Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021913--19607-3044600- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Serie 642 Nr. 39 Dr. Blochs Wochenschrift. Rückzug anzutreten vor der Mandatswerbung eines zu Hoffnungen berechtigenden Mitbewerbers, der aber doch noch auf dem politischen Schlachtfelde selbst sich erst die Sporen zu verdienen hat. Es ist übrigens verfehlt, das, was in der fortschrittlichen Wählerschaft der Leopoldstadt vorgeht, lediglich auf Eifersüchteleien miteinander um Macht und Einfluß ringender politischer Vereine zurückzusühren. Solche Konkurrenzkämpfe könnten nur die Oberfläche kräuseln, nicht aber,- wie dies der Fall ist, eine mächtige Bewegung Hervorrufen, an welcher Mitbürger teiluehmen, die bisher nur zu gleichgültig in politischen Dingen waren. Nein, dies verursachen liefere Gründe. Ein großer Teil der freisinnigen Wählerschaft kann überhaupt den neudemokratischen Grundsätzen und Bestrebungen der Freiheitlich-Sozialen keinen Geschmack abgewinnen. Perhorresziert wird das Einhergehen neben der Sozialdemokratie und das Eintreten für die Forderungen, deren Durchsetzung ausschließlich im Klassenintereffe der sozialdemokratischen Partei liegt und dieser daher füglich überlassen werden sollte. Die jüdische Wählerschaft bemängelt überdies insbesondere die aus Doktrinismus ausgeübte Einmengung, ja führende Tätigkeit der freiheitlichsozialen Parlamentarier in einer Reihe von Fragen, von welchen in der gegenwärtigen Zeit, wo der Jude immer als Störefried und Brunnenvergifter hingestellt wird, besser . die Hand gelassen würde. — Die jüdische Wählerschaft mißbilligt aber auch in taktischer Beziehung, daß die Freiheitlich-Sozialen ihre Agitation — Kleinarbeit nennen sie es — immer nur dort entfaltet, wo es sich um die doch nicht erst zum Freisinn zu bekehrenden jüdischen Wähler handelt, im weiten Bogen aber jedem, ernstlichen Kampfe auf dem Boden, den heute die Christlich-Sozialen unumschränkt besitzen, ausweichen. Festgestellt sei noch, daß der von der Partei des Dr. Ofner so viel geschmähte „Donauklub", ohne dessn Mithilfe sich die Pforten des Rathaussitzungssaales für die Herren Dr. Schwarz-Hiller und Neustadtl nie geöffnet haben würden, von allem Anfänge an zu einer gemeinsamen Tätigkeit mit den Freiheitlich-Sozialen auch bei den Landtagswahlen bereit war, daß aber die schroffste Uebergehung und Mißachtung dieses seit fast vier Jahrzehnten im Bezirke tätigen Vereines, dessen Verdienste für die freiheitliche Sache eine in den letzten Jahren leider zu verzeichnen gewesene schwächere Haltung gewiß nicht auslöschen kann, stattgefunden hat. Nie und nimmer aber kann zugegeben werden, daß die dem „Donauklub" widerfahrene kränkende Behandlung allein zur selbständigen Betätigung dieses Vereines geführt hat. Maßgebend war neben den bereits Erörterten die Erwägung, daß Herr Dr. Schwarz- Hiller, welcher bei den Landtagswahlen vor zwei Jahren unterlegen und selbst hinter seinem gleichgesinnten Mitbewerber, Baron Hock, um fast 600 Stimmen zurückgeblieben ist, nicht über die nötige werbende Kraft verfüge, die derzeit angesichts des bevorstehenden schweren Wahlkampfes erfordert werden muß. Maßgebend war der Gedanke, daß der einzige bürgerlich-fortschrittliche Mann, welcher im niederösterreichischen Landtage der geschloffenen christlichsozialen Majorität gegenüber aufzutreten berufen sein soll, die nötige Erfahrung, Reife und politische Schulung, aber auch die unerläßliche genaue Vertrautheit mit allen Vorgängen, die das öffentlicheLeben der letzten Jahrzehnte dargeboten hat, besitzen muß. Gewiß wäre es wünschenswert, daß ein bürgerlichfreisinniger Mann christlichen Bekenntnisses die schöne Aufgabe, im niederösterreichischen Landtage den Kampf gegen die Reaktionäre zu führen, auf seine Schulter nähme; allein gerade angesichts des intransigenten und sich auf das Persönliche zuspitzenden Verhaltens der Freiheitlich-Sozialen ist die Hoffnung eine äußerst geringe, daß dieser erlösende Mann sich werde finden lassen. Nicht genug warnen kann ich aber davor, daß übel angebrachte Spitzfindigkeit sich dazu verleiten lasse, die jüdische Wählerschaft ins sozialdemokratische Lager zu führen. Mit dem Feuer soll man nicht spielen. Noch weniger darf man unseren christlichsozialen Feinden Stoff geben für ihr gefährlichstes Argument, das sie seit jeher praktizieren. „Judentum und Sozialdemokratie sind identische Dinge." Wer weiß, ob die Sozialdemokraten an den Stimmen, die ihnen eine künstlich geschürte Verzweiflung zuführt, eine besondere Freude zu empfinden Grund hätten. Sicher aber ist, daß das Judentum hiedurch den allerschwersten Schlag erhielte. So schmerzlich dies auch für jeden aufrichtig fortschrittlichen Mann sein muß, so wird, wie die Dinge bis jetzt stehen, das getrennte Marschieren der beiden freiheitlichen Gruppen kaum zu vermeiden sein. Was mich betrifft, so werde ich gewiß nichts dazu beitragen, daß dieser leider unabwendbare Zwist dem gemeinsamen Feinde ein unnötiges Gaudium bereite. Ruhig und maßvoll werde ich in meiner Bewerbung bleiben und mein Kampfziel wird immer nur der gemeinsame Feind sein. Wien, 27. September 3910. Dr. Alfred Mittler. Gesinnung. Von Geh. Regierungsrat Dr. Hermann Cohen, ordentlichem Professor der Philosophie an der Universität Marburg. Gesinnung wird am häufigsten unserem Religionswesen bestritten. Das Vorurteil wurzelt in der Paulinischen Bekämpfung des Gesetzes und in der Entgegenstellung des Glaubens. Daß der Glaube selber Glaubenssatzungen einschließt,' wird nicht bedacht; geschweige, daß diese härter drücken können als die beschwerlichsten Bindungen der Lebensformen. Der Glaube wird nach der poetischen Idealisierung Luthers, in seiner Vorrede zu den Psalmen, als etwas schlechthin Inneres aller gottesdienstlichen Werktätigkeit entgegengesetzt. Es wird ebenso wenig bedacht, daß dieser Glaube, abgesehen von seinem dogmatischen Inhalt, selbst auch Ritualien fordert und daß unter diesen sich z. B. das Abendmahl befindet, welches nicht nur in der Lehre von der Transsubstantiation sogar die neuere Philosophie in Mitleidenschaft gezogen hat, vollends aber der 'Geschichte der Reformation ihr Gepräge aufdrückt, und endlich das moderne religiöse Bewußtsein des Protestanten zur lebhaften Unterscheidung von Ritus und Bedeutung herausfordert. Es bleibt dabei: im Judentum waltet der Ritus vor, und mithin fehlt ihm die Gesinnung. Es wird gar nicht an die Möglichkeit gedacht, trotz aller historischen Bildung, der man sich befleißigt, daß der Ritus selbst auch im anderen Lager, wie im eigenen, als ein Akt der Gesinnung gehegt und gepflegt werden könne; daß man ihn wie ein poetisches Gut des religiösen Lebens mit innerlichster Sympathie, mit ausdeutender Idealisierung seiner geistigen und sittlichen Beziehungen auf das gesamte Menschenleben lieben und hüten kann. Dieses Vorurteil führt zu mangelhafter Bibelforschung. Theobald Ziegler, ein Mann, dem sicherlich jede neumodische Gehässigkeit abgeht und der eine gute theologische Bildung hat, sagt in seiner „Geschichte der christlichen Ethik" folgendes von den Zehn Geboten: „Von besonderem Interesse sind für uns jedenfalls die Bestimmungen des Dekalogs. Derselbe beginnt mit den religiösen Geboten, keine anderen Götter neben dem einen Jehova zu haben .... Ebenso sind die Vorschriften, seinen Namen nicht zu verunehren und den Sabbat nicht zu verletzen, religiöser Natur."*) Schon dies muß auffallen, da doch der Sabbat offenbar ein soziales Arbeitergesetz ist, wie es im Deuteronomium als solches ausdrücklich begründet wird. Doch lesen wir *) a. a. O. S. 18, 19,