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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 831 eingeladen wurde, an Festtagen religiöse Vorträge zu halten. In Kreisen, wo man sonst studierten Leuten mißtrauisch begegnet, nannte man ihn gerne den Zadik-Doktor. Das Haus, in dem sich seine einst renommierte Advokatenkanzlei befand, war stets von Hilfsbedürftigen aller Fasson umlagert. Da sah man Schulkinder und Studenten, die Bücher brauchten oder Schulgeld bezahlen mußten. Augenleidende, denen es an einer Brille, Kranke, denen es an den nötigen Mitteln zu einem Kuraufenthalte mangelte, arme Braute, die gerne eine Ausstattung, Handwerkslehrlinge, die Kleidung und Beschuhung haben wollten, man sah unzählige Bettler, die b oß um ein Almosen kamen, neben Leuten besterer Herkunft, die nach einer Existenz Umschau hielten. Sie alle kamen zu Dr. Holzer wie zu einem Wunderdoktor und konnten sicher sein, nicht vergebens an sein weiches Herz appelliert zu hrben. Ja, ein. mal hat ihm eine arme Jüdin während des Mittaqmahles ein totes Kind gebracht, diesmal handelte es sich um die Bestreitung der Begräbniskosten. So war er denn ein ständiger Gast in den verschiedensten staatlichen und kommunalen Aemtern und Wchlfahrtsanstalten, wo er für so viele Hilfsbedürftige mit der ihm eignen Wärme eintrat. Man begegnete ihm Höherenorts meistenteils mit der größten Hochachtung und Liebenswürdigkeit, wozu nicht wenig sein überaus bescheidenes und taktvolles Auftreten beitrug. Dr. Holzer hat auch eine Reihe von Vereinen gründen helfen und sein Möglichstes zu deren Förderung beigetragen, ieiner besonderen Fürsorge erfreuten stch die Vereine zur rituellen Bespeisung armer Kranker, der Blindenverein, der Verein zur Beköstigung Armer am Sabbath u. a. So hat er unermüdlich und vielseitig gewirkt bis zum letzten Augenblicke, da ihn eine schwere Krankheit befiel, von der er nunmehr durch den Tod erlöst worden ist. Die Verleihung des Titels eines kaiserlichen Rates war der einzige Lichtblick, den ihm die Vorsehung im Laufe der mehrjährigen Leidenszeit gewährte. Dr. Holzer's Leichenbegängnis, das am 11. d. M. unter Beteiligung einer tausendköpfigen Menschenmenge stattfand, war ein lebendiger Beweis für die Popularität des Verstorbenen. Die vielen Persönlichkeiten, die erschienen waren, verschwanden in der großen Menge jener abgehärmten, elenden Gestalten, die tränenden Auges dem Sarge ihres Beschützers folgten. Unter den Anwesenden sah man den Stadtpräfidenten Cinchcinski, den Vizebürgermeister Dr. Aszkenase mit vielen Gemeinderäten, den Abgeordneten Dr. Löwenstein, den Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Dr. Ezeszer mit den Mitgliedern der Repräsentanz, das Präsidium der Advokatenkammer, Vertreter der Synagogenverwaltungen, des Spitalrates und vieler humanitärer Jnstitutronen 2C. Vom Balkon des Trauerhauses widmete Dr. Jakob Horowitz dem -Verewigten im Namen des Kultusrates warme Abschiedsworte, worauf sich der Zug unter Vorantritt der städtisch konfessionellen Schulen, der Zöglinge des jüdischen Waisenhauses und der Insassen des Siechenhanses in Bewegung setzte. Vor der Zrrmonienhalle stimmte Oberkantor Holpern mit dem Tempelchore die liturgischen Gesänge an, worauf die Rabbiner Brande, Dr. Caro und Dr. Guttmann in tiefempfundenen Worten die großen Verdienste des Verblichenen würdigten. Ehre seinem Angedenken l Jakob Bodek. Fiirauzminister Djavid Bey für den deutschen Z Sprachunterricht in jüdischen Schulen. Der türkische Finanzminister Djavid Bey empfing während seines jüngsten Aufenthaltes in Salonichi den Grand-Rabbiner Cob Meir. Minister Djavid Bey äußerte den Wunsch, daß in den jüdischen Schulen nebst der türkischen Sprache auch der deutsche Sprachunterricht gepflegt werde, da er sich im Auslande von der großen Nützlichkeit der -Kenntnis der deutschen Sprache überzeugt habe. Besonders für dis Juden von Salonichi, die heute die Vermittler des Handels zwischen der Türkei und den deutschsprechenden Staaten bilden, sei die Kenntnis der deutschen Sprache von besonderer Wichtigkeit. Der Erand-Rabbin sagte die Berücksichtigung des ministeriellen Wunsches in den jüdischen Schulen von Salonichi bereitwilligst zu. Der jüdische Postbeamte in Palästina. Nicht lange wird es mehr dauern, und das türkische Reich wird in allen seinen Provinzen ausschließlich türkische Postämter besitzen. Gegenwärtig besitzen bekanntlich die meisten Großmächte noch eigene Postämter mit eigenem Verwaltungspersonal in der Türkei. Diese verschiedenen Postämter treiben gegeneinander die größte Konkurrenz, und besonders in Jerusalem werden alle möglichen Reklamemittel in Anwendung gebracht, um die Kunden heranzuziehen, und - da in Palästina und speziell m Jerusalem, die Juden die besten Kunden der Postämter sind, so bemühen sich die einzelnen Postämter. hauptsächlich die jüdische Kundschaft zu gewinnen, indem ihren Wünschen und Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Zunächst wohl dadurch, daß die Postämter jüdische Beamte anstellen, die mit dem jüdischen Kunden sprechen, seine Adressen lesen und im Notfälle auch für ihn schreiben können. Selbst Rußland hat sich schließlich dazu bequemen müssen, in Palästina jüdische Postbeamte anzustellen, um dem Defizit der palästinensischrussischen Postverwaltung ein Ende zu bereiten. Die antisemitischen Blätter Rußlands mit der „Nowoje Wremja" an der Spitze tun wohl sehr entrüstet darüber, daß die russischen Pilger in Jerusalem sich von einem jüdischen Postbeamten bedienen lassen müssen, aber auch in Rußland weiß man den Antisemitismus zu verschlucken, wenn an den Juden ein Geschäft zu machen ist. So hat sich denn die russische Regierung trotz des antisemitischen Geschreis entschlossen, zum Leiter des Jerusalemer Postamtes und Generalinspektor der palästinensisch-russischen Postverwaltung den Juden Solomiak zu ernennen. Herr Solomiak hat die Aufgabe erhallen, die russische Post in Palästina auf dieselbe Höhe zu bringen, auf welcher sich die österreichische befindet. Die besten Geschäfte in Palästina macht die österreichische Post, die allerdings alles aufbietet, um die jüdische Kundschaft zufrieden zu stellen. Abgesehen davon, daß sie zumeist jüdische Postbeamte hat, kommt sie den jüdischen Parteien auch dadurch entgegen, daß sie alle ihre Verlautbarungen. Plakate usw. auch in hebräischer Sprache drucken läßt, daß in jedem Postamt zumindest 2—3 Angestellte sein müssen, die der hebräischen Sprache in Wort und Schrift kundig sein müssen- und daß es auch hebräisch adressierte Briefe zur Beförderung annimmt. Interessant ist, daß in jüngster Zeit auch die christlichen Postbeamten der österreichischen Post in Palästina hebräisch lernen, um dadurch leichter vorwärts zu kommen. -'!'■'! T*'r Wie im finstersten Mittelalter. In Malin (Rußland) wurde dieser Tage ein Prozeß verhandelt, dessen Einzelheiten an das finsterste Mittelalter erinnern. Angeklagt war der Gutsbesitzer Gurowski, daß er den strenggläubigen Juden Mordechai Sanz unter den schauerlichsten Foltern gezwungen habe. Schweinefleisch zu essen. Sanz kam eines Tages auf das Gut Gurowskis, Kartoffel zu kaufen. Nach Abschluß des Geschäftes lud der Gutsbesitzer Sanz und seinen christlichen Begleiter zu einem Imbiß mit einem Trunk ein. Guromski legte seinen Gästen Schweinefleisch vor. was Sanz dankend ablehnte. Hierauf befahl Gurowski dem Diener, die Türe m schließen und Sanz zu binden. Unter dem Rufe ..An den Galgen" mit den Juden, die kein Schweinefleisch essen wollen", wurde Sanz an Händen und Füßen gebunden, währmd Gurowski dem Ohnmächtigen das Schweinefleisch in dm Mund stopfte und ihn überdies mit einem Stück dm Hals so stark würgte, daß Sanz seine Sinne verlor. Hierüber erschrocken, beknbl schließlich Gurowski. „den verfluchten Juden" zu befreien. Gurowski wurde zu drei Monaten einfachen Arrest verurteilt. Schikairiernnq jüdischer Rigorosanten in Rußland. Das Ministerium des Innern hat an die Lokalpolizeibebörden ein Zirkular ergeben lasten, in welchem die Polizei ausgefordert wird, die Vorschriften über das Wohnrecht jüdischer Studenten in den Universitätsstädten außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes strenge einznhalten. Das Ministerium stellt sich aus den rabulistischen Standpunkt, daß die Studenten, welche die Universität absolviert haben und sich für die Staatsexamina vorbereiten, nicht mehr als Studenten zu betrachten seien und daher auch in den Universitätsstädten außerhalb des Anfiedlungsgebietes kein Wohnrecht besitzen, es sei denn, daß sie

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