Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 679 Bestellung einer Oberin für die Siechenabteilung der Versorgnngsanstalt. Gemäß dem Anträge des Vertreter-Kollegiums wird die derzeitige Oberschwester des Kaiserin Elisabeth-Instituts für israelitische Krankenpflegerinnen, Hedwig Jaffe, zur Oberin für die Siechenabteilung der Versorgungsanstalt provisorisch bestellt. Mit der Leitung der Lehrerbildung s-A n st a l t für israelitische Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen wird an Stelle des verstorbenen Rabbiners Dr. Elieser David über einstimmigen Vorschlag des Lehrkörpers dieser Anstalt für das Schuljahr 1910/11 der k. k. Schulrat Prof. Dr. Baß betraut. Das Vertreter-Kollegium berichtet, daß die für das Jahr 1910 für Unterstützungen „Verlassene Kinder" bewilligten ansehnlichen Beträge aus Gemeindemitteln wie aus dem Dr. Hajum S. Goldschmidt-Legate erschöpft seien und beantragt die Bewilligung eines Nachtragskredites für diesen Zweck bis zum Betrage von K 5000.—. Dieser Antrag wird angenommen. Ebenso der Antrag des Herrn Dr. Felix Katzau, das Vertreter- Kollegium möge sich mit Rücksicht auf die fortwährend bedeutend wachsende Inanspruchnahme der Gemeindemittel aus diesem Titel mit der Frage der „Verlassenen Kinder" eingehend beschäftigen und dem Plenum entsprechende Anträge stellen. In das Kuratorium derJosefineKönigswarter- Ki n d e rsp i ta l-S.tif t u n g wird an Stelle des verewigten Baurates Wilhelm Stiaßny Herr Vertreter Gem.-Rat Max Frank entsendet. Nach Erledigung von Subventionsgesuchen diverser Vereine wird die Sitzung um 1 Uhr geschlossen. Der erste jüdische Ehrenbürger Brünns. Einem Brünner Juden wurde dieser Tage die höchste Ehrung zuteil, die von der Gemeindevertretung einer großen Stadt, überhaupt vergeben werden kann. Herr Fabriksbesitzer Jonas Löw-Beer wurde vom Gemeinderate des österreichischen Manchester einstimmig, also auch mit den Stimmen der Sozialdemokraten, zum Ehrenbürger der ersten Landeshauptstadt Mährens ernannt, u. zw. als erster Jude in Brünn, den diese höchste Bürger-Auszeichnung schmückt. Ist diese seltene Tatsache schon an und für sich ein besonderes Zeichen der Zeit, so gewinnt sie noch höhere Bedeutung durch ihren Anlaß. Die einstimmige Ernennung des ersten jüdischen Ehrenbürgers von Brünn erfolgte als wohlverdienter, wenn auch ungesuchter Lohn für die außergewöhnlich reiche Betätigung jener gerade bei den Reichen und Reichsten nicht allzu häufigen Tugend, welche als ganz besonders „christlich" und als Hauptpflicht jedes echten Christen gilt: der „christlichen" Nächstenliebe. Am 1. d. M. übergab nämlich der die Pflichten des Besitzes Wohl kennende und auch ausübende Großindustrielle und Jude in aller Stille, wie echtes Wohltun es verlangt, ein auf städtischem Grunde, ganz aus eigenem Gelde, wahrhaft großartig erbautes und eingerichtetes Asyl für Obdachlose in die Verwaltung der Stadt Brünn, welche gerade eine solche Wohltätigkeitsstätte besonders dringend brauchte; dieses großzügige Werk der Mildtätigkeit ist aber keineswegs die einzige, sondern nur die jüngste Tat des Gefeierten, eines Schwagers des hochgelehrten Landesrabbiners Herrn Dr. P l a c z e k. Und nun folgte die Ironie des Lebens buchstäblich auf den Fuß! Am folgenden Tage, am 2. d. M. zitierte bei einem großen Festmahle anläßlich einer imposanten und auch mit einem Hochamt verbunden gewesenen Denkmal-Enthüllung in Brünn einer der gesellschaftlich und an Reichtum höchststehenden Festredner „Christi Wort: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst!" Welch bitterer Hohn! Die Hauptlehre des Judentums, das Wort Mofis und der Propheten „Christi Wort!" In diesem Falle aber doppelte Ironie: die 64.000 Kronen für das wirklich prächtige Marmorstandbild, welches die Stadt sehr ziert, seine Urheber ehrt, aber keinen Armen nährt, noch kleidet oder beherbergt, wurden durch eine internationale Sammlung aufgebracht, überdies mit Zuschüssen seitens der Gemeinde, des Landes und des Staates; die noch größere Summe für das in Oesterreich wohl derzeit in seiner Art einzige, 60 Betten zählende Obdachlosenhotel — ein solches scheint es zu sein und kein „Asyl" — gab ein einziger Mann her, und dieser eine ist ein Jude, der obendrein das viele Geld mit Herz und Liebe und ganz im Sinne seiner gleichgearteten Frau „anbaute". O, diese „christliche" Nächstenliebe! ludäus. Eine peinliche Affäre in Czernowitz. Unter dem Schlagwort „Hatzl in Czernowitz" schreibt die „Arbeiter-Zeitung" vom 11. Oktober: „Nunmehr hat aueh Czernowitz seinen Hatzi. Hat der Wiener Hatzi in den maßgebenden christlich-sozialen Kreisen seinen Einfluß geltend gemacht, so ist der (’zeruowitzer der Adjutant des jüdisch-klerikalen Dr. S t r a u c li e r, womit nun erwiesen ist, daß eben die gesamte bürgerliche Politik, mag sie sieh welch Firmentafel immer gehen, korrupt ist. Doch zur Sache. Der Magistrat in Czernowitz hat vor etwa zwei Jahren von Wien einen Beamten zur Leitung des Baudepartements bezogen. Dieser Herr stieß mit einigen ihm untergebenen Beamten sowlfe mit Gemeinderäten zusammen. Seither wird eine systematische Hetze gegen ihn getrieben, die so weit ging, daß man ihm diu Leitung gewisser größerer Bauten entzog. Dies mag der Grund gewesen sein, daß er nachforschte, ob bei Vergebung der Lieferungen für Bauten unsaubere Dinge geschehen seien. Er fand, daß ein Herr Schauer, seines Charakters Agent und feines Zeichens der stille und unermüdliche Agitator der Straucher- Partei, den man zudem in allen öffentlichen Lokalen an der Seite der jüdischen Gemeinderäte sehen konnte, von den Firmen Provisionen bezogen hatte. Die Firmen übergaben dem Baudirektor Briefe, in denen Herr Schauer sagte, er habe von der ihm übergebenen Provision bereits so viel an die maßgebenden Faktoren bezahlt, daß ihm bloß öOO Kronen geblieben seien; ferner, die Firma möge die bedungene Provision rasch senden, da die Gemeinderatsferien vor der Tür stehen und die Gemeinderäte gerade jetzt Geld brauchen, weiter, er habe bereits JüO Kronen zur Verteilung gebracht; endlich, er habe es mit großen Kosten erreicht, daß das Offert der Finna, obwohl ein billigeres vorlag, angenommen wurde. Nun ist es ja möglich, daß der Agent, die firmen hinters Lieht geführt und ihnen Beträge unter falschen Vorspiegelungen herausgelockt hat. Dann wäre es jedoch die Pflicht des Gemeinderates gewesen, diesen Herrn wegen Betruges und Verleumdung zu belangen. .Statt dessen ist Herr Doktor Straucher über den Baudirektor hergefallen, der alles aufgedeckt hat, und hat ihm zum Vorwurf gemacht, daß * er spitzle. Es wurde denn auch, obwohl der Baudirektor von seinen Erfahrungen vor allem dem Bürgermeister verständigt hat, obwohl er die Briefe in beglaubigten Abschriften vorgelegt hat, der Beschluß gefaßt, gegen ihn die Klage einzubringen. Das Manöver ist klar; dadurch wird der Agent Zeuge, die Firmen werden kaum altes erzählen, da sie doch die Provisionen gegeben haben, und mau hat mit einem Schlage zwei Fliegen getroffen: der Gemeinderat bekommt ein Attest, daß er kein Geld bekommen hat .und der Baudirektor muß seinen Abschied nehmen. Jetzt weiß mau es, warum die Herren sich gegen ein demokratisches Wahlrecht so sträuben.*' Soweit die „Arbeiter-Zeitung". Diese Mitteilungen können unmöglich aus Wahrheit beruhen. Herr Dr. Straucher ist Obmann des „Jüdischen Klubs", kann unmöglich Bestechungsaffären solcher Art vertuschen lassen. Wir hoffen, daß die „Arbeiter-Zeitung" gerichtlich gezwungen wird, eine Berichtigung zu publizieren. Mödling. Dem Rabbiner unserer Kultusgemeinde, Herrn Dr. L. B a r d o w i c z, der seinerzeit gezwungen war, gegen den hiesigen Kultusvorsteher Ignatz Belai und einige Kultusausschuß-Mitglieder den Schutz des Gerichtes anzurufen, ist eine Genugtuung dadurch zuteil worden, daß ihm eine von zahlreichen Gemeindemitgliedern Unterzeichnete Vertrauensadreffe überreicht wurde, die folgenden Wortlaut hat: „Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Leo Bardowiez, Mödling. Durch das über Ihre Ebrenbeleidigungsklage gegen den KultusVorsteher Ignatz Belai und sechs Ausschussmitglieder der Israel. Kultusgemeinde Mödling erflossene Urteil des k. k. Bezirksgerichtes Mödling wurden wir darüber belehrt, welche Unbilden Ihnen seitens des Kultusvorstandes wiederholt zugefügt wurden, mit welcher Geduld Sie selbe ertrugen, beziehungsweise sich über dieselben hinweggesetzt haben, und nur als Sie es nicht mehr tun konnten, ohne Ihrer Würde etwas zu vergeben, die Hilfe des