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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 630 Nr. 38 Dr. Mochs Wochenschrift. blatt stets berichtet, es wurde „angenommen", nachdem anderseits gesagt wurde: es kam gar nicht zur näheren Erörterung. Der Tenor in der ganzen Sache geht aber dahin, daß alles Parteibrüder gemacht haben und der meritorische Teil umsoweniger beachtet wurde, als man bei jeder Gelegenheit die Parteimäuner berücksichtigte. Wie dem auch sei, hört man zu spät, daß sich so ein christlichsozialer Heroe Tag und Nacht nur um die eigene Achse drehte, und währenddem eine große Zahl der Wähler darüber nachdachte, was denn so ein. Gewählter für eine Sorge haben muß, um eine praktische Idee für seine Mitmenschen auszuarbeiteu, tat so mancher nichts anderes, als für sein Wohlbehagen zu sorgen. Bedauerlicherweise waren es auch solche Männer, welche gegen Wissenschaft, Handel usw. auftraten und überall Korruption sahen, wo ihnen der Schatten folgte. Es wäre zu wünschen, daß nicht einzelne Personen, sondern das ganze christlichsoziale System falle, damit es zum Durchbruch komme, daß man nicht der Partei, sondern dem Vaterlande dienen muß. Wien,, am 19. September 1910. Hochachtungsvoll Ein Zeitungsleser. Das Touwarenkartell gegen die jüdische» Händler Galiziens. Anläßlich der Kartellierung der sämtlichen Tonwarenfabriken Oesterreich-Ungarns hat man für Galizien, trotzdem nahezu alle Händler dieser Branche Juden find, es zustande gebracht, daß der Alleinverkauf aller dieser Fabriken für Galizien an eine christliche Händlerfirma in Krakau übertragen wurde. Die jüdischen Kunden wurden aufs Pflaster gesetzt, beziehungsweise dem „Wohlwollen" der christlichen Konkurrenzfirma ausgeliefert. Selbstverständlich bemühen sich die jüdischen Händler in Galizien, dem Joche der christlichen Konkurrenzfirma sich zu entziehen, und sie müssen ein Kartell bilden und deutsche Ware nach Galizien importieren. Schreiber dieses hat bei der Werksdirektion in Unter-Themenau durch fünfzehn Jahre Tonwaren gekauft und alles pünktlich reguliert. Zu seinem Erstaunen erfuhr er eines schönen Tages, daß er gezwungen ist, bei der christlichen Konkurrenzfirma zu kaufen. Natürlich gehorchte er nicht diesem Befehle und bezieht von Deutschland seinen Bedarf. Und was wird erreicht mit dieser mutwilligen Schädigung der jüdischen Geschäftsleute in Galizien? Das Resultat ist, daß die' jüdischen Händler in Galizien heuer etwa 100 Waggons deutscher Tonwaren nach Galizien importiert und den größten Teil davon gerade an ihre christlichen Kunden weitergegeben haben. Wir dürfen nicht verschweigen, daß bei der Werksdirektion in Unter-Themenau unsere westlichen Glaubensgenoflen hervorragend tätig find, deren Wirken sich solcherart als schädlich für ihre Stammesgenossen in Galizien und schädigend für das Geschästsunternehmen selber, dem sie nützen wollen, sich erweist. Botschafter Oskar Straus für die Opfer des Mädchenhandels. An der Aktion zur Unterdrückung des Mädchenhandels in der Türkei, dessen Opfer zumeist aus Rußland und Galizien verlockte, unerfahrene jüdische Mädchen find, nehmen, wie aus Koustautiuvpel berichtet wird, der amerikanische Botschafter Oskar Straus und dessen Gemahlin persönlich lebhaften Anteil. Abgesehen davon, daß Oskar Straus dem Großrabbiner Haim Nahum in seinen Bestrebungen, diesen unwürdigen „Weißen Sklavenhandel" zu unterdrücken und die verführten Opfer zu befreien, kräftigst unterstützt, hat sich Frau Oskar Straus an die Spitze der Bewegung gestellt, welche die Schaffung einer Mischen Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels in der Türkei bezweckt. Unter den ersten Spendern für die Zwecke der Liga figurieren Oskar Straus und Gemahlin mit der Summe von 2500 Francs. Das Interview eines jüdischen Journalisten mit Professor Ehrlich. Ein Vertreter des Warschauer jüdischen Tageblattes „Hajnt" wurde dieser Tage von dem berühmten Frankfurter Gelehrten Profeffor Dr. Ehrlich empfangen. Nach einem Hinweis daraus, daß das bakteriologische Institut, in welchem Profeffor Ehrlich arbeitet und seine aufsehenerregende Erfindung gemacht hat, eine Gründung der jüdischen Familie Speyer ist,' daß ferner der Regierungsvertreter im Institute Dr. Kahn, gleichfalls Jude ist, schildert der Korrespondent sein interessantes Gespräch wie folgt: „Es freut mich sehr — begrüßte der große Gelehrte seinen Gast — vor mir einen Vertreter einer jüdischen Zeitung zu sehen. Ich interessiere mich sehr wenig für all die nationalen und politischen Fragen. Ich bin politisch indifferent und ganz meinen Studien ergeben, ich bin aber, wie meine ganze Familie, stolz auf mein Judentum. Meinem Schwager, Dr. Weigert, wurde eine Profeffur an der Berliner Universität unter der Bedingung angeboten, daß er seine Religion verleugne. Er hat dieses Anerbieten mit Verachtung zurückgewiesen. Sie sehen — sagte der Gelehrte mit gehobener Stimme — das liegt schon in unserer Familie. In unserer Familie würde Niemand eine solche Niederträchtigkeit begehen. Wir widmen unser Leben der Wissenschaft, aber nicht der Jagd nach Titeln." Auf weitere Fragen über seine Beziehungen zum Judentum, antwortete Professor Ehrlich: „Was kann ich Ihnen darauf sngen? Ich habe hierauf wahrhaftig nichts anderes zu erwidern, als: Ich bin Jude und weiter nichts!" Der Journalist brachte hierauf das Gespräch auf das bekannte Verbot des Odessaer Bürgermeisters Tolmatschow, das Ehrlich'sche Mittel zu verwenden, weil Ehrlich Jude ist. Der Gelehrte wollte diese Ungeheuerlichkeit nicht glauben. „Gerade in den höheren und allerhöchsten Kreisen Rußlands bringt man meinem „606" sehr großes Interesse entgegen" sagte Professor Ehrlich. Eben heute war der Schwager des Kaisers von Rußland, der Prinz von Oldenburg mit dem kaiserlichen Adjutanten bei mir, um sich über meine Erfindung und die Erfolge derselben zu informieren." Budapest. Eine seltene Trauerfeier fand am 12. d. M. statt: Acht gewesene Rabbiner und Rabbinatsverweser der Pester Gemeinde wurden aus dem nun ausgelassenen alten Friedhofe auf der Waitzenerstraße exhumiert und unter imposanter Teilnahme der Gemeinde auf den neuen Friedhof überführt. Bei dem Aus- und Eingraben der irdischen Ueberreste fungierten alle fünf derzeitigen Rabbiner der Kultusgemeinde, die in beredten Worten die Verdienste ihrer Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert schilderten, unier denen sich zwei Rabbiner Wahrmann, Simon Oppenheimer, Asriel Brill und die berühmten Kanzelredner Schwab und Messel befinden. Der Vorstand der Pester Kultusgemeinde hat dieser Tage den stimmbegabten, genialen Sänger Savel Quartin zum Kantor der Tabakgasse-Synagoge gewählt. Der Neugewählte, der derzeit in St. Petersburg fungiert, erhält einen Anfangsigehalt von 15.000 Kronen. Kais. Rat Dr. Wilhelm Holzer. Lemberg, 12. September 1910. Wer je galizisches Elend mitgeschaut und mitempfunden, der wird es begreifen/ was die Lemberger Judenschaft an den vor einigen Tagen verstorbenen kais. Rat Dr. Wilhelm Holzer besessen und verloren hat. Er war einer jener seltenen Menschen, die Vielen Gutes, Niemandem Leides getan, die unberührt von der Parteien Haß und Gunst von Jedermann mit Verehrung genannt werden, die ihre Aufgabe einzig darin erblicken, unbekümmert um Spott und üble Nachrede ihren Idealen zu leben. Dr. Holzer war ein frommer' Mensch in des Wortes edelster Bedeutung. Seine iiefreligiöse Natur ließ. ihn die Schwächen seiner Mitmenschen von der mildesten Seite beurteilen, vielleicht ein Grund dafür, daß seine Güte nicht einmal mißbraucht, seine finanziellen Mittel vorzeitig erschöpft wurden. Dieses sein Wesen erwarb ihm die Liebe und Verehrung der weitesten Volks kreise, ja selbst der konservativsten Glaubensgenofien, und es mag viel heißen, daß Dr. Holzer von den Verwaltungen verschiedener orthodoxer Bethäuser wiederholt

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