Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021912--19590-3044582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

u Serie SL6 Dr. Blocks Wochenschrift. jüdischen Advokaten stimmen werden, mag er nun Dr. Mittler oder Dr. Schwaxz-Hiller heißen? Nein, jedem jüdischen Kandidaten gegenüber werden sie entweder zu den Sozialdemokraten hinüberfallen, oder, was noch wahrscheinlicher ist, bei den Christlich-Sozialen verbleiben. Des Weiteren könnte sich der Abfall aus der oberen Schichte der Christlich-Sozialen vollziehen, aus jenen Wählern, welche zwar bis jetzt mit den Christlich- Sozialen gegangen, aber durch die letzten Vorgänge in dieser Partei kopfscheu geworden sind. Aber wenn auch Mischen den beiden Schichten sozial ein großer Unterschied besteht und sie auch bereit sein mögen, die antisemitische Partei zu verlassen, so wäre es doch eine merkwürdige Illusion, ihnen den Sprung zuzumuten, daß sie gegen ihr bisheriges antisemitisches Bekenntnis für einen Juden stimmen. Wir halten das — einige Ausnahmen mögen vorfallen — im Ganzen für ausgeschlossen. Diese Sachlage kann bedauert, aber ganz gewiß nicht bestritten werden. Sie ist mathematisch unanfechtbar. V Wir wollen in keiner Weise mißverstanden werden. Das persönliche Moment ist hier eigentlich in keiner Weise entscheidend. Wenn jene 4000 Stimmen, welche bei der letzten Wahl auf die freisinnige Kandidatur vereinigt, wurden, nun gar noch aus zwei Kandidaten aufgeteilt werden, so ist es absolut ausgeschlossen!, daß Einer von ihnen in die engere Wahl käme, selbst dann, wenn das Unmögliche einträte und sich im christlich-sozialen Lager ein Abfall zu seinen Gunsten vollzöge. Es ist nicht unsere Schuld, nicht die Schuld der Juden und der Freisinnigen, daß in diesem Wahlkampfe, wie in manchen früheren schon vom taktischen Gesichtspunkte aus die konfessionelle Frage aufgeworfen werden muß. Das ist eine der vielen traurigen Folgewirkungen, welche die antisemitische Voltsvergiftung nach sich gezogen hat und mit welchen der vernünftige Politiker zu rechnen hat. Welche Schlußfolgerung muß die jüdische Wählerschaft nun aus dieser Situation ziehen? Eine sehr einfache! Sie kann ihren maßgebenden Einfluß aufwenden, damit ein bürgerlich-freisinniger Christ gesucht und aufgestellt werde, für den auch die Juden zu stimmen in der Lage sind. Es ist aber unter den hier geschilderten Verhältnissen undenkbar, einen jüdischen Freisinnigen zu kandidieren, für den die unzufriedenen Christlich-Sozialen stimmen würden. Die unerläßliche Voraussetzung für einen solchen Kandidaten, auf welchen Christen und Juden ihre Stimmen vereinigen könnten, wäre allerdings, daß er vom „freiheitlich-sozialen Verein" und vom „Donauklub" gemeinsam aufgestellt würde und daß sowohl Dr. Schwarz-Hiller, als auch Dr. Mittler durch ihren Rücktritt die Bahn für die neue Kandidatur freimachten. Hier jedoch droht die Wahlkampagne zur Tragik komödie zu werden. Beide Vereine haben sich ohne Rücksicht auf den obersten Wahlzweck in ihre Kandidaten verbissen und statt den Antisemiten, liefern sie sich gegenseitig die mörderischesten Schlachten. Von zuverlässiger Seite erfahren wir, daß es an ausgezeichneten Männern nicht fehlt, welche sich grundsätzlich zu einer Kandidatur bereit erklärt haben, wenn die Herren Dr. M i t tler und Dr. Schwarz-Hiller von ihrer gänzlich aussichtslosen Bewerbung zurücktreten wollten. Es ist jedoch bisher nicht gelungen, diese Verzichtleistung durchzusetzen. Mag die Wahlschlacht verlor«: gehen, mögen die Antisemiten neuerdings siegen, die rivalisierenden Vereinsklüngel im „Cafe Fetzer" und im „Cafe Donau" bleiben allen Vernunftgründen unzugänglich. Aber es gibt noch ein höheres Forum als die beiden Stammtische. Wir haben einleitend gesagt, daß die jüdische Wählerschaft der Leopoldstadt vor einer ernsten Entscheidung steht. An diese Wählerschaft appellieren wir! Sie muß es den beiden zankenden Heerlagern klarmachen, daß sie nicht gewillt ist, im Angesichte des Ernstes auf ihrem Rücken kleinliche Vereinsstreitigkeiten austragen zu lassen, sie muß durch unzweideutige Willenskundgebungen die Ausstellung einer Kandidatur erzwmsen, welche den Sieg in den Bereich der Möglichkeit rückt. Mit allen zulässigen Mitteln mutz es durchgesetzt werden, daß ein einziger freisinniger Kandidat auf die Wahlstatt trete und daß die beiden bisherigen Durchfallskandidaturen verschwinden. Bleiben Mittler und Schwarz-Hiller, dann ist jede Hoffnung auf eine engere Wahl begraben. Verzichten sie, dann kann der Bezirk wiedergewonnen werden. Die Wähler selbst, die jüdischen Wähler — denn auf andere haben die beiden Herren nicht zu rechnen — mü ssen reinen Tisch machen und den Leitungen der beiden hadernden Vereine keinen Zweifel darüber lassem, daß sie ihre Stimmen im äußersten Falle lieber dem sozialdemokratischen Kandidaten z uw enden wollen, als sich einer geradezu lächerlichen Niederlage auszusetzen. Der sozialdemokratische Kandidat, der es bei der letzten Wahl auf 6.700 Stimmen brachte, bietet immerhin die Aussicht, mit Hilfe der jüdischen Stimmen in die engere.Wahl zu gelangen und bei dieser zu siegen. Wir sind keine Sozialdemokraten, aber ihre und unsere gemeinsame Losung heißt: „Nieder mit hem christlich-sozialen Antisemitismus!" Unterliegen wir aber in diesem bedeutungsvollen Kampfe, dann wird sich die jüdische Wählerschaft der Leopoldstadt gut merken, wem sie das Unheil zu verdanken hat. Die Sprache« der Jude«. Von Dr. Heinrich Loewe, königl. Biblioth. in Berlin. (Nachdruck verboten.) III. Europäische Judensprachen. Während die Judenschaft auch in ihrer Zerstreuung ursprünglich zum weitaus größten Teile im vorderen Orient und am östlichen Mittelmeerbecken gesessen hatte, verschob sich dieses Verhältnis am meisten noch durch das Aufblühen des Okzidents, an dessen kultureller Entwicklung die Juden einen nicht geringen Anteil hatten. Sie nahmen nur zum Teil die aramäische und griechische Sprache dorthin mit, vertauschten sie vielmehr sehr frühzeitig gegen die Landessprachen. Wenn sie d.em König Gunthram nach der Historia Francorenu im Jahre 585 in Orleans in hebräischer Sprache HuldigungsliHder sangen, so beweist das nichts, daß damals dort ihre Umgangssprache hebräisch oder aramäisch war. Auf der iberischen Halbinsel nahmen sie die lateinische Sprach^ an, welche die ursprünglichen Landessprachen in die entlegenen Gebirgsteile Zurückgedrängt hatte. Sie waren auch an der Umwandlung der alten römischen Vulgärsprache in das Kastilische beteiligt, und als die stammverwandten und religionsbefreundeten Araber ins Land kamen, behielten sie zu einem großen Teile die romanische Sprache bei, die sie mehr in der Poesie, als in wissenschaftlichen Arbeiten zur Geltung brachten. Sie verwuchsen so innig mit dem Spanischen als Sprache, daß . sie es beibchielten und treu bewahrten, als das Land!,. in dem sie so viel Pein erduldet hatten, so oft Christen die Herrschaft befassen, und in dem sie unter den Arabern eine so hohe Kulturblüte erlebt hatten, als dieses Land sie grausam ausstieß und für die zurückbleibenden Marannen Jahrhunderte lang die Scheiterhaufen onzündete, um alles jüdische Blut im Lande auszutilgen. Wo-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.