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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-10-14 · 41 (14.10.1910) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
41 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 674 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 41 Lo» Bielohlawek behauptet Hraba in seiner Abrechnung trotz allen Prozessen, daß seine Zeitung bloß erscheine, damit die Lieferanten der Stadt und des Landes darin inserieren und sie abonnieren. Daß er rasch von der Armut zum Reichtum aufgestiegen sei und das behaglichste Leben führe, daß er umgeben sei von Freunden, denen mau nichts beweisen könne. Im Allgemeinen aber wird der ganzen Partei vorgeworfen, daß sie voll sei von Leuten mit einer wahren Gier nach Bereicherung, die Diäten und Einnahmen und Aemter und Vorteile maßlos au sich reißen und die Politik bloß zu ihrem Vorteile benützen. „Man wird die Anbeter des „Gottes Nimm" schon zu finden wissen, wenn mau will," schloß Hraba seine vernichtende Anklageschrift. Aber es fällt Niemandem ein, das zu wolle». Der Untersuchungsausschuß löste sich mit fieberhafter Eile auf. nachdem er in der Form die Ausrede dafür gefunden hatte, keine Verhandlung abhalten zu müssen, Aber wenn wir nicht in einer politischen Korruptionszeit lebten, hätte ihn der Inhalt der Zuschrift wohl dazu gezwungen, die Untersuchung einzuleiten oder die Gerichtsklage zu erheben. Denn ein so schmutziger Sumpf rings um die bekanntesten Persönlichkeiten der Christlich-Sozialen wurde noch selten enthüllt, so lückenlos wurden sämtliche Todsünden des öffentlichen Lebens noch Niemandem vorgehalten wie den Gegnern Hrabas. Streberei, Bereicherung, Ausbeutung, Lüge, Rücksichtslosigkeit, all das soll von einer organisierten Bande begangen worden sein. Aber der Untersuchungsausschuß löst sich auf. Tut so, als hätte Hraba durch sein Nichterscheinen alles zurückgenommen. Aber statt der Person erschien ein Brief, der unendlichen Stoff für eine Untersuchung gegeben hätte. Denn nicht nur wimmelt es darin von den persönlich ehrenrührigen Behauptungen gegen derzeit hochstehende Leute, sondern wird auch behauptet, daß die öffentlichen Gelder geplündert worden sind. Darüber will mau hinweggleiten, will es vertuschen, künstlich aus der Welt schaffen. Aber es wird nicht gelingen. Denn nicht Hraba hat geschwiegen und zurückgezogen, sondern der Untersuchungsausschuß hat zugestanden, indem er den unerhört scharfen Anklagebrief einfach zur Kenntnis nahm. Einen solchen Rückzug mußte man im größten Interesse der öffentlichen Wohlfahrt der christlichsozialen Korruption wohl verlegen. Es wäre Sache der freisinnigen Partei, sich ihrerseits als Untersuchungsausschuß zu etabliren, nachdem der amtliche sich geflüchtet hat und dem Hraba-Brief durch Betonen und Verharren so viel Oeffentlichkeit zu geben, bis die Empörung eine allgemeine ist. Jeder Wiener Wähler muß den Brief Hrabas in die Hand bekommen, das genügt. Aber es scheint, daß man da wieder einen guten AugenbÜck versäumt. Man muß sich halt mit zu Grüppchen vereinigten Nullen herumzanken, statt gegen den Feind loszugehen. Aber . man kann nicht einmal die geringen Mittel für die technische Agitation aufbringen. Dann allerdings ist es schwer, der christlichsozialeu Korruption ein strenges Volksgericht zu bereiten. _ Republik Portugal. Mit erstaunlicher Schnelligkeit hat sich in Portugal der politische Umschwung vollzogen. In dreimal vjerundzwanzig Stunden war die Monarchie gestürzt, die Republik erklärt, eine provisorische Regierung eingesetzt und sogar bereits Gewißheit dafür geschaffen, daß der neue Zustand der Dinge von den Großmächten anerkannt werden würde. Selbst in unserer Zeit des Telegraphen und der drahtlosen Telegraphie läßt sich ein so glatter Verlauf einer revolutionären Bewegung nur durch die Tatsache erklären, daß eben die Monarchie in Portugal in ihrem Kerne faul und morsch war, wie ein abgestorbener Baum. Der Hauch des Volkswillens hat sie umgeworfen und ihre Wurzeln bloßgelegt. Dagegen ist das „Deutsche Volksblatt" in der Lage, zu konstatiereu: „Die Revolution geht zweifellos nur von den I u d e n aus, die das Volk systematisch unterwühlen und verhetzen". Zum Beweis schlage man das christliche Herdersche Konversationslexikon, den Buchstaben P nach. Hier kann man lesen, daß das ganze Land Portugal katholisch sei, daß sich in ganz Portugal etwa 500 Protestanten finden, doch nicht ein einziger Jude. Wer je in eine Schule gegangen, weiß auch für diese seltene Judenreinheit die Erklärung: im fünfzehnten Jahrhundert wurden die Juden der Pyrenäen-Halbinsel teils ermordet, teils vertrieben, teils gewaltsam getauft ... Die Situation des Landes ist das Resultat der Judenreinheit. Spanien und Portugal waren gerade infolge ihres klerikalen Regimes der Schauplatz steter Militärrevolutionen und Thronkämpfe. Niemals hat es einen frommeren Herrn gegeben als den König Miguel von Braganza. Klerikaler von der Zehe bis zum Scheitel, hat dieser Wüterich Taufende und Tausende von Menschen hingerichtet, eingesperrt und verbannt. Trotz seiner kirchlichen Zuverlässigkeit wurde er von untreuen Soldaten aus dem Lande gejagt. Am 3. September 1785 wurde ein Mordversuch an dem König Josef von Portugal gemacht. Es stellte sich heraus, daß der Herzog von Aveiro, der Graf von Atougouia und der Graf Tavora an diesem Mordplane beteiligt waren.- Vor ihrer Hinrichtung erklärten sie, daß der Jesuit Malagrida der. Anstifter gewesen fei. In den Papieren des Jesuiten Malagrida befand sich ein von ihm an die Hofdame Anna de Lorena gerichteter Brief, der an den Schreiber wieder zurückgesendet worden ist und worin schon Monate vorher von diesem geplanten Mordanschlage gesprochen wurde. Aus Rom wird authentisch gemeldet: „Der portugiesische GeschäftsträgerLambertini äußerte zu einem römischen Journalisten, wenn auch vielleicht noch einige Landesteile dem neuen Zustand der Dinge ablehnend gegenüberständen, so dürften sie der republikanischen Regierungsform doch wohl sehr bald zustimmen. Nach der vollzogenen Entfernung der Königsfamilie müßten selbst die eingefleischtesten Monarchisten das fait accompli hinnehmen. In einer anderen Unterredung führte der portugiesische Geschäftsträger aus, König Manuels Verhängnis sei gewesen, daß er den Einflüsterungen der klerikalen Partei folgte. Der ermordete Chefredakteur des klerikalen Blattes „Portugal", Pater Mattes, sei eine wahre Gottesgeißel für das Land gewesen; er habe sich namenlosen Haß zugezogen. Auch der soeben aus Portugal zurückgekehrte Abgeordnete und Expriester Don Romolo Murri macht, die skrupellose klerikale Partei unter Führung des päpstlichen Nuntius Tonit und der Jesuiten für die Katastrophe verantwortlich." Die Revolution in Portugal ist im wesentlichen eine antiklerikale, sie bezweckt die Befreiung des Staates, vor Allem die Befreiung der Schule von der Priesterherrschaft. Kein Zweifel, daß auch politischer Ehrgeiz, ideenloser Parteihader und andere ganz unphilosophische Kräfte recht erheblich mitgewirkt, aber nach außenhin stellt sich diese Bewegung doch vor allem als eine aufklärerische und humanitäre dar. Die erdrückende Klosterherrschaft zu brechen, das in stumpfe Unwissenheit hineingezwungene Volk für das Leben zu erziehen, ist das Ziel dieser bürgerlichen, so gar nicht proletarischen Revolution, und so ist sie ein Akt in jenem großen Kampfe, der jetzt abermals' durch alle romanischen Länder, durch das ganze südliche Europa geht. Frankreich gab wie gewöhnlich, den lateinischen Völkern das Signal, Spanien, wo das Königtum rechtzeitig den Anschluß an die Bewegung fand, und Portugal find gefolgt und auch die jungtürkischen Führer haben im Grunde nur die westlichen Gedanken den östlichen Möglichkeiten angepaßt. Ob, wie in Frankreich, der Grundton ein atheistischer ist oder ob man wie in Portugal sich zu Comtes milderem Positivismus bekennt — überall gelangt man aus verschiedenen Jdeenkreisen heraus auf den gleichen Weg und überall tritt bei den Mitwirkenden ein geistiger Verwandtschaftszug hervor. Der Sturz des Klerikalismus in Portugal ist von weltgeschichtlicher Wichtigkeit, weil er ein Mitglied in einer Kette ist.

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