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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 656 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 40 tion vorbereiten hilft. Sie ist nichts anderes als eine Hilfsaktion für die antisemitische Partei. Ohne diese Kandidatur wäre die Hoffnung nicht ungegründet, das Mandat der Reaktion zu entreißen. Und Sie wundern sich, daß die „Oesterreichische Wochenschrift", die sich hier in Uebereinstimmung weiß, mit der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit, von Anbeginn an vor dieser Kandidatur eindringlich warnte! Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat diesen Kandidaten nicht als Renegaten und nicht als Täufling bezeichnet. Wir wissen, Herr Dr. Schwarz-Hiller hat seinen Austritt aus dem Judentum nicht vollzogen, allein er gehört der Gruppe der „Sozialpolitiker" an, in deren Reihen die Agitatoren der Konfessionslosigkeit und die Missionäre des Abfalls eine Sammelstätte und einen Vereinigungspunkt sich geschaffen haben. Wenn einmal eine wahrheitsgetreue Geschichte des Wiener Judentums, seines geistigen Niederganges und moralischen Verfalles während der letzten Jahrzehnte geschrieben wird, dann wird man ein eigenes Kapitel dem verheerenden Einflüsse der sogenannten „Sozialpolitiker" einräumen müssen, welche die Fahnenflucht zum Range eines Prinzipes erhoben, die Feigheit als Heldentum ausgerufen, den Volksverrat zur Tugend gestempelt und mit der Gesinnungsverlotterung protzen wie mit einer Feder am Hut. Aus dieser Gruppe heraus ist dem Judentum nie Gutes gekommen. Doktor Schwarz-Hiller ist nun Mitglied eines „nichtpolitischen jüdischen Vereines" geworden, Herr Doktor Ofner hat ihm dies gestattet. Einst hielt Doktor Ofner es als unverträglich mit seiner politischen Ueberzeugung, Mitglied der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" zu werden, die Reichsratswahl hat dann in dieser politischen Glaubenslehre Ofners eine Wandlung und Tertänderung herbeigesührt. „Paris ist eine Messe wert." Gesinnungstüchtigkeit war das geläufigste Schlagwort und eine Spezialität der „Sozialpolitiker". Doktor Alfred Mittler, der seit Jahrzehulen im Dienste der Oeffentlichkeit wirkt, hat wiederholt sich bereit erklärt, im Interesse der Einigkeit auf seine Kandidatur zu verzichten, der junge Doktor Schwarz- Hiller weigert sich, das Opfer zu bringen, trotzdem Hofrat Baron Hock es ihm nahegelegt hat. Persönlich kenne ich den Herrn nicht, er mag ja ganz begabt sein, nur sehe ich ihn immer im Kampfe gegen Juden sein Talent erproben: daß er den Antisemiten irgendwo besonders imponiert hätte, davon weiß die Zeitgeschichte noch nichts. Seine Schmähungen über den „korrupten Liberalismus" und „die jüdische Presse" beweisen nur, daß er den antisemitischen Jargon gut erlernt hat. Seine Freunde aber hätten den Mann, der eben erst das Mandat für den Gemeinderat erhalten, beraten sollen, sich vorerst in dieser Körperschaft zu bewähren: hier irgend eine ersprießliche Tätigkeit zu entwickeln, etwas zu leisten. Davon hört man wenig. Dafür sehen wir ,ihn bemüht, soviel Mandate wie möglich an sich zu reißen. Er weiß sich zu allem fähig. Das Gemeinderatsmandat besitzt er seit wenigen Monaten und schon kandidiert er für den Landtag: nächstens werden wir ihn als Reichsratskandidaten begrüßen, ja er nimmt auch ein Mandat für den Kultusvorstand an. So wird er allgemach zu einer den Satiriker herausfordernden Figur. Davor hätten ihn seine Freunde beschützen sollen. Der Welt wäre dadurch das beschämende Schauspiel erspart geblieben, welches die Geschehnisse in der Leopoldstadt darbietet. Für diese Vorgänge ist nicht der junge Mann allein, sind auch seine Freunde verantwortlich. Das veranlaßt mich, Ihren Brief und diese meine Antwort der Öffentlichkeit zu übergeben. Hochachtungsvoll Wien, 2. Oktober 1910. D r. V l o ch. Die Detter. Mehr als eine Viertelmillion Menschen haben am letzten Sonntag gegen die verkehrte Regierungspolitik Oesterreichs eindrucksvoll protestiert und demonstriert. Die kolossale Masse wurde von gerechtem Zorn darüber bewegt, daß man sie einer grenzenlosen Teuerung aussetzt, welche wirklich nicht durch die Verhältnisse auf dem Weltmärkte, sondern durch die Willkür einer verhältnismäßig geringen Gruppe hervorgerufen ist. Es gibt Länder genug mit ausreichender Viezucht und mit starkem Ackerbau, welche uns genügend versorgen könnten. Aber man läßt ihre Vorräte nicht über die Grenzen, um den Profit unserer Ackerbauer und Viehzüchter nicht zu verringern. Dadurch wird dem eigentlichen Bauernstand wenig genützt. Denn dieser verbraucht meistens selbst das Erträgnis seiner Ställe und Felder und die wenigen Säcke Getreide oder Stücke Vieh, die er auf den Markt bringt, kommen für ihn nicht wesentlich in Betracht. Es ist nun schon zum Ueberdruß nachgewiesen, daß der Schutzzoll für agrarische Produkte nur den Großgrundbesitzern zu statten kommt, welche große Vorräte ihrer Latifundien auf den Markt werfen und von der Gegenteuerung der industriellen und gewerblichen Produkte bei ihrem geringen Verbrauch nur wenig getroffen werden. Indem sich die Regierung ihnen allzusehr untertan macht, vergißt sie ihre Pflicht gegen das Volk in bitter empfindlicher Weise, ruft Wirtschaftskatastrophen in den schwächeren Haushaltungen hervor und vermehrt das Elend in den breiten Massen. Sie hat es sich dann selber zuzuschreiben, wenn die Reichsverdrossenheit und die Streitsucht ein außergewöhnliches Maß erlangen. Denn der gute Wille zum patriotischen Staatsbürgertum wird bei uns auf das Schwerste mißhandelt. Wenn in anderen Großstaaten der Steuerdruck auf die Lebensmittel diese in einer bedenklichen Art verteuert, so kann das noch einigermaßen ausgehalten werden. Denn die durch Ausgestaltung der Wehrmacht erreichte herrschende Stellung auf dem Weltmärkte, die ausländischen Besitzungen und der ausgebreitete, fleißige Unternehmungsgeist bringen Reichtum ins Land und erleichtern den breiten Schichten die Lebenshaltung. Bei uns jedoch ist ein finanzielles Gegengewicht nicht vorhanden. Unsere wirtschaftliche Entwicklung ist gegen die anderer Staaten weit zurück, die Armut der unteren Stände bedeutend, und man darf es durchaus nicht riskieren, daß durch verkehrte Maßregeln die notwendige Nahrung für das Volk verteuert werde. Heute demonstrieren erst die Massen dagegen mit großer Geduld und Ordnung. Es läßt sich jedoch nur schwer Voraussagen, wohin die Not diese Hunderttausende von Leuten noch einmal treiben und die ruhige Entwicklung des Staates vom Grund aus gestört werden kann. Fragt sich nun, warum die Regierung diese verkehrte, ungerechte und vielleicht verhängnisvolle Politik eigentlich treibt. Es wäre ihr ganz" angemessen, wenn sie eine Vermittlerolle einnehmen und zwischen den Interessen der Agrarier und den Konsumenten einen Ausgleich treffen wollte. Diesen Weg der goldenen Mitte geht sie aber nicht. Der ruhige Beobachter muß bemerken, daß sie alle ihre Kräfte aufbietet, um mit leidenschaftlicher Entschlossenheit den Vorteil der Großgrundbesitzer zu schützen. So oft man ein Verlangen nach Erleichterung der Grenzsperre au sie stellt, ist sie entweder durch Rücksicht auf Ungarn oder auf das Parlament oder durch sonst eine Ausrede daran verhindert. Man könnte nun glauben, sie habe Angst vor einer agrarischen Obstruktion im Parlament. Aber es giht unter den Agrariern eine sehr starke Gruppe, welche von einer Gefolgschaft nach den Großgrundbesitzern nichts mehr wissen will und für die Oeffnung der Grenzen ist, um billigere Futtermittel zu erhalten. Die Regierung sucht aber weder mit diesen Dissidenten iu Fühlung zu treten, noch trachtet sie die ungarische Regierung umzustimmen, noch wendet sie das oft bewährte

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