Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 676 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 41 J| lü der Abteiluug der Vorsänger werden dann auch die Gesetze der hebräischen Sprache und hebräische Diktion gelehrt werden, ferner das hebräische Lied und seine verschiedenen Fotmen, Geschichte der poetischen Dichtung, des Piut und der Gebete. Daneben erfolgt Unterricht in der Musiklehre im allgemeinen und in der orientalischen und jüdischen im besonderen, ausseidem Anweisung für den Dienst des Vorbeters und den Gebrauch der Gebete. 3. Eine weitere Aufgabe des Institutes besteht in der Arrangierung von Schauspieltn und Vorstellungen aus der jüdischen Geschichte mit Musikbegleitung. Diese Vorstellungen werden vor den Augen des Volkes dessen grosse Vergangenheit und die Gestalten seiner Helden neu erwecken und es also mit Stolz erfüllen und zur Nacheiferung reizen, wenn es in dramatisch bewegter Handlung sieht, wie sie im Lande der Väter lebten und handelten. Dramatisch musikalische Darbietungen solcher Alt werden die Einbildungskraft des Volkes fesseln, dasselbe auf den Flügeln der Phantasie zurücktragen in seine grosse, an Wunder reiche Vergangenheit und in seinem Herzen Dankbarkeit auslösen für den Versuch, ihm das Leben seiner Väter so vor Augen zu führen, wie es sich tatsächlich abspielte, als dieselben noch frei und wohlgemut hier im eigenen Lande wohnten. Um nun die in den vorgenannten Paragraphen angegebenen Zwecke mit den bestgeeigneten Mitteln am ersten zu erreichen, sind von uns in dem Institute bereits folgende Sammlungen in Angriff genommen worden. 1. Sammlung von Volksgedichten und Volksmelodien, worin alle im Munde des Volkes noch lebendigen Lieder und Melodien aus allen Ländern, wo Jaden wohnen, vereinigt werden sollen. Bis jetzt wurden in diese Sammlung bereits 800 Lieder und Melodien aufgenommen. 2. Sammlung von Musikinstrumenten, in welcher alle alten und jetzt gebräuchlichen orientalischen Musikinstrumente zusammengebracht werden sollen. 3. Sammlung von Text- und Notenbüchern, in welcher alte Lieder- und Notenbücher, sowie alte gedruckte Bücher und Handschriften Aufnahme finden sollen, welche über orientalischen Gesang und Musik im allgemeinen und über jüdischen im besondern handeln. 4. Sammlung von Kleidern und Kostümen, in welcher alle Quellennachrichten über altisraelitische Kostümkunde vereinigt werden sollen, um nach diesen Angaben die Gewänder anzufertigen, welche die Sänger in dem Institute bei öffentlichen Vorstellungen tragen sollen. Auch haben wir bereits für jede Abteilung der gemischten Jerusalemer jüdischen Gemeinde einen speziellen Chor mit einem Dirigenten gebildet, welcher die Teilnehmer desselben die überlieferten Gesänge und Melodien zu lehren hat. Bis jetzt besteht bereits ein aschkenasischer Chor mit 40, ein jeminitischer mit 20 und ein Aleppoer mit 26 Sängern, denen wir bald auch weitere Chöre für Sephardim und Perser anzuschliessen gedenken. So wenden wir uns denn jetzt an alle, welchen das Ideal der Wiedererweckung und Wiederbelebung jüdischen und hebräischen Liedes teuer ist und am Herzen Hegt mit der herzlichen Bitte, uns als Mitglieder unseres Institutes sowohl nach der spirituellen, als nach der materiellen Seite hin die Hände zur Hilfe zu reichen. Nach der spirituellen Seite, dass sie uns helfen durch Ueberweisung von Liedern, Melodien, Musikinstrumenten, Büchern, Broschüren und Handschriften, welche hierauf Bezug haben, unsere begonnene Sammlung immer mehr zu vergrössern und reichhaltiger zu gestalten. Insonderheit bitten wir alle jüdischen Sänger und speziell die Herren Kantoren, unser Unternehmen zu unterstützen, indem sie die Existenz desselben überall bekannt machen und uns selbst von den Schätzen ihres eigenen Geistes und was sie vielleicht sonst von Nationalliedern gesammelt haben, gütigst mitteilen und überlassen. - Nach der materiellen Seite hin aber bitten, wünschen und hoffen wir, dass sich jetzt recht viele Gönner unserer Anstalt finden mögen, welche unserem Verein als Mitglieder beitreten und mit ihren Beiträgen und Gaben den Fortbestand und die weitere Entwicklung und Ausdehnung unseres Institutes sichern werden. Der Mitgliedsbeitrag ist auf 10 Frcs. per Jahr festgesetzt. (Ueber die Rechte eines Mitgliedes gibt § 7 der Statuten der - Anstalt näheren Aufschluss.) Wenn in solcher Weise alle Liebhaber des Zionsliedes dem hiemit an sie gerichteten Appell ein aufmerksames und williges Gehör schenken und mit Aufbietung ihrer geistigen und materiellen Kräfte dem Institut für jüdischen Gesang und Musik die erbetene Hilfe gewähren werden, so wird es vielleicht auch nicht lange dauern, bis zum Lob und Preis des jüdischen Liedes demselben auf einem der Berge Zions ein ihm geweihtes eigenes Heim erstehen wird. Im Namen der verschiedenen Chöre der jüdischen Gemeinden in Jerusalem der Gründer und Leiter des Institutes: Abraham Zewi Idelsohn. pbon nab® 'nbn .dtp pnr oot). non ’ib "2L.-> Fünfzehn Tage in §U|rl««>.*) Vor fünf Jahren verfolgte Europa mit Spannung und Interesse die Vorgänge in Rußland: man las von beispiellosen Blutbädern, von Barrikadenkämpfen, von Heldenmut, Selbstaufopferung und einem von Millionen geführten gewaltigen Freiheilskampfe. Die Nachrichten aus Rußland wurden nach und nach spärlicher, und heute lesen wir nur noch höchst langweilige Berichte über die Verhandlungen der „Duma", eines Instituts, von dem es nicht klar ist, ob es ein Parlament ist oder ein geselliger Verein. Was aber mit dem vergossenen Blute erkauft wurde, das ist dem westeuroväischen Zeitungsleser völlig rätselhaft; rätselhaft ist es auch dem Russen. Wie sieht es nun heute in Rußland aus? Um ein einigermaßen anschauliches Bild des Rußland von heute zu geben, habe ich aus fünfzehn fortlaufenden Nummern der anständigsten und zuverlässigsten russischen Tageszeitung „R'etsch" die nachstehenden Zitate entnommen und sie ohne Kommentar bunt aneinandergereiht. Hätte ich andere 15 Nummern gewählt, so wäre das gewonnene Bild dem vorliegenden gleich. Also so sieht es heute in Rußland aus. 1. Das russische Reichspostamt gibt bekannt, daß infolge der verschärften „Preßfreiheit" die Einnahmen der Zeitungsp ostämter im letzten Rechnungsjahr um 84.749 Rubel zurückgegangen sind. Der Voranschlag für das nächste Jahr sieht einen weiteren Rückgang um 169.498 Rubel vor/ (Nr. 251 v. 26. September 1909.) 2. In Tambow habensich zwei Schülerinnen der höheren Töchterschule vergiftet. (Nr. 251 v. 26. September 1909.) 3. In Petersburg wurden heute drei minderjährige Mädchen (von 12, 13 und 15 Iahren) an verschiedenen Orten und von verschiedenen Tälern vergewaltigt. (Nr. 251 v. 26. September 1909.) 4. Im Bjeschetzker Gefängnis wütet eine Typhusepidemie. U. a. ist der Gefängnis direktor Scharapow am Typhus gestorben. (Nr. 252 v. 27. September 1909.) 5. Das Eisenbahnministerium hat die Vergebung von Arbeiten und Lieferungen bei der im Bau befindlichen Bahn Tjumen—Omsk an Iuden und Polen verboten. (Nr. 252 v. 27. September 1909.) 6. In Iekaterinoslaw wurden in den letzten zwei Monaten von der politischen Polizei 300 Personen verhaftet. (Nr. 253 v. 28. September 1909.) 7. General Lewizkij, Kommandeur des 63. Infanterieregiments in Stawropol, hat folgenden unsinnigen Bericht an den Kaiser abgeschickt: „Seiner Majestät dem Zaren teile ich untertänigst mit: Wenn man im Dache und im Fundament einer Hütte einen künstlichen Sturm erzeugt, so fliegt diese hoch und bleibt unter Einwirkung der vom Sturme erzeugten Kraft in der Luft hängen. Dieses neue Flugprinzip, das auf der grenzenlosen Kraft des Sturmes beruht, ermöglicht die Hebung und Fortbewegung beliebiger Lasten mit beliebiger Geschwindigkeit. Da die Folgen dieser Erfindung gar nicht abzusehen sind , und die Einbildungskraft eines Laien sich gar nicht ausmalen kann, welche Umwälzungen das neue Flugprinzip im öffentlichen Leben Hervorrufen wird, so teile ich Obiges pflichtgemäß Seiner Kaiserlichen Majestät mit. Stawropol, d. 13. 8. 1909. Nr. 432. General Lewizkij." (Nr. 253 v. 28. September 1909.) 8. Die Reichs-Gefängnisverwaltung verlangte vom Direktor der Strafanstalt zu Gantscheschty (Bessarabien) einen Bericht über die Zahl der Sträflinge und sonstige Daten. Der verlangte Bericht blieb aus, und die eingeleitete Untersuchung ergab, daß die betreffende Straf- *) Aus der Zeitschrift: „Die Hilfe".