Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 648 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr: 39 Abkehr der preußischen Konservativen vom Antisemitismus. Berlin. Auffehen erregt in politischen Kreisen eine Erklärung des konservativen Hauptorgans, der „Kreuzzeitung", die eine Abkehr der Konservativen vom Antisemitismus zu bedeuten scheint. Die „Kreuzzeitung" schreibt: Die konservative Partei hat sich in ihrer großen Mehrheit davon überzeugt, daß sich der antisemitische Paffus ihres Programms praktisch nicht mehr rechtfertigen läßt. Sind doch auch im Judentume konservative Kräfte lebendig und wirksam, wie uns die erfreuliche Tätigkeit zahlreicher jüdischer Männer im praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst täglich zeigt, während die im Judentume so auffallenden destruktiven Kräfte sich leider in reichem Maße auch bei raffenreinen Deutschen entwickelt haben. Soweit die „Kreuzzeitung". Das Wunder, daß die preußischen Konservativen nicht mehr antisemitisch sein wollen, haben wahrscheinlich die nahe bevorstehenden Reichstagswahlen bewirkt, in denen das deutsche Volk beabsichtigt, mit den Konservativen abzurechuen. Brüskierung des Botschafters Strauß. Verzicht auf die Reise nach Rußland. Paris. Wie dem „Temps" aus Konstantinopel telegraphiert wird, hat der dortige amerikanische Botschafter Strauß seine Reise nach Rußland aufgegeben. Der Grund liegt in der Tatsache, daß die russische Regierung sich nicht verpflichtet fühlte, Herrn Strauß, der Jude ist, von den Regulationen zu entheben, die Juden zu befolgen haben, wenn sie um die Erlaubnis zum Reisen ansuchen. Herr Strauß mußte sich an die kompetenten, untergeordneten Behörden wenden, die ihm aber nicht einen Paß schickten, der in seiner Form der Stellung des Herrn Strauß als Botschafter entsprochen hätte, sondern bloß einen Erlaubnisschein zum Eintritt und Aufenthalt in Rußland, wie man ihn irgend einem jüdischen Handlungsreisenden ausfolgt. Herr Strauß wird sich im Dezember von New-Aork direkt nach Konstantinopel begeben. Jüdischst Köche werden gesucht. Mit Rücksicht darauf, daß m Warschau die Zahl der jüdischen Restaurants ersten Ranges von Tag zu Tag wächst, macht sich dort, wie Warschauer Blätter melden, der Mangel an erstklassigen Köchen für jüdische Spezialitäten fühlbar. Einige Besitzer erstklassiger jüdischer Restaurants waren daher gezwungen, jüdische Köche aus dem Ausland zu beziehen. Solche Köche erhalten nebst freier Station 30—35 Rubel Wochenlohn. Die Lage der finnländischen Juden auf dem Kopenhagener Sozialistenkongreß. Anläßlich der Beratung über eine Resolution zu Gunsten Finnlands auf dem Kopenhagener Sozialistenkongreß haben einige jüdische Delegierte eine Erklärung abgegeben, in welcher darauf hingewiesen wird, daß die Verfolgung der Juden in Finnland in gewissem Sinne noch mehr zu verurteilen sei, als das Verhalten Rußlands Finnland gegenüber. Denn während Rußland in Finnland ruffifikatorische Ziele verfolge, stehen die Juden, die schon seit Langem in Finnland leben in gar keinem wie immer gearteten Zusammenhänge mit den Selbständigkeitsbestrebungen Finnlands. Wenn also die Juden in Finnland Verfolgungen ausgesetzt sind, so tragen sie einen rein antisemitischen, freiheitsfeindlichen Charakter. Die finnländischen Sozialdemokraten haben wohl gegen die Judenverfolgungen protestiert und im finnländischen Landtag einen Antrag eingebracht, laut welchem den m Finnland geborenen Juden die "Gleichberechtigung zugesichert werden sollte. Dieser Antrag wurde auch angenommen, ist jedoch nicht hinreichend und begegnet überaus großen Schwierigkeiten bei den finnländischen Machthabern. Schließlich wird die Forderung gestellt, daß in die Sympathieresolution für Finnland auch ein Passus zu Gunsten der Juden ausgenommen werde. r.» feii IDermiecbtes. Demonstration hungernder Familien in Odeffa. Die ärmere jüdische Bevölkerung in Odessa verlebt jetzt schreckliche Zeiten. Drei große Plagen: Tolmatschow, Pest und Cholera haben unter ihnen die schrecklichsten Verheerungen angerichtet. Der jüngste und schwerste Schlag wurde vorige Woche gegen sie geführt. Tolmatschow gab den Befehl heraus, daß der Handel mit alten Kleidern mit Rücksicht auf die verschiedenen Epidemien bis auf weiteres zu verbieten sei, daß überdies sämtliche ältere Kleider bei den Händlern zu konfiszieren und zu vernichten seien. Daß diese armen Juden nicht im Geringsten entschädigt wurden, braucht von Tolmatschow nicht erst betont zu werden. Durch diese Verfügung sind aber Hunderte von jüdischen Familien buchstäblich brotlos geworden. Als nun der jüdische Verein zur Unterstützung der Ortsarmen vor einigen Tagen über die Notlage dieser Juden beriet, versammelten sich die hart betroffenen Altkleiderhändler vor dem Vereinslokale und riefen jammernd: „Gebt uns Brot, wir hungern mit unseren Kindern!" Es war ein schauerlicher Anblick! Die Vereinsvorsteher mußten die Beratung unterbrechen und die Demonstranten auf morgen vertrösten. Der Präsident der Odessaer Judengemeinde Kaufmann begab sich inzwischen zu Tolmatschow, um die Erlaubnis zu erwirken, daß für 500 jüdische Familien, die vom Handel imt alten Kleidern leben und jetzt aller Mittel entblößt sind, eine öffentliche Sammlung veranstaltet werden könne. Tolmatschow gestattete großmütig eine Spendensammlung bei jüdischen Banken und Vereinen. Wien. (Auszeichnungen.) Kaiser Wilhelm hat anläßlich seiner letzten Anwesenheit in Wien dem Herausgeber der „Korrespondenz Wilhelm", Herrn kaiserlichen Rat Ignaz Wilhelm, den Roten Adler-Orden dritter Klaffe, dem Kommerzialrat kaiserlichen Rat Oskar B e r l, den preußischen Kronen-Orden dritter Klaffe verliehen. Wien. (Allerhöchste Auszeichnung.) Der Kaiser hat den Herausgeber des der Hebung des Fremdenverkebres durch 21 Jahre mit Erfolg gewidmeten Kurortealbums Herrn Gustav Breuer durch Annahme der neuen Prachtausgabe, enthaltend das neueste von Hans Makart aufgenommene Brustbild des Kaisers als Jäger, dessen lebenswahre Charakteristik es zu einem Kunstwerke von Rang emporhebt, für die k. k. Familien-Fideikommißbibliothek ausgezeichnet und erhielt Herr Breuer ein Allerhöchstes Dankschreiben, sowie eine kostbare mit der Allerhöchsten Namenschiffre in Brillanten und der Krone gezierten Busennadel. Wien. (Donat-Ziffererfeier des Vereines „Ferienhort".) Sämtliche Vorstandsdamen des Vereines versammelten sich am Sterbetag des Gatten ihrer verdienstvollen Präsidentin Frau Rosa Ziffer er, am 29. September am Zentralfriedhof an der Familiengruft, um einen prachtvollen Kranz niederzulegen. Frau Regine Kopstein gedachte in tiefergriffenen Worten der Förderung, die Zifferer noch vom Sterbebett aus durch Rat und Tat dem Frauenhort bei s Errichtung des Arbeiterinnenheims zuteil werden ließ. f§ Wien. („H asomir", Verein zur Förderung jüdischer Literatur ^und Kunst.) Die nächste Gesangsprobe findet Donnerstag den K6. Oktober '/,8 Uhr abends, im Cafe „Dohan" II, Untere Augarten- -Mstraße 36 statt. Jene Damen und Herren, die der Gesangssektion bei- ^treten wollen, werden zu dieser Probe höflichst eingeladen. — Der Werste literarische Abend, an dem der hebräische Schriftsteller Rüben WBrainin über das Thema: „Strömungen in der neuhebrärscken WLiteratur" sprechen wird, findet Samstag den 8. Oktober statt. Ort Wund Programm wird nächstens angekündigt werden.