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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-10-14 · 41 (14.10.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
41 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 41 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 675 Demgemäß muß die Provisorische Regierung ihre Hauptaufgabe darin erblicken, mit dem jahrhundertealten Unrecht aufzuräumen und den übermächtigen klerikalen Einfluß auszuschalten. Es ergab sich daraus ganz von selbst, daß eigentlich die erste Tat der provisorischen Regierung in der Auflösung der zahllosen Kongregationen und in der Ausweisung ihrer Mitglieder bestand. Ebenso mußte die portugiesische Republik die Beziehungen zum Vatikan abbrechen und den Versuch machen, den Einfluß der Kirche auf das Land nach Möglichkeit auszuschalten. Auch dürfte sie sich schwerlich durch die plötzliche Nachgiebigkeit Noms, das nun aus einmal mit der Republik seinen Frieden schließen möchte, in ihrer antiklerikalen Haltung beeinflussen lasten. Daß die Neuwahlen zur portugiesischen Kammer, die in einiger Zeit der Auflösung der Kammer folgen dürften, eine überwiegende Zustimmung des Volkes zu der republikanischen Staatsform bringen werden, erscheint keinen Augenblick zweifelhaft, auch wenn hie und da im Lande vielleicht noch einige monarchische Sympathien vorhanden sein sollten. Hatte doch die letzte Regierung Teixeira de Souzas nur unter der Anwendung des äußersten Druckes bei den letzten Wahlen den Sieg der Republikaner verhindern können. Jetzt hat denn auch Herr Teixeira bereits seinen Frieden mit den siegreichen Republikanern gemacht und sich löblich unterworfen. Ein großer Teil der bisherigen Vorkämpfer der Monarchie ist schleunigst seinem Beispiele gefolgt. Iü8titut kür!8ratzl!ti86litz Musik in Jerusalem. In den Zeiten seiner nationalen Selbständigkeit, als das jüdische Volk in Sicherheit und Ruhe, in Glück und Wohlstand in seinem eignen Lande unter seinem „Weinstock und Feigenbaum sass“, blühte bei demselben neben der Dichtkunst auch der weltliche und geistliche Gesang und die Musik. Während der weltliche Gesang hauptsächlich der Erhöhung der Lebensfreude hei National-, Natur- und Familienfesten diente, wurde der geistliche Gesang mit Chören und Orchesterbegleitung besonders von den Leviten beim Tempelkultus in Jerusalem gepflegt Mit dem Verluste der nationalen Selbständigkeit des jüdischen Volkes im eignen Lande hat sich wohl auch der weltliche jüdische Gesang und die weltliche jüdische Musik fast ganz verloren, dagegen hat sich der altjüdische geistliche Gesang in die Synagogen hinübergerettet, welche ja fortan überhaupt den Haupt- Konzentrations- und Kulminationspunkt für das gesamte jüdische Geistesleben bildeten. Solange nun der direkte Einfluss der palästinensischen und babylonischen Lehrstätten auf die jüdische Diaspora andauerte, blieb auch der traditionelle Gesang seinem originalen, altjüdischen, orientalischen Ursprung treu. Die Lehrer der Akademien verfassten selbst Gebete, welche die ausgesandten „Boten“ den Gemeinden über brachten und welche diese dann auch mit ihren orientalischen Melodien selbst solange in den Synagogen vortrugen, bis die Gemeinden durch fortgesetztes Anhören die Tonweisen sich angeeignet hatten und in dem Vortrag und Gebrauch derselben genügend geübt waren. Nachdem aber dieser direkte jüdische Einfluss auf die Gemeinden in der Diaspora mit dem Untergang der palästinensischen und babylonischen Lehrstellen aufgehört hatte und die Beziehungen der Juden zum Orient, namentlich infolge der Kreuzzüge immer lockerer wurden, haben auch die jüdischen geistlichen Synagogengesänge ihren altorientalischen Charakter nach und nach eingebüsst, dadurch, dass mehr und mehr europäische, germanische, romanische, slavische und andere fremde Elemente in dieselben hineinkamen. Die jüdische Volksseele hat sich aber gegen das Eindringen solchen fremden Wesens in das innerste Volksheiligtum fort und fort aufgelehnt und der neuen Strömung sich hartnäckig widersetzt, so dass schon bald im Mittelalter grössere Gemeinden besondere Riten zur Abwehr der Neuerungen und jur Erhaltung der überlieferten altjüdischen Gesänge und Melodien eingeführt hatten. Diese Riten haben sich dann auch tatsächlich noch Jahrhunderte lang bis zur Zeit der Aufhebung des Ghettos und dem durch die politische Judenemanzipation herbeigeführten Zug zur allgemeinen Assimilation seit Beginn des verflossenen Jahrhunderts erhalten. Von dieser Zeit an und während des ganzen Verlaufs des vorigen Jahrhunderts bemühten sich dann aber die modernen Reformkantoren, den alt jüdischen orientalischen Charakter der Gesänge vollständig zu verwischen uni ihnen jede Erinnerung an ihren gemeinsamen Ursprung zu rauten. Die alte Tradition hat sich zuletzt nur noch im Volksgesang erhalten, ein Beweis, dass wir es hier mit Nationalgesängen zu tun haben, die sich im Herzen des Volkes fest eingewurzelt und eingebürgert haben und welche darum heute nicht allein aus nationalen, volkserneuernden, einigenden und erhaltenden Gründen wieder zu neuem Leben erweckt, zu neuer Blüte entfaltet und zu allgemeiner Weiterverbreitung gebracht zu werden verdienen. Wie anders könnte das aber besser, zweckmässiger und umfassender geschehen, als wenn dem altjüdischen Gesang und der altjüdischen Musik an dem Orte, wo sie schon einmal eine Zeit höchster Blüte und Vollkommenheit erlebt haben, nämlich hier in Jerusalem, wohin seit Jahrtausenden die Augen und Herzen des jüdischen Volkes in Liebe und Sehnsucht gerichtet sind, eine Stätte der Wiederauferstehung und verständnisvoller, eingehender und hingebender Pflege geschaffen wird. Von Jerusalem, dem jüdisch-nationalen Zentrum, von Zion als der Stätte seines Ursprungs, muss das hebräische Nationallied wieder hinausgehen zu allen Juden in der Zerstreuung, um in ihren Herzen aufs neue die Liebe zu ihrem Volke und zu Zion zu entflammen. Aus diesem Grunde haben wir, die Unterzeichneten, uns also vereinigt zu dem Zwecke, hier in Jerusalem ein Institut für hebräischen Gesang und hebräische Musik zu gründen, welches auch zu Ostern dieses Jahres allen Gesangsbeflissenen und lernbegierigen Löhnen Zions bereits seine Türen geöffnet und schon nach den verschiedensten Richtungen hin die Arbeit an der Lösung der Vorgesetzten Aufgabe begonnen hat. Als Zweck und Arbeitsziel des neu ins Leben gerufenen Institutes haben wir in Sonderheit ins Auge gefasst: 1. Sammlung alter Volkslieder und Volksmelodien bei allen Abteilungen des jüdischen Volkes: Spaniolen, Aschkenasim, Aleppors, Perser, Aramäer, Marokkaner, Jeminiter, Polen etc. und die Vereinigung aller dieser Lieder zu einem gemeinsamen Schatze. Daneben erstreben wir die Verbindung der Säuger und Vorbeter all di°ser verschiedenen, von den Enden der Erde hier zusammen gekommenen jüdischen Gemeinden behufs Gründung eines gemeinsamen Chores, hei dem jede Abteilung nur den Gesang der ihr eigenen Lieder pflegen soll. So wird z. B. der jeminitische Chor nur jeminitische» der. spanische nur spanische, der aschkenasische nur aschkenasische Lieden und Melodien singen. Auf diese Weise werden alle Sänger und alte Lieder an einem Platze vereinigt und wird sich also am sichersten der bestimmte Geist einer jeden Abteilung offenbaren, wobei sich dann am leichtesten auch Vergleichungen anstellen lassen werden über die geistige Verwandtschaft, die gemeinsame Abstammung aller Lieder und Gesänge aus ein und derselben Quelle. 2. Und damit kommen wir zu dem zweiten und Hauptzweck unseres Institutes, nämlich die Wiederbelebung des altjüdischen Liedes und Gesanges vorzubereiten und der allgemeinen Verbreitung derselben im ganzen Judentum die Wege zu bahnen. Wenn sich im Laufe der Zeit die jüdischen Sänger zu gemeinsamem Gesänge versammeln, muss die eine Abteilung unbedingt auf die andere einen Einfluss ausüben und alle werden so von einander lernen. Der brüderliche und kollegiale Geist, der Geist Israels wird die Herzen einander näher bringen und die Schmach des Golus von den Verstossenen Israels wegnehmen. Es wird sich für das ganze Volk Israels ein gemeinsames Unionslied bilden, man wird nicht mehr von einem deutschen, jeminitischen, sephardischen, Aleppors Lied reden, sondern von dem Lied Israels, welches ausgeht von Zion. In dem Institute sollen dann aber nicht nur die alten Melodien gesammelt werden, sondern auch die Gedichte und die Piutim, denn auch auf die Texte der Lieder selbst hat der Goluth seinen, dem ursprünglichen Geiste des Liedes fremden Goluthstempel aufgedrückt, wie allgemein bekannt ist. Lied und J^glodie waren ja immer beisammen, wie Leib und Seele, so dass auch beide von äusseren Einflüssen gleicherweise in Mitleidenschaft gezogen werden mussten. Das bisher Gesagte betrifft die abstrakt wissenschaftliche, theoretische Seite des neuen Unternehmens, aber dasselbe hat auch einen eminent praktischen Zweck. In dem Institute sollen nämlich auch hebräische Sänger herangebildet werden, welche dieses Namens würdig sind, welche dem Liede Israels und dem Volke Israel zur Ehre gereichen. Die Sänger, in dem jüdischen Institute in Jerusalem ausgebildet, sind berufen, mit ihrem Liede aus Zion, den Geist, die Seele, die Gedanken und die Gefühle ihrer Brüder im Goluth zu erwecken und dieselben nach dem geistigen und nationalen Zentrum — nach Jerusalem — hinzuziehen. Darum besteht ein Hauptzweck des Institutes auch darin, für alle Abteilungen und jüdischen Gemeinden nach ihrer besonderen Art tü.htige Kantoren heranzubilden, welche sich der hoben Aufgabe ihres Amtes, die Herzen uni Gefühle der Gemeindeglieder zu erheben und zu ergötzen, lebhaft bewusst sind und welche verstehen und begreifen, dass sie als Stellvertreter des Hohenpriesters und der diensttuenden Leviten im Heiligtum zu betrachten sind. Der Einfluss dieser Kantoren muss so stark sein, dass aus dem Kopfe und Herzen der Juden der bisherige Begriff des Wortes Chasan in der Bedeutung eines Kultusdieners („Schamasch“) gänzlich verschwindet und er eine ganz neue Gestalt annimmt, welche dem Begriff „Prüfet“ nahekommt.

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