Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 636 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 38 Schon erklang aus den benachbarten Betten das innigsüße Nachtgebet. „In deine Hand empfehle ich meine Seele, du hast mich erlöst, ewiger' Gott der Wahrheit" flüsterte es in der einen Ecke „und behüte unseren Eingang und unseren Ausgang", ertönte es von einer anderen Bettstätte, wobei der Andächtige das Wort „Ausgang" in Anbetracht der mißlungenen Exkursion Schimeles absichtlich hervorhob. Allgemach waren auch die letzten Andachtslaute verklungen und in der Stube schien nichts als ein einsames Nachtlicht die Wache über schlummernde Jahrhunderte zu halten. Vier Augen blieben jedoch ungeschlossen. Schimele bedachte seinen Fehltritt und die sich daran knüpfenden, sicherlich schweren Folgen. Seligmann hielt Mitleid und Neugierde wach. Er stieg leise vom Bette und näherte sich auf den Fußspitzen dem sich hin und her wälzenden Schimele. Voll zärtlichster Teilnahme ergriff er seine Hand, beugte sich über sein Haupt und flüsterte ihm ins Ohr: „Um Gotteswillen, Schimele, sage mir, was ist geschehen, was hast du Unglückseliger angestellt?" „Was ich angestellt habe, das will ich dir sagen, du bist mir treu, vor dir schütte ich mein Herz aus." Schimele, der es liebte, in emphatisch-hochtrabender Rede zu sprechen, hob feierlichst an: „52 Jahre sind es nun, seitdem ich das erstemal in der hiesigen Arena in den Schiller'schen „Räubern" die Rolle Spiegelbergs gab. Man zollte meiner Darstellung reichsten Beifall. Loge und Galerie widerhallte von tosendem Applaus. Und ich trat mit kühner Hoffnung den Weg in die Kunst an. Ein weiter, dornenvoller Weg, der mir jedoch nur Enttäuschungen zeitigte. Nach langer Irrfahrt setzte mich mein Schicksal als schadhaften, brodlosen Greis an das heimatliche Ufer der Donau in die alte Vaterstadt. Doch ich bin wie eine Uhr, deren Zifferblatt verstümmelt, deren Zeiger abgebrochen wurden. Doch drinnen das Werk dreht sich ungesehen und unsichtbar weiter fort. Meine Kunst, meine Jugend, meine Träume, meine Prüfungen sind mir ewig gegenwärtig. Die Not hat mich hieher gewälzt, hat mich erniedrigt, aber mein Sinn will sich nicht ergeben. In meinem Innern werde ich nie Schimele Komödiant sein, sondern Sebaldus, ja Sebaldus Freitag, der „gottbegnadete Musensohn". Bei diesen Worten streckt er seinen Oberkörper in die Höhe, um eine würdevolle Pose anzunehmen. „Schimele", warf Seligmann ein, „Du führst eine Sprache die mir zu fein ist, ich verstehe Dich nicht recht. Sage mir kurz und einfach, was vorgesallen ist. Es fröstelt mich schon, ich will in mein Bett und laut dürfen wir nicht sprechen". „Du hast recht, ganz recht", stimmte Schimele ein, „heute nachmittags spazierte ich in der Au und wie die alten Fiakerpferde beim Wirtshause, blieb ich bei der Arena stehen. Zu meiner tiefsten Erregung bemerkte ich am Theaterzettel, daß heute „Die Räuber" gegeben werden. Wie mit tausend Stricken hat es mich hineingezogen. Ich konnte nicht widerstehen, meine für Tabak zusammengescharten Heller gab ich hin, ich alter Schalksnarr, und trat ein. Doch das elende Spiel hat mich aus der Faffung gebracht. Den armen Spiegelberg hat ein grüner Junge elend zugerichtet. Ich konnte mich nicht länger halten, meinen Spiegelberg so zerstückt und verpfuscht zu sehen und da habe ich alter Schalksnarr, der ich bin, dem Kerl mit ein paar saftigen Zwischenrufen meine Meinung gesagt und dann . . . und dann ... (er zeigte seine blutigen Hautabschürfungen) das übrige weißt Du schon". „David", schloß er mit bebender Stimme, „Du hast heute abends meinen Schwanengesang vernommen, mein Genie ist erloschen, gute Nacht", Seligmann war vom Redeschwall wie betäubt, er wußte nicht recht, was er erwidern soll, schlich stumm zurück in sein Bett und mit dem Worte „ein alter Schalksnarr" auf der Lippe, schlief er ein. Indische Künstler. Stanislaw Bender. Im jüdischen „Lodzer Tageblatt" schreibt Herr Lazar Cohen: Unter den Städten, die der Welt berühmte jüdische Maler geben, nimmt Lodz einen hervorragenden Platz ein. Wir brauchen nur die Namen Samuel Hirszenberg, Leopold Pilichowskh, Glizenstein u. a. m. zu erwähnen, um den Platz zu kennzeichnen, den die Lodzer Maler in der Familie der jüdischen Künstler einnehmen. Und in die jüdische Künstlerfamilie ist jetzt ein neuer talentierter Maler getreten. Stanislaw (Schachne) Bender. Stanislaw Bender wurde im Jahre 1882 als der Sohn des angesehenen Lodzer Bürgers Jsak Bender geboren. Schon als Kind zeigte er große Neigung für Malerei und Zeichnen. Seine ganze freie Zeit pflegte der junge Bender mit Zeichnen verschiedener Bilder und Karikaturen auszufüllen. Seine Eltern waren jedoch von dieser Art Beschäftigung wenig entzückt und als der Junge eine Lodzer Privat- Mittelschule absolviert hatte, wurde er in ein Geschäft gesteckt, um zürn Kaufmann herangebildet zu werden. Der junge Bender mit seiner Sehnsucht nach der Natur und seinen angeborenen ästhetischen Gefühlen konnte sich nicht in die Atmosphäre der kaufmännischen Welt hineinleben, die ihm immer fremd geblieben ist. Er wurde schließlich aus dem Geschäfte genommen und zu einem Lithographen in die Lehre gegeben. Hier wächst seine Leidenschaft für die Malkunst und er beginnt bald kleine Bilder in Oel zu malen. Es sind zumeist soziale Sujets. Die Bilder erwecken die Aufmerksamkeit der Lodzer Kunstkreise und die Eltern werden bestürmt, ihrem Sohne eine Ausbildung seines Talents zu ermöglichen. Um diese Zeit besuchte er auch die Zeichenschule von Katzenbogen und träumt bereits von weiteren Studien im Auslande. Im Jahre 1904 geht der junge Maler nach Paris, besucht die dortige Kunstakademie, während er seinen Lebensunterhalt durch lithographische Arbeiten deckt. In Paris entstanden auch seine ersten bekannten Bilder — zumeist soziale Probleme — wie „Die Not", «Der Streik", „Im Schacht" usw. Die Bilder haben bereits großen Erfolg und werden gut verkauft. . Die ersten Erfolge gaben dem jungen Künstler die Möglichkeit, sich mit mehr Mut und Energie weiterem Schaffen und weiterer Ausbildung zu widmen. Er malt Landschaften, Porträts und übersiedelt 1907 nach München, wo er die Kunstakademie mit Auszeichnung absolvierte. Der Künstler schafft, hat Erfolge, er wird berühmt und bleibt dennoch wie unzufrieden mit seinem Schaffen. Seine Seele beginnt etwas wie Heimweh zu empfinden, selbst soziale Vorwürfe befriedigen ihn nicht mehr, er macht eine innere Revolution durch, die mit einer ganz neuen Wendung in seinem Schaffen endet: er beginnt jüdische Bilder zu malen. Er malt erst seit kurzem Bilder aus dem jüdischen Leben und sie zeigen, wie alle seine Leistungen, jüdisches Empfinden und künstlerische Begabung. Obgleich die jüdischen Themen, die er bisher verarbeitet hat, wie „Schofar-Blasen", „Chanuka-Lichter", „Segensspruch über Elhrog und Lulaw". „Simonas-Thora", Tefilliu-Legen" rc. nicht neu sind, zeichnen sie sich durch die eigenartige Auffassung und die wundervolle Technik aus. Besonders die Technik fällt überall auf. Wie harmonisch wirkt das Gruppenbild „Simchas-Thora!" Jeder Strich berechnet, Licht und Schatten glänzend verteilt. Einen besonders mächtigen Eindruck macht das Bild „Tefillin- Legen". Wir sehen, wie ein älterer Jude einem Bar-Mizwah das „Tcfillin-Legen" beibringt. Auf dem Gesichte des älteren Juden, einer schönen patriarchalischen Gestalt, spiegelt sich die innere Zufriedenheit wieder, daß es ihm vergönnt ist, den Jungen zum vollwertigen Jungen auszubilden. Und das Gesicht des jugendlich-naiven Bar-Mizwah strahlt vor Glückseligkeit in dem Bewußtsein, nunmehr ein ganzer, für seine Handlungen verantwortlicher Jude zu werden .. Der Bildhauer Aronsohn.*) In Rußland wurde unlängst ein Wettbewerb veranstaltet zwecks Errichtung eines Denkmals für Kaiser Alexander II. Dieses Denkmal soll bekanntlich in zwei Exemplaren ausgeführt werden, für Kiew und eines für den Square St. Michel in Petersburg. Auch der in Paris lebende berühmte jüdische Bildhauer Aronsohn erhielt eine Aufforderung, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen, und zwar war es eine einflußreiche Persönlichkeit in Kiew, die mit dieser Einladung an ihn herantrat. _ Aronsohn folgte dem Rufe seines Gönners nach Kiew. Dieser aber, im Vertrauen auf seine allmächtigen Beziehungen, wollte den Künstler veranlassen, auch an der Petersburger Konkurrenz teilzunehmen, obwohl es den Juden gesetzlich verboten ist, die Ufer der Newa zu betreten. Der Mäzen glaubte, seinen Schützling durch das Gewicht seines Namens und seiner Empfehlungen decken zu können. Aronsohn entschloß sich denn, auf das Drangen derselben hochgestellten Persönlichkeit bin, nach Petersburg zu gehen. Er sagte sich mit Recht, daß er den Ort in Augenschein genommen haben müsse, dem er vielleicht ein Werk einverleiben sollte. *) Aus dem Septemberheft der „Dokumente des Fortschritts" (Verlag Georg Reimer-Berlin.)