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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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EUKWBga Nr 88 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 639 der ganzen Stadt zu wohnen, aber sie fühlen dazu nicht das Bedürfnis. Sie sind derart an ihr Ghetto gewöhnt, in dem sie erzogen wurden und wo bereits ihre Ahnen gewohnt haben, daß sie sich der Schande gar nicht bewußt werden, in dem engen und schmutzigen Winkel zu wohnen. Vor einigen Jahren hat die Alliance in Sidon eine gemischte Schule eröffnet. Diese Schule wird jetzt von 60 jüdischen und 12 muhamedanischen Kindern besucht. Letztere gehören den besten Ständen an. Es wird Hebräisch, Französisch, Arabisch, Türkisch und allgemeine Wissenschaft gelehrt. Im allgemeinen wird ja in den Allianzschulen dem Hebräischen nicht allzu intensive Pflege gewidmet, aber der Schulleiter in Sidon ist ein Mann, der für die Wiederbelebung des jüdischen Volkes und seiner Sprache eingenommen ist, der den Talmud versteht und gut Hebräisch kann, dem die traurige Lage seiner Glaubensbrüder sehr zu Herren geht. Nach großer Mühe ist es ihm gelungen, die Schule aus dem schmutzigen Ghetto in ein schönes Haus einer der schönsten Straßen zu verlegen, — dort mietete er auch für sich eine Wohnung. Er sollte bald Nachahmer finden und jetzt wohnen schon mehrere jüdische Familien in der Nähe der Schule. Die Kleinkind er', chule befindet sich vorläufig noch im Ghetto. Die Anfangsklasse derselben zählt 25 Schüler. Sie sitzen auf dem Boden, wie es orientalischer Brauch ist, in einem schmutzigen, finsteren Zimmer und über sie herrscht ein sefardischer Melamcd mit einem Stock in der Hand. Der Schuldirektor und einige Gemeindemitglieder haben sich an die Alliance gewandt, man solle den Unterricht erweitern und auch einen Kindergarten gründen anstatt des Cheder. Diese Bitte wurde abgeschlagen. Nun haben sich die Vorsteher mit ihrem Gesuche an die „Anglo-Palestine-Company" gewandt. Diese schickte das Gesuch weiter an das Odessaer Palestine-Komitee. Es ist zu hoffen, daß dieses Komitee im Verhältnis zu seinen materiellen Mitteln der Sidoner Gemeinde be'stehen wird, um die gewünschte Schule gründen zu können. (Straßburger Isr. Wochenschrift.) Der alijüdische Scheidungsgrass an einen Toten. .(Eingesendet.) Was von der wichtigtuerischen und unzeitgemässen Gelehrsamkeit Plonis (in der letzten Nummer dieser »Wochenschrift») zu halten ist, braucht Kundigen nicht erst gesagt zu werden. Um aber Missdeutungen zu begegnen, möchte ich das ausdrücklich feststellen, dass seine mich entschuldigende »Vermutung, ich dürfte in der Aufregung 'vergessen haben, dass man einem Verblichenen nicht sondern zurufen soll (so!), falsch ist. Ich bekenne vielmehr frei, dass ich an den von Ploni zitierten, mir wohlbekannten Ausspruche im Talmud zwar in jenem traurigen Momente gar nicht gedacht habe, dass ich aber, auch wenn es der Fall gewesen wäre, dennoch gesagt hätte, weil ich diesen Scheidegruss an einen Toten, insbesondere in dem Momente, da er zur letzten Ruhestätte gebracht wird, für den einzig richtigen und möglichen und jenen Ausspruch weder für mich, noch sonst jemanden — natürlich hindere ich auch Ploni nicht daran, für sich anderer Meinung zu sein — für massgebend halte. Damit wäre eigentlich die Sache erledigt. Da jedoch Ploni sie zur Sprache gebracht hat, will ich doch noch folgendes bemerken: Es ist irreführend und zeigt eigentlich von geringer Sachkenntnis, zu sagen, »Im Talmud Berachot heisst es ausdrücklich«, wenn es sich, wie im vorliegenden Falle um die Meinung eines einzelnen, namentlich genannten Autors und nicht um eine allgemeine Ansicht, eine Norm oder auch nur eine Sitte handelt. Nichts hat dem Talmud mehr geschadet, als die, heute gottlob veraltete, unterschied- und kritiklose Verehrung jedes rabbinischen Ausspruches und die Sucht jedes, auch das albernste (?) Wort im Talmud mit der Autorität des Talmuds zu decken. Dass zumal dem agadischen Teil gegenüber die vollste Freiheit des Urteils berechtigt ist, lehrte schon Maimonides. Man braucht nur die in Rede stehende Stelle Berachot 64a ein wenig aufmerksam zu lesen, um sich davon zu überzeugen, dass es sich um ganz müssige, man darf ruhig sagen haltlose, Augenblickseinfälle eines alten Magid handelt, über die man am besten lächelnd (!?) zur Tagesordnung übergeht. Sie lautet: »Ferner sagte R. Abin ha Lewi: »wer sich von seinem Genossen verabschiedet, sage nicht zu ihm »gehe in Frieden« f1?) sondern »gehe zum Frieden» (-r^ □ denn Jethro sprach zu Mosch »gehe zum Frieden« und dieser gelangte zur Grösse und wurde glücklich. David aber sprach zu Absalon »gehe in Frieden« und dieser ging und wurde erhängt. (Dabei hat der gute R. Abin übersehen, dass auch König Achisch zu David sagte (I Samuel 15a) und »gehe in Frieden« und dass David trotzdem, um mit R. Abin zu reden, zur Grösse gelangt, und glücklich wurde). Ferner sagte R. Abin ha Levi: »wer von einem Toten Abschied nimmt, sage nicht »gehe zum Frieden« “1^)> sondern »gehe in Frieden« (nl^2 *|^) wie es heisst und »du wirst zu deinen Vätern kommen in Frieden« (es braucht aber kaum erst gesagt zu werden, dass es au dieser Stelle nur heissen konnte in Frieden.) Ich denke, das Gesagte genügt, um zu zeigen, wie wenig verbindlich eine in so nichtiger Weise begründete Meinung, der übrigens nicht im Entferntesten die Autorität einer Vorschrift zukommt, ist, dass der von R. Abin in seinem Ausspruch konstruierte Unterschied haltlos ist und dass man ihr eine allgemeine Weisung »man soll« nicht ableiten kann. Wien, 20. September 1910. Dr. Fr. Nachschrift der Redaktion. Einer Pflicht der Loyalität zu genügen, haben wir vorstehende Zuschrift im vollen Wortlaut zum Abdruck gebracht; wir sind jedoch leider nicht in der Lage, die Ausführungen des geehrten Herrn Einsenders uns anzueignen. Die ein wenig allzu geringschätzigen Bemerkungen über die Bewertung einzelner Talmudtexte werden in weiten Kreisen Verwunderung und Befremden erregen und sie sind umso weniger angebracht als es sich in unserem Falle erar nicht um eine talmudische, sondern um eine uralte biblische Tradition han lelt. Die Formel... orb^sb kommt in der Bibel an zahllosen Stellen vor. allein immer nur in Anwendung auf lebende Personen, nie und nimmer inbezug auf tote. In Anwendung auf Verstorbene oder mit dem Tode Abgeheude wendet die Bibel stets das Wort an, I. Mose 15, 15; 1. Kön. 2, 6; II. Kön. 22, 20; II. Chron. 34, 28; Jer. 34, 5. Nie aber die Form Der Autor im Talmud (nicht bloss Ber. Hfca, sondern auch im Traktat von den überlieferten Trauerbräuchen Moed K. 29i>) konstatiert und erläutert lediglich den biblischen Sprachgebrauch, die altjüdische Tradition. Die ältesten und vornehmsten Dezisoren haben diesen Talmudtext demgemäss auch nicht als „eine wenig verbindliche, in nichtiger Weise begründete Meinung“ agadischen Charakters gewertet, sondern als allgemein traditionelle Norm; so Rabbena Chananel, Maimonides (Mischne Thora, Abschn. von Trauerbräuchen IV, 4) Ascher! und Schul ch an Aruch. Wir haben hier überdies einen interessanten und lehrreichen Beleg für den noch immer wirksamen Einfluss der hebräischen Bibel auf die deutsche Sprache. An der Bahre lautet auch der deutsche Scheidegruss nicht: „Ziehe hin zum Frieden“, sondern in voller Uebereinstimmung mit dem „guten R. Abin" im Talmud: „Ziehe hin in Frieden.“ Korrespondenzen Znrn Prozeß BieloHlawek. Geehrter Herr Redakteur! Bekauntlich kommt in der Operette „Fledermaus" (von Joh. Strauß) eine Szene vor, wo sich der Gefängnißwärter Namens Frosch benebelt und — durch das Singen eines intecnierten Sängers, sowie Damenbesuche in Ballkleidern beim Direktor — öfters ausruft: „Das ist ein fideles Gefängnis." Variierend ließe sich ähnliches sagen über die Nebenumstände im Prozesse Bielo - Hraba, wo manche Stadtväter und Lieferanten zufammenkamen, um Wein, Bier und Champagner mit Akkompagnement von Damen zu trinken, wobei er auch zu Hülle und Fülle kam, denn man sprach mitunter im Gerichtssaale davon, daß man bei diesen Zechgelagen oft gar nicht recht wußte, was geäußert wurde im Gespräche zu einander. Was aber die nächtliche Unterhaltung in Schatten stellt, ist daß beim Tag in den Sitzungen vieles^ angenommen wurde, wovon die Teilnehmer eigentlich sehr wenig in Beratung zogen; zumindest kam dies so heraus, als der Vorsitzende im Gerichtssaal frug: wieso denn das Wiener Amts-

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