Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Blochs Wochenschrift. Seile 659 Rezept au, Staatsnotwendigkeiten mit Ministerialverordnungen zu erledigen. Die wichtigsten Verordnungen wurden oft erlassen, ohne daß die Zustimmung des Parlamentes oder der ungarischen Regierung zu erlangen war. Der Hunger des Volkes scheint aber nicht zu den großen Staatsaffären zu gehören und die Regierung zeigt in ihrem ganzen Verhalten auf der Seite der Großgrundbesitzer zu stehen. Die Erklärung dafür ist leicht gefunden. Wer den Dingen auf den Grund sieht, bemerkt hier deutlich, wenn auch nicht so kraß die Zustände des Vormärz. Die großen Gutsbesitzer sind zum größten Teil der Hochadel und die vielen reichen Klöster, die Feudalen und Klerikalen, welche bei der Schwäche unseres national erkrankten Parlamentarismus ihre Macht ständig vergrößern. Sie sind viel maßgebender für den Bestand eines Ministerkabinetts, als das uneinige Abgeordnetenhaus, das man nachhause schicken und vertagen kann. Während die Volksvertretung durch die Straßentafeln von Eger ohnmächtig wird, werden die Konservativen und Klerikalen immer mächtiger und unsere Minister, würdig unseres Zeitalters der Epigonen, wollen weniger durch große Taten hervorragen, als ihre Amtsdauer möglichst verlängern. Daher die Verbeugung der Regierung gegen die stärkere Seite hin und die Vernachlässigung der Not des Volkes. Man sieht das jetzt im allgemeinen ganz klar und damit ist für uns Juden eine Zeit der Erlösung vom Drucke einer diabolischen Lüge gekommen. Bis jetzt hat man uns beschuldigt, daß unsere Machenschaften an dem wirtschaftlichen Niedergang des kleinen Mannes schuld sind. Nun aber wird es dem Blinden offenkundig, daß die Agitation des Antisemitismus nichts anderes ist als der berühmte Ruf: „Haltet den Dieb!" Gerade diejenigen, welche seine Hauptagitatoren waren, zeigen nun deutlich, daß sie die Aufmerksamkeit des Volkes auf die Juden abwendeten, um hinterrücks ihre Beute zu machen. Durch die zerstörte Einigkeit der Bürger, durch die Vergiftung und Verhetzung sind die Feudalen und Klerikalen zur Macht gekommen, denen das. Volk niemals etwas anderes war, als die melkende Kuh, die sie mit Butter versorgt. Aus einem erfundenen Joch der Juden wollte man die Bevölkerung erretten und in ein wirkliches Joch der Feudalen und Klerikalen hat man sie hinein getrieben. Die christlichsoziale Agitation, von den Zwingherren des Vormärz gefördert und bezahlt, hat das schöne Werk vollbracht. Auf der . einen Seite die Christlich-Sozialen selber, diese Vergeuder und Schuldenmacher, diese Meister der Korruption, Ausbeutung und Bestechlichkeit, auf der anderen Seite die von ihnen bedienten Feudalen und Klerikalen, welche aus dem Hunger des Volkes ihr Profitchen ziehen: das sind die großen Retter aus der Judennot, die modernen Kreuzfahrer, welche unter dem Zeichen des Antisemitismns groß geworden sind.. Aber nach dem ewigen Gesetze der Natur dämmert es nun auch für diese Nacht der politischen Raubritter, welche uns straflos verfolgen durften und ihre wirklichen Verbrechen zu Verleumdungen der Juden machten. Vom Aabrmarkt des Lebens. Jüdische Freiwillige als Kämpfer für die weltliche Herrschaft des Papstes. Von Moritz Frühling. Ein galizischer Jude soll einmal, als er in London auf der Suche nach Brot war, einem ihm von früher her bekannten LaNdsmanne, aber getauft, begegnet sein. Die frommen Juden eigene Scheu vor Apostaten überwindend, klagte er dem einstigen Glaubensgenossen sein Leid. Der Renegat war mit seinem Rate gleich zur Hand: Er möge zum .Christentums übertreten. Speziell die Bibelkundigen — und der sorgenvolle Jude war ein solcher — werden beim Uebertritte auch mit Geldmitteln reichlich versehen, im übrigen in ihrer Freiheit nicht behindert. Der Renegat gab ihm seine Adresse und empfahl ihm die Beherzigung seines guten Rates. Am nächsten Tage schon meldete sich der Jude beim Missionär, beschwor kurz darauf in der Kirche die Heiligkeit des christlichen Dogmas, und mit einem wohlgefüllten Geldbeutel wurde er entlassen. Rach Galizien zurückgekehrt, ohne jemandem auch nur ein Sterbenswörtchen zu verraten, begründete er mit dem mitgebrachten Betriebskapital einen Laden, lebte sonst als frommer Jude genau so wie früher und war ein zärtlicher Vater und guter Ehemann, genau wie ehedem. Alljährlich, so die Blätter zu welken begannen und man für den Winter größere Ausgaben zu machen hatte, ging unser jüdischer Christ oder christlicher Jude, „geschäftlich" nach London und kehrte nach mehreren Wochen immer mit einem Sümmchen heim. Er hatte nämlich das Geldverdienen in London begreifen gelernt und nahm jedesmal unter irgend einem ersonnenen Namen die Taufe an. Einmal aber, als man den Neophiten — wie üblich — die gewissen Formeln von der Heiligkeit der neuen Religion erklären wollte, vergaß er sich, wurde ungeduldig und apostrophierte den frommen Herrn mit den Worten: „Weiß schon, weiß schon! Kann schon die ganze Lehre auswendig!" Mit welcher empfindlicheren oder geringeren Strafe der Ertappte belegt wurde, ist nebensächlich. Aber zu Hause klagte er diesmal, „daß man eine so leichte „parnuse" einem armen Juden auch nicht mehr gönne". An diese „Parnuse" mußte ich denken, als mir meine Suche nach kriegsgeschichtlichem Material drei sonderbare Dokumente in die Hände spielte. Nur, daß der Einsatz diesmal das Leben war. Nach Niederwerfung des Aufstandes in der Lombardei durch die Oesterreicher im Jahre 1849 stand unter Garibaldis Führung die Insurrektion gegen den Papst in vollster Blüte, und Oesterreich, das kurz vorher noch päpstliche Söldner bekämpfen mußte, wurde nunmehr zum Reiter des Papstes. Oesterreichische Truppen wurden aufs römische Gebiet verlegt. Zahlreiche österreichische Soldaten, die in dem Jahrzehnt zwischen Novara und Solferino in dem in Italien dislozierten Regimentern dienten, nahmen nun, nach der Reihe, wie sie zur Beurlaubung gelangten, in der päpstlichen Armee als Freiwillige Dienste an. Von solchen jüdischen, in die päpstliche Armee eingetretenen Freiwilligen erzählen die erwähnten Dokumente: Simon Gänsler, im Jahre 1833 in Sniatyn, Markus Goldstein, im Jahre 1830 in Lemberg und Johann Jgl, im Jahre 1821 in Rzeszow geboren, dienten bei österreichischen Regimentern ihre achtjährigen Kapitulationen, letzterer sogar zwei Kapitulationen, in Ehren ab und wurden entlassen. Man sollte meinen, daß sie an der absolvierten Dienstzeit, wobei alle drei Feldzüge mitgemacht, genug halten! Weit gefehlt! Die bedrängte Lage des Papstes machte ihnen Sorge und diese Abenteurer traten in die päpstliche Armee ein. Schienen sich auch wacker gehalten zu haben, denn alle drei sind mit der päpstlichen Erinnerungsmedaille „Pro Petri sede“ dekoriert. Alle drei nahmen später bei ihren ursprünglichen österreichischen Regimentern nochmals vier-, beziehungsweise .achtjährige Dienstverpflichtungen cm. Und nach vielen Jahren erst wurde mir der Sinn eines kurzen Liedchens begreiflich, welches ich in den 90er Jahren bei meinem Regimente sporadisch zu hören bekam und dessen Zusammenhang ich nie eruieren konnte: