Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021912--19599-3044591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 88 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 635 chei Bescht) nichts davon zu berichten, auch die späteren Legenden verschweigen den Anteil ihres Meisters an der Disputation. Der bei den Haaren herangezogene Ausspruch Baal-Schems^): „So lange das Glied am Rörper ist, haben wir Hoffnung, datz es genese, wenn es aber abgenommen wird, ist jede Hoffnung verloren," — kann so gut auf die getauften Frankisten, wie auf irgend eine andere Sache sich beziehen. Jedenfalls hatten die Biographen Israel Baal- Schems kein Recht, den Anteil des Meisters an der Disputation so zweifellos zu bestimmen. Girr aller Schalksnarr. Von Philipp Nasch. Große Erregung herrschte unter den Pfleglingen des Greisenasyls. Nacht wars geworden, dunkle, sternenkose, schwüle Sommernacht und Schimele Komödiant, der älteste Pflegling des Heims war von seinem Nachmittagsausgange noch nicht zurückgekehrt, Schon beim Abendgottesdienste in der kleinen Haussynagoge war er nicht zugegen. Doch das Beten war nie seine Lieblingsbeschäftigung, umso eher vermißte man ihn beim gemeinsamen Abendbrote, da er sich stets eines guten Appetites erfreute und bei den Mahlzeiten den größten Eifer an den Tag legte. Schon manches müde Auge hatte der Schlummer geschloffen, doch die rüstigeren Männer und Frauen saßen noch im Hofe und plauderten von der guten, alten Zeit. Heute ging die Unterhaltung nicht recht von statten. Der lauteste Sprecher war nicht da und nur mühsam schleppend wand sich das Gespräch. Hier nickte schlaftrunken ein graues Haupt, dort gähnte ein zahnloser Mund, düstere Langweile senkte sich in die Gemüter. Ungebeugt und frischen Auges saß jedoch da, der munterste von allen, David Seligmann. Er, der 40 Jahre lang der jüdischen Gewölbewache in der Gaffe augehörte, war ein mächtiger Ueberwinder des Schlafes und gar oft sagte man etwas spöttisch von ihm: „Siehe, es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels". „Noßel, Noßel" sagte er zu seinem Nachbarn, indem er ihn recht sanft aus dem Halbschlummer weckte, „Noßel, komm hinaus vors Tor, laß uns sehen, wo Schimele bleibt. Er klagte schon seit längerer Zeit über Kopfweh und Schwindel, auch das Gedächtnis läßt ihn manchmal im Stiche, Gott weiß, ob ihm nicht Awas Menschliches zugestoßen sei." „Schimele ist kein heuriger Has' mehr" entgegnete Noßel, rieb sich den Schlaf aus den Augen und stand bereitwilligst auf. Ich war noch ein Kind, als man erzählte, daß er vor dem Malchuß* *) ein Stück aufgeführt habe. Er muß doch mindestens um 10 Jahre älter sein als ich." Die letzten Worte waren schon in der Hausflur gesprochen, wohin sich beide langsam begaben. In dem weiten, gewölbten Raume wiederhallte die Stimme, da und dort glitzerten im Dunkel die goldenen Lettern in den marmornen Gedenktafeln, wo in einer langen Reihe von Namen Gründer und Spender ihren irdischen, gleißenden Dank fanden. Das kleine Tor knarrte und die beiden Greise traten durch dasselbe etwas beklommen in die Nacht hinaus. Zu ihren Füßen schlängelte sich eine große Stiege, die hinunter an das tiefer gelegene Donauufer führte. Von ferne her rauschten die Wellen des Stromes und ein kühler Hauch strich ans Land. Noßel hüllte sich tiefer in seinen Rock, doch Seligmann hatte keine Angst vor der nächtlichen Kühlung. „Die Nacht ist meine Freundin, meine Wohltäterin, mein Ernährerin gewesen, sie tutmir nichts zuleide", sagte er durchdrungen von der Wahrheit seines Ausspruches. Beide lehnten sich ans eiserne Gitter der Stiege und warteten und warteten. Es war schon nach zehn gewesen, ihre Ungeduld steigerte sich von Minute zu Minute, als plötzlich das Raffeln eines Wagens vernehmbar wurde. -0 Schwachei Bescht bei Kahana: Rabbi Israel Baal Schem Tobh. S. 114. *) Der Majestät. Zwei schwebende Flämmchen näherten sich mehr und mehr und die Umriffe eines Einspänners wurden immer deutlicher. Dort vor dem düsteren Eingänge des Bersorgungshauses machte er halt. Aus dem Innern des Wagens entstieg zunächst ein Wachmann und nach diesem langsam und mühselig — Schimele Komödiant. Die beiden Freunde eilten bestürzt herbei und fanden Schimele in einem erbärmlichen Zustande. Seine Kopfbedeckung fehlte, die Kleider waren beschmutzt und zerriffen, ein kalter Schweiß rann ihm über das Gesicht, nur wirre Blicke und tiefes Stöhnen waren die unklaren Dolmetsche seines Leids, dem» sprechen wollte oder konnte er nicht. Gestützt auf die beiden Genoffen schleppte er sich mit schlotternden Knieen ins Haus hinein und sank ermattet auf eine steinerne Stufe nieder. Dort blieb er halb fitzend, halb liegend und auf die ihn bestürmenden, teilnahmsvollen Fragen antwortete er seufzend und stöhnend nichts anderes als: „Ich alter Schalksnarr!" Der Lärm lockte alle Insassen des Hauses herbei, auch der Verwalter stellte sich ein. Ihm ward seitens des Wachmannes die Mitteilung, daß der Pfründner Simon Braun alias Sebaldus Freitag, ehemaliger Schauspieler, die heutige Vorstellung im Sommertheater durch Lärmen und durch beleidigende Zwischenrufe störte. Vom Publikum widerfuhr ihm bald die verdiente Züchtigung; in der unsanftesten Weise wurde er vor die Türe gesetzt. Aufs Polizeikommissariat gebracht, wollte man ihn einem längeren Verhöre unterziehen, doch war er geistig und körperlich außerstande, Rede zu stehen. Er möge nur hier in Obhut und Pflege bleiben, bis die Angelegenheit ihre Erledigung findet. Nach dieser kurzen Meldung entfernte sich der gestrenge Hüter der öffentlichen Ordnung und Schimele schien sich von da an langsam zu erholen. Er konnte ungestützt die Treppe hinaufgehen, doch wortlos blieb er wie zuvor. Nur mit Stoßseufzern antwortete er auf die Vorwürfe des Verwalters und auf die ungestümen Fragen seiner Hausgenossen. Doch plötzlich, als er schon in der Stube angelangt war, schien es, als wenn sein Inneres mächtig bewegt wäre, unter krampfhaften Gesten, mit drohenden Fäusten schrie er wiederholt: „Lumpenpack, Stümper, Marionetten!" Den armen, alten, schläfrigen Pfleglingen wurde es angst und bange und sie verliefen sich in alle Winkel, als er plötzlich auf den Tisch sprang und mit kreischender Stimme rief: „Ihr sollt meine Kunst, bevor ich scheide, kennen lernen. Also spricht Spiegelberg: Ich will dir was ins Ohr sagen, Moor, das schon lang mit mir umgeht und du bist der Mann dazu — sauf, Bruder, sauf! — wie wärs, wenn wir^ Juden würden und das Königreich wieder aufs Tapet brächten!" „Aber sag, ist das nicht ein schlauer und herzhafter Plan? Wir lassen ein Manifest ausgehen in alle vier Enden der Welt und zitieren nach Palästina, was kein Schweinefleisch ißt. Da beweis ich nun durch triftige Dokumente, Herodes, der Vierfürst, sei mein Großahnherr gewesen und so ferner, das wird eine Viktoria abgeben, Karl, wenn sie wieder ins Trockene kommen und Jerusalem wieder aufbauen dürfen. Jetzt frisch mit den Türken aus Asien, weils Eisen noch warm ist, und Cederu .gehauen auf dem Libanon und Schiffe gebaut und geschachert mit alten Borten und Schnallen das ganze Volk." Mit krankhaftem Pathos trug er diese Stelle aus der Rolle Spiegelbergs in den „Räubern" vor und als er vollendet hatte, verneigte er sich lächelnd nach rechts und links, stieg vorsichtig vom Tische herunter und der ganze Wahn schien, auf einmal wie gelöst. „Machen wir Nacht, Kinder, rief er seiner fassungslosen Zuhörerschaft zu, entschuldigt, wenn ich euch störte, es wird ja nimmer mehr geschehen." Mit diesen sanften, nüchternen Worten gelang es ihm mit einem Schlage die bebenden Alten zu beschwichtigen, voll Zutrauen kamen sie aus chren Ecken hervor und wenn sie auch für das Borgefallene keine rechte Deutung hatten, suchten sie doch, übermannt vom Schlafe, die gewohnte Lagerstätte auf. Jockel, der in einem anderen Zimmer wohnte, wendete sich zum Abschied bei der Türe um und rief Schimele zu: „Ich weiß, was du bist, ein meschügener Zionist."