Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021914--19627-3044621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 40 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 661 und denjenigen des Okzidents anzubahnen. Es sind bereits Verhandlungen im Zuge, daß China, Japan, Indien, Türkei, Persien, Egypten, sowie die Negerrassen in Amerika und Afrika durch ihre bedeutendsten Redner auf dem Kongresse vertreten feien. Israel Zangwill wurde ausersehen, ein Referat über die jüdische Rasse zu halten, der Erfinder des Esperanto Dr. Zalenlof wird über internationale Sprachenbildungen sprechen und dem bekannten Vertreter des Weltfriedens, Herrn A. Fried, wurde das Referat über die Presse zugewiesen. Zum Präsidenten des Generalkomitees wurde der bekannte Führer der ethischen Bewegung, Prof. Dr. Felir Adler in Rewyork, gewählt. Gras Leo Tolstoi und das Kol-Nidre. Vor einigen Tagen emvfing Graf Leo Tolstoi auf seinem Gute in Jasnaia Polnaja den beriihmten Violinkünstler Erdenko und bat ihn. ihm einige seiner Lieblingsstücke vormspielen Am Schlüsse des Konzertes bat Tolstoi, der Künstler möge ihm das ..Kol-Nidre" Vorspielen. Als der grei'e Dichtervhilosovh die meisterhaft voraetragene herrliche jüdische,Weise hörte, schluchzte der Einsiedler von Jasnaia Polnaia laut auf und dankte dem Künstler für den ihm dargebrachten herrlichen Genuß und meinte: ,,Es ist die traurigste und erhebendste Melodie, die ich je gehört habe, es ist die gesungene Märtyrergeschichte eines unglücklichen Volkes. . . ." Rückkehr der Marannen. Das russische Ministerium hat auf Grund amtlich-r Daten festgestellt, daß seit dem 17. Avril 1905, d. h. seit dem Manifest über die Religionsfreiheit in Rußland, 4000 Juden, die früher zur russisch-orthodoren Kirche überqetreten waren, zum Judentums zurückgetreten sind. In dieser Ziffer ist die Zahl derjenigen, die aus einem anderen christlichen Glauben zurückgekehrt sind, nicht inbegriffen. Palästinensische Olivenbäume. lieber den „Palästinischen Olivenmarkt" finden wir die folgenden bemerkenswerten Aussübrunqen in dem in Trier erscheinenden „Oraan für den Oel- und Fetthandel": „Die Klagen, daß das Olivenöl, soweit man sich auf Kreta. Svanien nnd Slldkrankreich verlädt, immer seltener wird, baben insofern keine Berechtiaunfl, wenn man diesmal etwas mebr in die Ferne schweifen wollte. So;. B. hat Palästina in diesem Jahr eine Olivenöl-Ernte, die gerader» alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Ganz abgesehen davon, daß die Bäume geradezu über eine unnatürliche Fülle von Früchten verfügen, sind die Oliven andererseits ganz selten ölreich. Das soaennannte ..Ausgeguetschte", das sich die ganz armen Leute bei den Olivenbaum-Besitzern nach der Oelgewinnung bis jetzt immer erbettelt haben, ergibt in diesem Jahre selbst auf den alten jüdischen Mühlen, die aus zwei großen runden Mühlsteinen bestehen, noch ein ganz vorzügliches zweitkassiges Oel, das z. B. in fernen Exportgebieten weit eher als reines Oliven- Speiseöl verkauft werden könnte, als dies dort heute mit vielen franz. Oelen geschieht. Statt aber das heute überall so begehrte und überall so kostsvielige Olivenöl als solches zu verkaufen, baben es die in Betracht kommenden Firmen den Seifenfabrikanten überlasten. Die Seisenfabrikation Palästinas hat daher außerordentlich zugenommen: ste liegt in den Händen einiger Württemberger, die als Bauern nach Palästina auswand>'rten, und vereinzelt auch in den Händen von Türken und Syriern. Seife ist heute hier überall zu einem spottbilligen Artikel geworden. Hätte man das Olivenöl, das für die Herstellung von Seife verwandt wird, als Sveiieöl in den Exporthandel gebracht, so hätte man das Sechs- und Siebenfache daran verdient, während das kostbare Oel in den billigen Seifen geradezu verloren gegangen ist. Einerseits also schädiqt die valästinische geschäftliche Unbeholfen beit das gesamte Olivenöl einkaufende Ausland und andererseits schädigt es auch die europäische Seifenindustrie. Die wüttemdergischen Templer, die Palästina als Vertreter des Deutschtums bevölkern, sind mit ihrem Bildungsgang und mit ihrer Engherzigkeit nicht imstande, mit solchen Dingen, wie es eine überreichlich große Olivenernte ist, haushälterisch umzugehen. Und die wirklich schwer arbeitenden bitterarmen Juden in Palästina haben weder Schreib-, noch Länder-, noch Leute-Kenntniffe, um zu wissen, wo ste ihre Erzeugnisse unterbringen könnten. In dieser Beziehung ist Palästina sehr beklagenswert und es wäre wirklich zu wünschen, daß einmal durch irgend ein Ereignis ein fre-erer internationaler Zug durch diese ganze Jammerwirtschaft führe." Die Sprachen der Inden. Von Dr. Heinrich Loewe, königl. Biblioth. in Berlin (Nachdruck verboten.) IV. Entstehen und Vergehen der Judensprachen. Die drei bekanntesten und noch heute existierenden Judensprachen haben unter sich das Gemeinsame, daß sich in ihnen, wenigstens nach der Abtrennung vom Hauptstamme der Sprache, so viel Altertümliches erhalten hat. daß dies das auffallende äußere Kennzeichen ist. Dann sind sie freilich auch, jede für sich, ihren besonderen Weg der Entwicklung gegangen und haben endlich in gleicher Weise sehr viele hebräische Ausdrücke und schließlich auch aus ihrer nunmehrigen Umgebung entliehene Wörter in ihren Bestand ausgenommen. Wie dem Iudenpersischen, ist es auch der Sprache der nach Indien ausgewanderten Parsen gegangen, während das Judendeutsche seine Parallelen in solchen deutschen Dialekten findet, die entweder hart an den Grenzen oder in einer nichtdeutschen Umgebung sich befinden. Dahin gehört das Alemannische, das den harten Klang deutscher mittelalterlicher Aussprache ebenso wie das .von ihm räumlich am weitesten getrennte Judendeutsch des Ostens erhallen hat. Dahin gehört auch das Deutsche in Siebenbürgen. In ähnlicher Weise erhalten sich alte Sprachreste in Gegenden, in die der Verkehr weniger tief eindringt. Beweise sind die Pyrenäen, die das Baskische, die nordwestliche Halbinsel Frankreichs, die das keltische Bretonisch erhalten haben. Beweis vor allem die Schatzkammer an alten, seltsamen und einsamen Sprachen), und Sprachstämmen, die im Kaukasus der Neuzeit erhalten geblieben sind. Binnen kurzem werden dort Eisenbahn und Verkehr vielen bisher erhaltenen alten Sprachen den Tod bringen. Die Abgeschlossenheit ist geeignet, eine sprachliche Sonderentwicklung zu begünstigen und zugleich Altes zu konservieren. Daher hat die Abgeschlossenheit der jüdischen Nation zuerst im Ghetto Persiens, Spaniens und Deutschlands dcn Grund zur 'Sonderentwicklung gelegt, dann hat dis Trennung von dem Volke, dem die Sprache entnommen war, und der Aufsnthalt in d-r Fremde die Schaffung und Ausbildung der jüdischen Sonderart im Dialekt den größten Vorschub gehustet. Eine besondere Veranlassung zur Aufnahme hebräischer Wörter war ja bereits durch die gsistiq-'n Begriffe gegeben, für die man nur hebräische Bezeichnungen hatte oder die man wenigstens genauer und besser hebräisch bezeichnen zu können glaubte. Die stet" Beschäftigung mit Bibel. Talmud und hebräischem Gebetbuch mußt" mit der Zeit auf die Umgangssprache abfärben und hat auch im Dialekt in Wörtern und Gedankenverbindungen ihre deutlichen Spuren hinterlassen. Ebenso ist es aber auch natürlich, daß das Aufhören der Abgeschlossenheit zu der Auflösung der Sonderdialekte beiträgt. So wie heute Schule, Militär und Sozialdemokratie gemeinsam an der Zerstörung der niederdeutschen Dialekts arbeiten, indem sie Leute aus allen möglichen Gegenden und Stämmen in langjährige nähere Verbindung bringen, so hat das Fallen der Ghettomauern in Deutschland mehr zur Auflösung des Iudsndeutsch beigetragen, als alle gewollte Aufklärung und Angleichung schaffen konnte. Die Assimilationsideen wirkten zwar mit, aber sie waren nur subsidiär neben der Freizügigkeit tätig. Die Auswanderung der größten Masse der bairischen Juden nach den Vereinigten Staaten Amerikas machte die Zahl der zurückbleibenden bairischen Juden so gering, daß der sprachliche Einfluß der Umgebung viel größer und endlich übermächtig wurde. Das