Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 662 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 40 Fortziehen der Juden aus Posen, wo die Zahl der Juden in nicht ganz einem Jahrhundert von rund 1U auf V25 der Bevölkerung sank, ließ auch in die kleinen, posenschen Städte, wo die Juden bis um 1820 zum großen Teil die Hälfte der Bevölkerung gebildet hatten, das Hochdeutsche stark eindringen und hat schon manchen posenschen Judendialekt in der jüngeren Generation bis auf Rudimente zum Untergang gebracht. In den neuen Wohnsitzen, in die man nicht in Masse, sondern allmählich einzog, nahm man nur eine Auswahl von Wörtern und Ausdrücken und den charakteristischen Tonfall mit. So verschwand in den neuen Verhältnissen zum großen Teil der jüdisch-deutsche Dialekt, soweit nicht so große Massen von Juden sich schnell wieder zusammenschlossen, daß sie durch ihre Menge und ihr geistiges Schwergewicht den heimischen Dialekt wahrten. So haben in Paris die aus dem Elsaß stammenden Juden neben dem stark dialektisch gesprochenen Französisch ihr heimisches Judendeutsch heimlich bewahrt, während die mit mehr Manneswürde und Selbstbswußtsein ausgestatteten Juden des Ostens zum Teil sich auch in Paris nicht scheuen, ihren jüdisch-deutschen Dialekt auch offen zu sprechen. Wo die Juden sich in schneller Wanderung in großen und geschlossenen Massen ansiedeln, wie in Newyork, oder London, da hat das Jüdischdeutsche Bestand. Dort freilich nimmt der Dialekt durch das umgebende Englisch, durch neue Wörter aus der umgebenden Sprache und durch die neuen Verhältnisse der Umgebung schnell eine neue Form an. Zugleich freilich bildet sich ein entsprechendes Judenenglisch. Die jüdischen Volksdialekte haben sowohl im Altertum und im Mittelalter, wie .auch noch jetzt immer nur einen Teil des Volkes unter sich zusammengeschlofsen, der örtlich oder zeitlich begrenzt war. Sie trennen Juden verschiedener Länder, wie sie noch heute die Scheidung zwischen Aschkenasim und Sefardim aufrecht erhalten. Aber sie scheiden auch die Juden verschiedener Zeiten. Es hat ja eine Zeit gegeben, in der man wichtige Formeln und Gebete wie den Eingang des Szeders, die Trauungsformel usw. aramäisch abfaßte, die Keduschah ins Aramäische übersetzte, um verständlich zu sein, und wurde damit nachfolgenden Geschlechtern, die wenigstens ein wenig hebräisch verstanden, dadurch erst recht unverständlich. So hat die Abschaffung des Hebräischen im heutigen Gottesdienste auch nur den ausschließlichen Zweck, die Juden von ihren Stammesbrüdern in der Gegenwart, und was für den Volksbestand viel gefährlicher ist, von ihrer Vergangenheit zu trennen. Dagegen hat das Hebräische den Zusammenhang in her jüdischen Geschichte durch alle Zeilen erhalten. Wer wie Salomon Reinach das Judentum für eine ..Tradition" erachtet wissen will, der müßte gerade den allergrößten Wert auf das Hebräische und seine völlige Beherrschung durch die Juden legen, wenn ihm das Wort Tradition nichts weiter als eine Verlegenheitsphrase ist, weil er das Judentum als Nation und als Religion zurückweist und nur sich und andern nicht eingestehen will, daß das Judentum füx ihn wirklich doch nur ein Unglück ist. Hebräisch wird, als Sprache der jüdischen Vergangenheit, noch heute von jedem Juden als die eigentliche nationale Sprache empfunden. Sie verbindet uns mit allen Generationen jüdischer Geschichte und ihren Dokumenten. Das ist bei einem Volke, das auch in heutiger Zeit sich in allen Kulturländern in einer starken Wanderung befindet, von besonders großer Bedeutung. Aber sie verbindet, wenn auch vielfach nur mit ganz schwachen Resten, auch heute noch die lebenden Glieder des Volkes in allen Ländern der bewohnten Welt. Das ist der nationale Wert der hebräischen Sprache, der nicht geringer wird, sondern wächst. Es ist kein Zufall, daß sich die Berliner Reformgemeinde in der Johannisstraße vor einigen Jahren gezwungen sah, das wenige Hebräisch in ihrem Gottesdienste zu vermehren. Es steht in innigem Zusammenhangs mit der Versicherung der liberalen Partei in der Berliner Gemeinde, an deren subjektiver Ehrlichkeit niemand zweifelt und an deren objektive Aufrichtigkeit niemand glaubt, daß sie m keiner Weise das Hebräische abschaffen wolle. Man sieht hieraus, daß sie mit dem festen Willen der großen Mehrheit der in Europa assimiliertesten Gemeinde rechnen müssen, die keineswegs das Hebräische aus seiner Stellung als jüdischer Nationalsprache in Synagoge und Schule verdrängen lassen will. Als Witz kam diese Neigung zum Ausdruck, als die jüdische Gelehrten- und Bankiersfamilie Loewensohn sich taufen ließ und dabei die Aenderung ihres Namens in Venary (Ven-Ari) erwirkte. Der Haß gegen das Hebräische als Umgangssprache entspringt ganz wie jener oft zitierte Ausspruch eines dogmatisch-liberalen Fanatikers in Berlin: „Das Hebräische als Gebetssprache ist Gotteslästerung", der Tendenz, vom Judentum loskommen zu wollen. Die Tradition, die sich im Hebräischen mächtiger erweist als in allen anderen Judensprachen, soll zerrissen werden. Die Gegnerschaft der dialektbegeisterten „Jargomsten" entspringt freilich wenigstens im Bewußtsein einer anderen Tendenz. Man glaubt es leichter zu haben, das Volk mit einer von ihm gesprochenen Mundart als mit dem nur literarisch und synagogal verwendeten Hebräisch als Nation zusammenschließen zu können. Jede andere Gegnerschaft entspringt der bewußten oder unbewußten Furcht, daß durch das Hebräische das Judentum erstarkt, das man auflösen und von dem man sich erlösen möchte. Inzwischen aber erwächst dem Hebräischen eine Kraft, die man ihm nicht zugetraut hätte. In ihm äußert sich die Kraft der scheinbar abgestorbenen, aber plötzlich zu neuem Leben erwachenden jüdischen Nation. Eine ganze neue und eigenartige Literatur ist in den östlichen Ländern in hebräischer Sprache erblüht, uüd es soll dabei nicht übersehen werden, daß dieses neuartige Leben der Sprache mit dem Einsetzen der Mendelssohnschen Aufklärung zusammenhängt, die ja bekanntermaßen der Ausgangspunkt der Assimilationsbewegung gewesen ist. Durch die Measfim hat die Geistesrevolution der deutschen Juden aus der Aufklärungszeit den jüdischen Osten hebräischnational befruchtet. Im Zusammenhänge mit dieser Entwicklung imd mit der ganzen jüdisch-nationalen Bewegung ist im Lande Israel die Grundlage zu neuer hebräischer Sprachentwicklung gelegt. Die Luftwurzeln, die das Hebräische so lange Jahrhunderte und Jahrtausende getrieben, haben in heimischer Erde Wurzel geschlagen und treiben neue Triebe und Schößlinge. Die hebräische Umgangssprache, die in Palästina erwächst, ist etwas Neues gegenüber den Judensprachen des Galüth. Aber eben nur im Lande Israel war diese Wandlung und Entwicklung möglich. Denn hier, wo so viele Judendialekte und so viele von Juden gesprochene Sprachen aufeinandertrafen, wo keine herrschende Landessprache dem Hebräischen entgegentrat, wo das benachbarte Semitisch zum Semitischen direkt einlädt, konnte allein das Hebräische an stelle der Sprachen des Gälüth, d. h. an Stelle des Judendeutsch, Judenspanisch. Judenarabisch u. Judenpersisch treten. So knüpft das Ende an den Anfang an. In Berlin ist eine Organisation (H i st a d r ü 1) für hebräische Sprache und Kultur geschaffen, um die alte Stammessprache überall, wo Juden noch für ihr "Volk empfinden, neu zu pflanzen, zu pflegen und zu erweitern. Dort wurde soeben auf Veranlassung und unter Leitung eben dieser Histadrüt ein hebräischer Buch-