. September in Nr. 38 der „Oesterr. Wochenschrift" sowohl an die jüdische Wählerschaft wie an die beiden rivalisierenden Kandidaten des „Freiheitlich-sozialen Vereines" und des „Donauklub", Dr. S chw ar z - H i l l e r und Dr. M it 1 l e r, gerichtet haben, ist bis jetzt ohne Erfolg geblieben. Die Gerechtigkeit gebietet uns allerdings anzuerkennen, daß Herr Dr. Mittler sich seinerseits bereit erklärt-hat, zurückzutreten, wenn Herr Dr. Schwarz-Hiller sich verpflichte, seinem Beispiele zu folgen. Herr Dr. Schwarz- Hiller ist bei seiner Kandidatur geblieben und dadurch ist die Aufstellung eines Kandidaten, für den nicht nur die Juden, sondern auch die freisinnigen Christen und hauptsächlich jene Christlich-Sozialen, welche die Partei zu verlassen entschlossen waren, stimmen könnten, unmöglich geworden. Niemals standen die Aussichten für die Niederringung der christlichsozialen Partei an einer ihrer wichtigsten Positionen günstiger als diesmal in der Leopoldstadt, und die erste entscheidende Niederlage hätte den Zerbröckelungsprozeß dieser Partei in ganz außerordentlichem Maße gesteigert. Niemals aber auch wurden so günstige Aussichten in so leichtfertiger Weise aus den kleinlichsten persönlichen Motiven und aus nichtigen Gruppeninteressen heraus preisgegeben, als in diesem Falle. Die freiheitliche Partei verliert voraussichtlich neuerdings den 2. Bezirk an die Antisemiten durch den Widerstand des Herrn Dr. Schwarz-Hiller, der sich seinerseits wieder auf den unbeugsamen Willen des ihn kandidierenden Vereines beruft. Wenn wir die Situation richtig beurteilen, indem wir die Niederlage antizipieren, so bleibt uns nichts anderes übrig, als heute schon die Frage zu stellen, welche sich Jedem sofort aufdrängen muß: Haben die berufenen Faktoren diese verhängnisvolle Entwicklung nicht vorausgesehen? Haben sie nichts oder was haben sie getan, um sie zu verhindern? Nun, an der Einsicht, daß sie drohe, an Willen und Schritten, ihr zuvorzukommen, hat es nicht gefehlt. Schon im Juni hat der Präsident der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" an den Führer des „Freiheitlich-sozialen Vereines", Abgeordneten Dr. Ofner, ein Schreiben gerichtet, in welchem er demselben in eingehender Weise auseinandersetzte, daß der Bezirk bei der kommenden Landtagswahl nur dann für die freiheitliche Sache wieder zu gewinnen wäre, wenn ein Kandidat aufgestellt würde, für

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