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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Blochs Wochenschrift. Veite 637 Ausgestattet mit feierlichen Dekreten von der Hand eines hohen Freundes, reiste Aronsohn völlig beruhigt nach St. Petersburg. Arglos stieg er im Hotel d'Enrope in der Nähe des Squares St. Michel ab und unterzog seinen Reisepaß seiner vorschriftsmäßigen Prüfung. Dann suchte er sofort die Würdenträger, an die er empfohlen war, auf und übergab ihnen seine Kiewer Dokumente. Unverzüglich machte er sich dann an das Studium der O-rtlichkeit und konzipierte seine Entwürfe. Er war mitten im Schaffen, als man ihm seinen Reisepaß zmückstellte, der die lakonische Bemerkung trug: „Jenseits der den Juden zugänglichen Neg'on; in 24 Stunden St. Petersburg verlassen." Der unglückliche Künstler wollte dieses traurige Ansinnen nicht für Ernst nehmen. In aller Eile suchte er die-Verwaltungsbehörden auf und setzte ihnen den Zweck seines Kommens auseinander und nannte insbesondere dieeinflußreiche Per'önlickkeit, auf deren Antieb 'er die Reise unternommen habe. Er bat, ihn nur einen zweitägigen Aufenthalt zu gewähren, nm Platz und Umgebung, wo das Denkmal wirken sollte, notdürftig seinem Künstlergeiste einzuprägen. Sein Flehen fand kein Gehör. Getäuscht in seinem Künstlertraum, tief verletzt in seiner Menschenwürde, entschloß sich Aronsohn, sofort abzureisen. Wohl erließ der Zar einen Gnadenakt, der es dem Künstler gestatten sollte, sich einige Tage in Petersburg aufzuhalten, doch kam derselbe erst auf dem Bahnhof in die Hände des Vertriebenen, der weiter keinen Gebrauch von dieser Duldung zu machen wünschte. Ein patriotisches Werk mit voller Ueberzeugungskraft zu schaffen, fühlte sich der so Gekränkte nicht mehr fähig. Gerade dieses Manifest künstlerischen Gewissens aber beweist, eine wie feine Kraft der Petersburger Wettbewerb verloren hat — und ähnlich mag es oft ergehen, wo eine kurzsichtige Politik die Gesellschaft eines ganzen Menschheitselements beraubt, das doch dazu von Gott erschaffen wurde, um seine eigenen Triebe und Kräfte in die der übrigen Menschheit zu mischen. Warum sind Leute, die sich keines Vergehens schuldig gemacht haben, die keine Verbrecher sind, der allerprimitivsten Freiheit, der Wanderfreiheit, beraubt? Warum verbietet man ihnen den Aufenthalt in einem großen Teile Rußlands? Man behauptet, die Juden seien der Bevölkerung schädlich und obiges Gesetz -sei nur eine Schutzmaßregel für Mittelrußland gegen die jüdische Ausbeutung. Doch gerade diese Geschichte beweist, daß die praktische Durchführung eines solchen Gesetzes uumögltch ist. Die schädlichen Bestandteile, d. h. die schlauen Durchtriebenen, setzen sich von selbst überalldurch. Jedermann weiß, daß es sür die Juden tausend Mittel gibt, um in die berüchtigte „verbotene Region" einzudringen und sich dort jahrelang aufzuhalten und alle gewünschten Zwecke zu erreichen. Gerade den Edelsten unter ihnen aber, für die selbst hohe russische Würdenträger sich zu verwenden nicht verschmähen, mißglückt der Versuch, sich der Reichshauptstadt nützlich zu machen, insbesondere weil Gnadenerlasse sür solche „feinere Naturen" meist zu spät kommen. Literatur. Maximilian Harden, Köpfe. 6. Auflage. Berlin 1910. Erich Reiß. Die Leser der „Zukunft" werden hier alten Bekannten begegnen, aber solchen, die sie liebgewonnen haben und gern in Gesellschaft mit einander sehen. Diese Gesellschaft, die hier der wählende Ruf des Meisters zusammenschart, ist freilich ein wenig bunt und inkogruent. Man denke: Der alte Wilhelm, Bismarck. Kaiserin Friedrich, Ho'.stein, Johanna Bismarck, Stoecker und Waldersee — soweit geht es noch an und bietet sich dem Auge nur, was trotz aller inneren Divergenzen sich der Oeffentlichkeit auch sonst in äußerem Zusammenhang gezeigt hat. Dann aber folgen Eugen Richter, Gallifet, Ibsen, Böcklin, die Wolter, Menzel, Mitterwurzer, Zola, Lenbach und Matkowsky. Was diese Namen bei aller Geistesdlstanz doch zum Reigen bindet, sind Hardens ausgeprägte Sympathien und Aversionen. Für Bismarck ä tont prix, ebenso schonungslos gegen dessen Nachfolger, vor allem den gekrönten Regisseur, den er mehr, als Objektivität es dringend heischt, vor die Koulissen zerrt — das sind die Direktiven seines politischen Urteils. Eine Ausnahme bildet allein sein Stoecker trotz des Scheiterhaufenbriefes. Das Gnadenmotiv: Stoeckers Judenhaß, wie denn Gallifet, Zola und alles, was nicht mit Harden gegen Dreyfus war, über den Kamm unbarmherziger Verurteilung geschoren wird. Den Künstlern, die er schildert, wird er, soweit hier die Politik schweigt, gerechter. Schreibt man sich die Einseitigkeit des Einschätzens auf ein gesondertes Blatt, so bleibt auf dem anderen immerhin so viet übrig, daß man das Buch als guten Gesellschafter unbedenklich empfehlen darf. R. Werner Sombart, Der Anteil der Juden am Aufbau der modernen Volkswirtschaft. Derselbe, Jüdischer Geist im modernen Wirtschaftsleben. („Die neue Rundschau". XXI. Jahrgang der Freien Bühne. Februar und Mai 1910. Berlin, S. Fischer.) Es ist im Allgemeinen nicht üblich, Zeitschriftaufsätze zu besprechen, zumal wenn ihr Verfasser selbst sie nur als Vorläufer eines größeren, zusammenfassenden Werkes einführt. Andererseits bezeichnet Sombart diese beiden, bisher erschienenen literarischen Niederschläge seiner bekannten, wie in verschiedenen deutschen Städten, auch hier in Wien gehaltenen Vorträge als völlig selbständige, in sich abgeschlossene und verständliche Kapitel. Er ersucht um Berichtigungen und Ergänzungen. Vor allem stellen aber die in diesen Aufsätzen aufgeworfenen Thesen Jnvektiven gegen das sittliche Prestige des Judentums dar, die, im politischen Kampfe so oft wiederholt, aus Mund und Feder eines Wissenschaftlers verblüffen müssen und eine Warnung umsomehr angezeigt erscheinen lassen, als sie ohne jede Stütze wissenschaftlicher Beweisführung aus dem Instinkt heraus in die Tagesdiskussion geschleudert werden. Der erste Artikel gipfelt in der Behauptung, „daß das, was wir Amerikanismus nennen" — und man gebraucht das Wort bei uns nicht durchaus als Lobspruch und Inbegriff des Erstrebenswerten — „nichts ander« s als geronnener Judengeist" sei. Wird schon hier einzelnen Daten eine zu große Tragweite beigemessen, so basiert Sombart den zweiten Artikel bewußt anf Urteile, die engherziger Krämerneid und fanatischer Haß „über den Juden in der deutschen Vergangenheit" gefällt haben, ganz so wie G. Liebe ihn karikiert hat. Er behauptet — auf die Beweis e werden wir vertröstet — „daß es sich bei den Verstößen der Juden gegen Recht und Sitte gar nicht handelt um die vereinzelte Unmoral eines einzelnen Sünders, sondern daß diese Verstöße der Ausfluß der für die Juden gültigen, allgemeinen Geschäfts moral waren, daß in ihnen also nur die von der Gesamtheit der jüdischen Geschäftsleute gebilligte Geschäftspraxis zum Ausdruck kommt." In demselben Geleise geht es fort. Die Juden waren die Erfinder der Reklame, aller unsauberen Geschäftspraktiken usw. Man traut seinen Augen kaum« Anläßlich des Prozesses Landen und Eons, ist im Jänner 1901 in dieser Wochenschrift über kaufaiänmsche Ehre ein Artikel erschienen» der in großen Zügen die christlich-arische Geschäftsmoral auf der einen, die Praxis des jüdischem Kaufmannes auf der anderen Seite an der Hand historischer Tatsachen kennzeichnete. Auch Abweichungen des Liebe'schen Pamphlets haben betont, wie sich bei objektiver Abwägung der verbürgten Daten das wirtschaftliche Bild wesentlich anders gestaltet. Ein gründlicher Anfang zu einer solchen unvarteiischen Darstellung ist ja jetzt von Caro in seiner jüdischen Wirtschaftsgeschichte gemacht worden. Nur gelegentlich streift Sombart die österreichische Finanzgeschichte. Gerade diese hätte ihn zur Vorsicht mahnen müssen. Wir gedenken, nach dem Erscheinen des angekündigten Werkes seine Positionen noch im Einzelnen auf ihre Haltbarkeit zu prüfen. R. Santo Semo, von Isaac. Drame historiqne an 5 actes sur l’Extode des juifs d’Espagne (avec Supplement musical). Constantinople, 2 rue Derviches Imprimerie de la Petrie, Pera. Preis Fr. 1.50. Eine Dramatisirung des erschütterden Trauerspieles, in dem Ton Jsak Abarbanel, Torquemada und Christoph Columbus die Mittelpunkte der Handlung bilden. R. Im Verlage von Karl Prochaska in Teschen sind erschienen: Jahrbuch der Weltgeschichte von A l b i n Geyer, das Jahr 1909. M. 1.50. Das Buch beurteilt die Zustände in Rußland und Wien mit unverhohlener Zustimmung, feiert Lueger, daß er die langjährige Herrschaft der börsenliberalen Presse gebrochen habe, über Cesaro Lombroso wird ungünstig abgeurteilt, Proben, die für die Kennzeichnung des politischen Standpunktes des Verfassers genügen. Sehr geschickt gemacht ist hingegen der diesjährige Jahrgang des ebendaselbst erschienenen Jahrbuches der Erfindungen. Diese Jahresüberfichten sind Jedem, der zur Beurteilung des modernen Lebens mit seinem ralenden Tempo Sammel- und Beobachtungspunkte sucht, unentbehrlich. Mit Freuden begrüßen wir Johann Restroy's ausgewählte Werke, von denen in P r o h a s k a's Deutsch-österreichischer KlaffikerbibUotbek soeben der erste Band herausgekommen ist. Auch hier hat Otto Rommel mit einer sehr brauchbaren Einleitung sich als den berufenen Herausgeber dieser Literaturgattung bewährt. R. Seder Berachoth, auctoie Mich. Morawsky, ed. L. PH. Prins. Frankfurt a. M. 1910. Sängern. Friedberg. M. 1.50. Der Herausgeber hat sich durch die Neuerweckung des alten Büchleins um Weste Kreise ein Verdienst erworben. Die Begründung der Segenssprüche bietet allen Religionslehrern eine wichtige Handhabe. P. Gott, Mensch und Welt oder „Der Auzar von Gedanken". Geklauben und bearbeitet in Jiddisch von E. Zborowski. Mazin u. Ko., 141, Whitechapel Rd. London. 2 Sh. Eine sehr brauchbare Anthologie, die, wie Stichproben leicht erweisen, aus den Quellen selbst geschöpft ist, und wie Koheleth und Plinius, Kaut und Goethe, Rousseau und Gorki, auch Carneri und die „Fliegenden Blätter" zitiert. — In dem gleichen Verlage erschien auch eine für den praktischen Gebrauch in England ganz geeignete 6rammar of the Yiddisch Language by 8. de Wolf. 1 Sh. L. C Mommert, S i l o a h, Brunnen, Teich, Kanal zu Jerusalem. Leipzig 1908. E. Haberland. Der Verfasser hat keinen irgendwie verwertbaren, wissenschaftlichen Behelf außeracht gelassen, um über die seit Jahrhunderten immer wieder ventilierte Siloah-Frage zur Gewißheit durchzudringen. Er kommt zu dem Ergebnis, daß „wir es hier nicht mit einer lebendigen, natürlichen Quelle, sondern mit einer antiken, wohl von Salomon hergestellten Wasserleitung zu tun haben und daß nicht nur

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