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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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De. Blochs Wochenschrift. Nr. 88 hin Juden aus dem sefardischen Galüth kamen, nahmen sie'treu festhaltend die spanische Sprache mit, die fte zum Teil in älterer Gestalt bewahrten, als das in irgend einem spanischen Dialekt sonst der Fall ist. Nur daß sie die harten, dem Spanischen eigentümlichen Kehllaute erweichten und dadurch ihren spagnolischen Volksdialekten mehr Lieblichkeit und Wohllaut verliehen, als diese der spanischen Schriftsprache, dem Castellano, eigen sind. — Aber das Spagnolische wurde ihnen niemals Nationalsprache, es wurde nie zu einem Nebenbuhler des Hebräischen. Dieselben ahnenstolzen Familien, die ihren Nachkommen überlieferten, daß ihre Vorfahren in Spanien eine blühende jüdische Kultur geschaffen hatten, die ihre spanische Sprache überallhin Mitnahmen, wohin sie wanderten, ob in kleinen Scharen an dieNordseegestadr oder in groben Massen in das gastliche Türkische Reich, vergaßen niemals, daß das Hebräische die eigentliche Stammrssprache war. So lieb und traut ihnen das Spagnolische war, so daß nicht einmal die Alliance Israelite Universelle in bewußtem Strehen es mit ihren über 30 000 Schüler und Schülerinnen zählenden Schulen in fleißigen, halbhundertjährigen Arbeiten als die Familiensprache verdrängen konnte, so weisen diese selben Spagnolen es entrüstet zurück, wenn man sie als Spanier ansprechen oder sie zur Rückkehr nach Spanien bewegen will. Sie fühlen sich als Juden und erblicken mit gutem historischen Empfinden nur im Hebräischen die nationale Sprache, die in vielen ihrer Häuser wenigstens am Sabbath zu neuem Leben erwacht. Wenn jedoch aus Spanien vielleicht 300 000 Juden nach dem Osten ausgewandert sind, so hat die allergrößte, nämlich die nördliche Iudenwanderung, zwar niemals einen so plötzlichen Verlauf genommen, aber darum sind die Millionen nach Norden gewanderten Juden aus ihrem zweiten Vaterlande in Deutschland nicht minder systematisch und grausam vertrieben worden. Nur daß die Kleinstaaterei sie vor der plötzlichen und gleichzeitigen Vertreibung ein wenig schützte. Aber nahezu ein Jahrtausend waren die deutschen Juden so zahlreich wie in keinem anderen Lande, das Juden während des Mittelalters aufgenommen hat. In dieser Zeit haben sie an allen Bestrebungen des Volkes intensiven Anteil genommen, wenn sie auch dauernd nur unter sich heirateten und streng als Nation geschlossen unter sich blieben. Sie redeten dieselbe deutsche Sprache und waren viele Jahrhunderte hindurch allein der Bürgerstand. Sie hatten ihr besonderes Recht, aber dies Recht war zum mindestens kein minderes Recht. An der Entwicklung der althochdeutschen Sprache nahmen sie so Anteil, wie sie später an dem Mittelhochdeutschen beteiligt waren. Während "sie in hebräischer Sprache tiefgründige talmudische Werke schufen, haben andere deutsche Juden am deutschen Liede teilgenommen, sie vermittelten der deutschen Dichtung die französischen Stoffe, und noch der Ausgang dieser Periode hat uns kurz vor der Vertreibung der deutschen Juden, als bereits ih!r Gestirn im Untergehen begriffen war, in der Heidelberger Liederhandschrift das Bild und Gedichte eines berühmten jüdischen Sängers überliefert. Wie die persischen Juden nach Buchara die Sprache der Sassaniden in die Verbannung Mitnahmen, wie die spanischen Juden bis zum heutigen Tage ein altertümliches Spanisch als Muttersprache erhalten haben, so tragen die aus Deutschland vertriebenen und fliehenden Juden die deutsche Sprache, die sie selber „Jüdisch" nennen, nach dem Osten. Und bis vor kurzem sprach die große Masse der Juden im ehemaligen polnischen Reich, aber auch im weiten Rußland, in Rumänien und noch viel tiefer in den. Osten hinein, jenes altertümliche Deutsch, das nicht bloß durch die hebräischen Abstracto dem heutigen Deutschen schwer verständlich ist und das die verachteten „polnischen Juden" mit ihrer unglaublichen Zähigkeit nach Amerika, Australien und Afrika verpflanzt haben. Am Kap der guten Hoffnung und im innersten Afrika sprechen Juden, die aus dem deutschen (a,cyleuasijcheu) Galüth stammen, die deutsche, d. h. jüdisch-deutsche .Sprache, wie sie ebenso in japanischen Küstenorten zu hören ist. und in ganzen Stadtvierteln australischer Großstädte und im kalten Alaska vernommen wird. Die Sprache ist mit ihnen mitgewandert und zeigt vielfach noch den verschlungenen Weg, auf dem die entwurzelten Söhne des uralten Stammes flüchteten, um sich eine neue Heimat zu schaffen, einen Ort zu finden», in dem sie wieder wurzeln könnten. Aber während in Spanien heute Versuche gemacht werden, die „Spanier des Orients", die ausgetriebenen spanischen Juden auf Grund der Sprache zur Nation heranzuziehen. Versuche, die mit Recht von der stammesstolzen Nachkommenschaft dem Scheiterhaufen entronnener Juden zurückgewiesen werden, während die Spanier im Spagnolischen mit Wohlwollen ihre eigene altertümliche, aber im Klange erweichte Sprache hören, hat der Deutsche mit Einschluß des in Deutschland wohnenden Juden nur Haß und Verachtung für das Judendeutsch, das in seinem Bestände durchaus deutsch ist. Die Bezeichnungen „Mauschelei" oder „Jargon" sind der Verachtung des Dialekts und dem Hasse entsprungen, und dieser Haß ist von den christlichen Deutschen, wie so vieles an anderer Art der Assimilation auf die deutschen Juden übergegangen. Ja sogar ein großer Teil von Juden, die selbst als Muttersprache das Judendeutsch redeten und ihren Tonfall in der ausgetauschten Sprache fortwährend weiter klingen lassen, hat diesen Ausfluß des Judenhasses übernommen. Man braucht nur an die aus dem Elsaß stammenden Juden von Paris zu denken, die ihrem Haß gegen das Iudendeutsch stets kräftigen Ausdruck verleihen, aber weder in ihren Familien sich davon völlig zu trennen vermögen, noch jenen Akzent im Französischen verleugnen, den fhe „elsässisch" nennen, wenn sie von sich selber reden, der aber nicht die elsässische, sondern jüdisch-deutsche Herkunft, freilich im elsässischen Dialekt, erkennen läßt. In Deutschland ist mit Ausnahme meist kleinerer, posenscher, hessischer und elsässischer Orte im Allgemeinen das Judendeutsch einem mehr oder minder dialektischen Hochdeutsch gewichen. In Frankreich sprechen die Juden französisch und stellen sich, als ob sie kein Judendeutsch verständen. Sie sprechen es nur im engsten Familienkreise. Der herrschende Dialekt ist der elsässische. In England hat die frühere, aus Deutschland eiugewanderte Generation das Englische angenommen. Dfe Masse ist erst später eingewandert und spricht als Familiensprache jüdisch-deutsch. Aehnlich ist das Verhältnis von Englisch und Yiddish in Amerika. In Holland wird neben dem Holländischen von den Juden ein uns schwer verständliches Judendeutsch gesprochen, das in zwei Hauptmundarten sich scheidet. In den slavischen Ländern ist bisweilen Czechisch, Slovenisch, Kroatisch, Polnisch anstelle des Iüdischdeutschen in jüngster Zeit getreten, und das Verhältnis ist vielfach dasselbe oder ein ähnliches wie in Paris. Das gleiche wird durch den parallel gehenden Assimilationsversuch in Rumänien, Ungarn und vielen anderen Ländern in größerem oder kleinerem Umfange beobachtet. Der Versuch, das Türkische im Osmanischen Reiche anstelle des Spagnolischen einzuführen, der von Nationaljuden und Assimilationssüchtigen zugleich gemacht wird, hat natürlich bei beiden verschiedene Motive. Ganz bezeichnend für die Auffassung des Jüdischdeutschen als der noch herrschenden oder vorherrschenden Iudensprache ist ihre Annahme durch die russischen Proselyten (Ger!m), die zugleich mit

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