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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-30 · 39 (30.9.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 644 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 39 mert. „Die Sätze der zweiten Reihe beschränken sich, abgesehen von X, auf die allerelemenlarsten Rechtsforderuugen. Wie schon die Gebote der ersten Reihe unter dem Gesichtspunkt stehen: Du sollst Dich nicht vergreifen an dem, was Gottes ist" (geschmackvoll ist diese Charakteristik des einheitlichen, bildlosen Gottesdienstes nicht), „so die der zweiten Reihe: Du sollst Dich nicht vergreifen an dem, was Deines Nächsten ist. Wenn X jetzt aus dem Jus in die Moral ableukt", (also doch! aber wodurch denn? „so liegt es nahe, daß auch hier eine Umbildung ftattgefunden hat (war es ursprünglich ein Verbot des Wuchers?)." Vor allem fragen wir: Welche „Umbildung" hat denn stattgefunden? Warum wird denn nicht gesagt, daß sie vornehmlich in einem neuen Worte für Begehren und Gelüsten besteht? Hier mußte es gesagt werden, und es wird nicht gesagt. Auf die in Klammer eingeschobene Frage von dem Wucher, auf dem kein Wort int entferntesten hinweist, einzugehen, widerstrebt uns; wir haben die Folgesätze noch zu beachten: „Das alles weist namentlich, wenn „der Nächste" eben nur der Volks- und Stammesgenosse ist, auf eine sehr alte Grundlage. Den Gehalt dieses Dekalogs, so geschickt die Zusammenstellung der für Religion und Sittlichkeit in Frage kommenden Gebiete ist, darf man ohnehin nicht übertreiben". (sie!) „Nicht nur das Evangelium hat einen anderen Geist als das, was hier den Alten gesagt ist", (nur den Alten, nicht auch dem christlichen Religionsunterricht?) „auch die Frömmigkeit des A. T. hat anderwärts tiefer gegraben, (vgl. Dt. 6, 4, s)". Fangen wir mit dem Letzten an, worin das Alte Testament gelobt wird. Es sind dies die Verse vom Höre Israel und die folgenden Sätze von der Liebe zu Gott. Sie werden an Tiefe über die Zehn Gebote gestellt, die nur eine „geschickte Zusammenstellung der für Religion und Sittlichkeit in Frage kommenden Gebiete" bedeuten sollen. Dieses stumpfe schulmeisterliche Urteil wird über den Dekalog in diesem Bibelkommentar verhängt; aber daß die Sittlichkeit hier in das Recht eingteist; daß durch ein neues Wort die Sünde des Herzens getroffen wird, wo von Seiten des Rechts kein Anstand besteht, das wird nicht hervorgehoben, das wird nicht philologisch angegeben, das bleibt unerwähnt. Und dabei hält man es für geschmackvoll, das exitllelon ornans „geschickt" auf diese Grundlage der monotheistischen Religion auzuwenden. Liegt nicht für diese ganze Art der Bibelauslegung der eigentlich treibende Grund in dem Worte: „Nicht nur das Evangelium hat einen anderen Geist" klar ausgesprochen? So lange man unter dem Banne dieser Perspektive steht, ist keine sachliche, keine philologisch genaue Erklärung des A. T. zu erhoffen. Die Philologie steht hier im Zwange der Geschichte, und die Geschichte in dem des unfreien konfessionellen Glaubens. So kann es geschehen, daß man den Eintritt eines neuen Wortes nicht angibt, mit dem eine Vertiefung der Sittlichkeit sich ankündigt, weil damit eine Tiefe unverkennbar würde, die zu der hergebrachten Unterscheidung zwischen Altem und Neuem Testament nicht mehr passen würde. Ich analysiere einen typischen psychologischen Vorgang, keineswegs eine individuelle Beabsichtigung. Nur noch einen Punkt, den vom sogenannten Nächsten, dürfen wir auch hier nicht unbeachtet lassen, obwohl er zum Ueberdruß verhandelt ist: „Namentlich wenn „der Nächste" eben nur der Volks- und Stammesgenosse ist". Ist das ernstlich die Ansicht der Gelehrten des Christentums, daß der Nächste im Dekalog der Volksgenosse sei? So wäre das falsche Zeugnis gegen die Nichtjuden zulässig? und es wäre auch das Verbot von Mord, Ehebruch und Diebstahl auf diese Art von Nächsten einzuschränken? Die vernünftige, nach allgemeinen Stilgesetzen verfahrende literarische Erklärung hat vor allem den komplizierten Charakter des A. T. zu beachten, die in ihm vorhandene Mischung von Sage, Geschichte und Poesie mit Politik, Recht, Moral und Glaubenssatzung. Ihr kann es daher auch nicht zu Sinne kommen, einen Unterschied zu machen zwischen den Geboten, in welchen nur „Du" steht, und denen, in welchen der Nächste emphatisch genannt wird. Bei Mord braucht er nicht hervorgehoben zu werden; aber Begehren und Gelüsten, da ist es leider gar nicht überflüssig; und daher ist es absurd, den Nächsten hier anders zu verstehen als in der Beziehung auf denselben Jedermann, den man nicht morden und bestehlen darf. Nur wird zwischen dem Strafkodex und dem Moralgesetz in dieser naiven Literaturquelle keine Unterscheidung hervorgehoben. Diese Gelehrten scheinen auch die einfache literarische Erwägung nicht anzustellen, daß die Redaktoren des A. T. nicht wissen konnten, es werde einmal ein Christentum kommen, welches dem alten Bunde die Nächstenliebe streitig machen werde, obwohl nach Ev. Matth. (22, 39) Jesus selbst sich in seiner Antwort an die Schriftgelehrten auf dieses Gebot bezieht; — sollte auch Jesus den Nächsten dieses „obersten Gebots" nur als den Volksgenossen gedacht haben? — und obwohl es in den Evangelien keine einzige Stelle gibt, in welchem das Gebot der Nächstenliebe anders denn als ein Zitat aus dem alten Bunde erscheint. Gesinnung ist gleichbedeutend mit dem Innern, also mit dem Begriff und Werte des Menschen. Sie ist die Grundlage und Voraussetzung der sittlichen Handlung. Würde der jüdischen Religion die Gesinnung fehlen, wäre die Gesinnung nicht der Lebensgrund ihres Wesens, so würde ihr schlechthin alle Sittlichkeit fehlen. Von welcher historischen Oberflächlichkeit für das Wesen des Monotheismus muß das Urteil sein, welches dem Judentum die Gesinnung abspricht! Und welcher historische Pessimismus und Materialismus verrät sich in diesem blöden Vorurteil. Denn wie wäre unser Fortbestand historisch denkbar, wenn er des innerlichen Lebeusgrundes ermangelte, der für die lebendigen Bekenner einer Religion einzig und allein in der Gesinnung besteht. Nachschrift. In der Abhandlung „Innere Beziehungen der Kantischen Philosophie zum Judentum“ (Jahresbericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums 1910) habe ich für die Gesinnung auf die „Einheit des Herzens“ Bezug genommen. Diese Einheit des Herzens (n*?n W) ist ein Terminus in dem Buche „Pflichten der Herzen“ von Bachja ibn Pakuda (im 11. Jahrhunderte Er ist nach dem Psalmen wort (Ps. 86, 11) gebildet. Auch an diesem PsalmeDvers ist die Uebersetzung lehrreich. Franz Delitzsch übersetzt: „Einige mein Herz, zu fürchten Deinen Namen“. Und im Kommentar sagt er: „Mit Hecht hat Luther die Uebersetzung der Septuaginta, Syr. vulg.: laetetur ("in1' von mn) verlassen. Der Sinn ist aber nicht sowohl: „erhalte mein Herz bei dem Einigen, als: richte alle seine Kräfte und konzentriere sie auf das Eine“. So Delitzsch 1867. Dennoch übersetzt Kautzsch (Bibelwerk 1896): „Mein Herz freut sich daran. Deinen Namen zu fürchten“. Aber in dem Neuen Bibelwerk gibt er diese Uebersetzung auf, und übersetzt: „Gib mir ein einmütig Herz“. Bedenklich ist nun aber wieder die Anmerkung: „Aus Jeremia 32, 39; der Wortlaut zeigt deutlich, dass der Psalmist ein Kollektivsubjekt darstellt.“ Die Tendenz des Gedankens ist unverkennbar: die Einmütigkeit des Herzens soll nicht auf das individuelle Herz bezogen werden, sondern nur auf die kollektive Einheit des Volkes. Wenn dies aber selbst an der Stelle in Jeremia: „Ein Herz und Ein Weg“ der Sinn sein mag; so kann doch das im Psalmenvers von der Einheit gebildete Verbum nicht diesen Sinn haben, denn es gehen die Worte vorauf: „Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg, dass ich in Treue gegen Dich wandele.“ Es handelt sich also um den Weg des Individuums und um seine Treue; dazu bedarf es des einmütigen Herzens. Das Herz des Volksganzen hat mit diesem Flehen des Individuums keinen näheren Zusammenhang. Die Gesinuung kann nicht ergreifender und übrigens auch nicht unzweideutiger zum Ausdruck gebracht werden als durch die Einheit des Herzens — gemäss der Einheit Gottes. Nicht nämlich auf „das Eine“, sondern auf den Einen sollen alle Kräfte „konzentriert“ werden. In der Einheit des Herzens hat die Gesinnung ihre Wurzel, wie das Gebet für diese Einheit in der Einheit Gottes sein Vorbild hat.

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