Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 646 Dr. Blochs WoKenschrift. Nr. 39 Zentenarfeier der „Manchester Unity of Oldfellows", einer hervorragenden Logenbrüderschaft, die Festrede, in welcher er u. a. darauf hinwies, daß, als sein Urgroßvater ein Vierteljahrhundert vor Gründung der Gesellschaft, die jetzt ihre Hundertjahrfeier begeht, daran ging, ein Sinnbild für das Rothschildwappen zu wählen, er das Bild von den fünf Stäben wählte, die durch das Band der Liebe und der Einigkeit mit einander verbunden sind. Mein Urahne hatte fünf Söhne und das Wappen sollte besagen, daß. solange die Rothschilds gerade, wie der ungekrümte Stab vorwärts schreiten und zusammenhalter' würden, sie als Familie stark bleiben und blühen würden, sobald sie aber sich separieren und jeder seiner Wege gehen sollte, so könne der Mißerfolg und der Zusammenbruch der Familie nicht ausbleiben. Tod einer Hundertzwölfjährigen. Vorgestern ist im israelitischen Versorgungshaus in der Seegasse im 112. Lebensjahre Frau Katharina Lustig — unzweifelhaft die älteste Frau in Wien — gestorben. Frau Lustig war am 2. Dezember 1798 in Szerdahely in Ungarn als Tochter eines Handelsmannes und als achte von zehn Geschwistern geboren. In der Familie war Langlebigkeit ein Erbstück. Ihre Großmutter mütterlicherseits wurde 113, die Mutter ihres Vaters 110 Jahre alt, von ihren Geschwistern erreichte ein Bruder das 91. und eine Schwester das 90. Lebensjahr. Das Leben der Verstorbenen war voll Kummer und Sorgen. Im Jahre 1616 heiratete sie ihren Mann, der Schneider in Tap in Ungarn war. Sie hatte zehn Kinder, von denen sechs starben. Die älteste Tochter, 1822 geboren, lebt in Budapest, ein Sohn, 1830 geboren, ist Schuster, ein zweiter Sohn, 1832 geboren, Zimmermaler gewesen. Bei ihrem jüngsten Sohne, dem Handelsagenten Adolf Lustig, Grünetorgasie Nr. 18, hat sie bis vor Kurzem gelebt. Ihren Gatten, der 105 Jahre alt wurde, verlor sie nach 76jähriger Ehe. Nach seinem Tode lebte sie in ärmlichen Verhältnissen in Tap. Sie hatte schon früher Schirme angefertigt und betrieb das Geschäft dann weiter. So brachte sie sich von 1891 bis zum Jahre 1904 selbst fort. Dann erst hörte die Hundertsechsjährige zu arbeiten auf und lebte von den Unterstützungen ihrer Kinder. Aus Tap übersiedelte sie im Jahre 1907 zu ihrem jüngsten Sohn nach Wien. Bis in die letzte Zeit war Frau Lustig von erstaunlicher Rüstigkeit. Aus ihrem kleinen, mit unzähligen Runzeln bedeckten Gesicht blickten zwei lebensfrohe, klare Augen, die verrieten, welches Interesse alles um sie her ihr noch einflößte. Stets bei gutem Humor, erzählte die alte Frau ihren Enkeln Geschichten und Erinnerungen aus uralter Zeit. Nicht selten stimmte sie ein ungarisches Lied an. Sie nähte und besserte bis in ihre letzten Lebensjahre Wäsche aus — alles ohne Brillen. Das Einfädeln ging wohl etwas schwer, doch sie brachte es mit einiger Anstrengung zusammen. Gelebt hat sie einfach und ohne jede besondere Diät. Zeitig morgens stand sie auf, ordnete ihr Stübchen, frühstückte dann; um 12 Uhr nahm sie das Mittagessen ohne Auswahl der Speisen. Nur mußte alles, weil Frau Lustig zahnlos war, sehr weich sein. Nach 6 Uhr trank sie ihr Schälchen Kaffee, um 8 Uhr nahm sie das Nachtmahl. Zu allen Mahlzeiten trank sie ein Krügel Bier, das ihr sehr mundete. Zur Nachtruhe begab sich die alte Frau ziemlich spät, bis in die letzten Jahre selten vor 10 Uhr abends. Sie wollte möglichst lange aufbleiben und in ihren alten Erinnerungen kramen. Eine Erbschaft von 180 Millionen. Das Glück des Hausierers. Prag. Ueber eine interessante Erbschaftsaffäre, in der es sich um 180 Millionen Kronen handelt, berichtet das „Prager Tagblatt": Vor etwa IV, Jahren starb in New-Uork im Waldorf Astoria-Hotel der als „Bierkönig" bekannte Alfred Londsdale plötzlich an einem Schlaganfalle im 63. Lebensjahre. Er hinterließ ein Vermögen von 36 Millionen Dollar, das sind 180 Millionen Kronen. In seinem Nachlasse fand sich keinerlei testamentarische Verfügung hinsichtlich seines Vermögens, das teilweise in London, zum andern Teile in Amerika deponiert ist. Deshalb wurden zwei Rechtsanwälte, Doktor Smith in London und Dr. Tennyklefs in New-Aork, zur Verwaltung der Erbmasse bestimmt. Zur Eruierung der Erben des verstorbenen Multimillionärs erschieneu im „Jewish Chronicle" in New- Iork und „Jewish Newspaver" in London Aufrufe, damit die Hinterbliebenen ihre Ansprüche geltend machen. Es meldete sich daraufhin eine große Anzahl von Leuten, welche den Multimillionär persönlich gekannt hatten und allmählich erfuhr man den ganzen Werdegang des interessanten Mannes und die Namen der leiblichen Erben. Der Multimillionär war aus Kalisch in Russi'ch-Polen gebürtig, hieß richtig Isaak Glotzen st ein und entstammte einer armen, mit Kindern reich gesegneten Familie. Als er 15 Jahre alt war, wurde er von seiner eigenen Familie der Affentkommission ausgeliefert, um auf diese Weise die älteren Söhne der Familie vor dem Militärdienst zu retten. Er kam dann in eine sibirische Garnison, wo er kein leichtes Leben hatte, besonders weil er sich nicht taufen lassen wollte. Auf den Rat seines Vorgesetzten Korporals trat er zum griechisch-katholischen Glauben über und wurde bald darauf Unteroffizier. Nun erhielt er auch, was er früher vergeblich angestrebt hatte, einen vierzehntägigen Urlaub, den er dazu benützte, um nach London zu desertieren. In London errichtete er eine Bierkneipe, die ihm reichen Nutzen abwarf. Mit der Zeit wurde aus der Kneipe ein elegantes Restaurant. Glotzenstein oder wie er sich jetzt nannte Londsdale, begann an der Börse zu spekulieren und hatte in Brauaktien ein solches Glück, daß er in verhältnismäßig kurzer Zeit mehrere große Brauhäuser in Amerika an sich bringen konnte. Vor Jahren übersiedelte er nach New-Aork. Zuvor hatte er einen Teil seines Vermögens in London bei Gericht hinterlegt. N rch langem Suchen hat man nun auch die Verwandten des verstorbenen Multimillionärs gefunden, und zwar einen Bruder Josef G l o tz e n st e i n in Kalisch, zwei Neffen namens B i e l e k, ebenfalls in Kalisch, und eine Schwester C i l l i, welche nach Prag geheiratet hatte und deren Mann Josef N e u m a n n einen kleinen Hausierhandel unterhält. Sämtliche Verwandte sind sehr arme Leute. Dies machte sich jetzt besonders fühlbar, da sie nicht einmal soviel Geld aufbringen konnten, um sich in den Besitz der Erbschaft zu setzen. Vor allem galt es, nachzuweisen, daß sie mit dem Multimillionär wirklich verwandt seien. Die armen Erben fanden in dem Advokaten Benno Schwarz in Berlin und Dr. U n i s ch o w s k i in Warschau freundliche Helfer. Letzteren besonders gelang es, alle nötigen Dokumente aus Kalisch und der sibirischen Garnison, wo Glotzenstein gedient hatte, zu verschaffen. Ferner fand er den Popen, der die Taufe vorgenommen, und den Korporal, welcher dem Multimillionär seinerzeit durch seine Ratschläge die Desertion ermöglicht hatte und der jährlich von dem dankbaren Multimillionär am Tage seiner Flucht 300 Rubel zugesandt erhielt. Seine Familie hatte der Verstorbene nicht unterstützt, weil er ihr nicht vergessen konnte, daß er sozusagen den älteren Geschwistern geopfert worden war. Die herbeigeschafften Dokumente genügten nun wohl, um den in London deponierten Teil des Vermögens flüssig zu machen, aber in Amerika stießen die Erben auf große Schwierigkeilen. Der New-Iorker Rechtsanwalt erkannte die Dokumente nicht an, teilte aber mit, daß er das in Amerika investierte Vermögen sofort flüssig machen würde, wenn er fünfzig Prozent der Erbschaft erhalte. Später wollte er sich mit 25 Prozent begnügen. Nach diesem Stand der Angelegenheit ergab sich, daß eine persönliche Intervention in Amerika unbedingt notwendig sei. Zu diesem Zweck bildete sich ein ganzes Konsortium, wonach dieses sich verpflichtete, gegen einen entsprechenden Anteil an der Erbschaft sämtliche Kosten des Verfahrens zu decken und vor allem für die Intervention in Amerika 100.000 Mark beizustellen. Am 20. Oktober werden sich Neuland mit Ultmann nach London begeben, um das dort deponierte Vermögen zu beheben, um dann auch in New-Iork bei Gericht die Ansprüche der Erben durchzusetzen. Das Vermögen des verstorbenen Multimillionärs ist in Amerika und in verschiedenen Brauhäusern in New-Iork, Texas und Kanada investiert. Die offizielle Meldung über das jüngste Blutmarchen in Ungarn. Aus Budapest wird uns geschrieben: Die Gendarmerie, welche in dem bereits berichteten Falle eines angeblichen Ritualmordversuches in Nagy-Lövesd Erhebungen vorzunehmen hatte, hat über das Ergebnis ihrer Untersuchung an die tönigl.-ung. Staatsanwaltschaft die folgende amtliche Meldung erstattet: Ich melde, daß das Resultat der Nachforschung in Angelegenheit der von Frau Josef Somplak, geborenen Barbara Serdi, Einwohnerin von Nägy- Lövesd, gegen Frau Wilhelm Buchsbaum, geborenen Pepi Weinberger, Einwohnerin von Nagy- Lövesd, erhobenen Blutbeschuldigung folgendes ist: Am 23. Juli d. I., um Va3 Uhr nachmittags, erschien die 42 Jahre alte, dem reformierten Glauben angehörende Frau Somplak, bei der Gendarmerie und brachte die Klage vor. dpß ihre 11 Jahre alte Tochter Borcsa um 12 Uhr Mittags desselben Tages im Gasthause des Wilhelm Buchsbaum von einem ganz unbekannten Israeliten ergriffen wurde, der ihr den Mund mit einem faustgroßen schwarzen, flachen Gummi verstopfte und sie im Zimmer unter dem Bette vcrsftckt'-. Als er sich dann, durch das Fenster blickend, davon überzeugt hatte, daß draußen niemand gehe, zog er sie am Abend unter dem Bett hervor und wollte sie unter eine leere Liste stecken, aber das sehr erschrockene Mädchen sprang empor und flüchtete sich.