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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-16 · 37 (16.9.1910) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37 Seite 613 Dr. Blochs Wochenschrift. Vom Aubrmurkt des Lebens. Präsident Wolffsohn LLrr das zionistische Geschenk an Abdul Hamid. Der russisch-jüdische Publizist S. Hochberg hat dieser Tage den in einem Sanatorium in Homburg befindlichen Präsidenten der zionistischen Organisation, Herrn David Wolffsohn, besucht und mit ihm ein längeres Gespräch geführt. Aus der interessanten Unterredung, die Herr Hochberg in „Unser Leben" veröffentlicht, seien hier die wichtigsten Stellen wiedergegeben. Ueber sein Befinden befragt, sagte Herr Wolffsohn, der sehr leidend aussieht, daß es ihm nicht sehr gut gehe. Schon nach dem letzten Kongreß habe er sich sehr schwach gefühlt. In Königsberg fühlte ich mich so unwohl, daß ich ins Bett fiel. Die Aerzte konstatierten ein Herzleiden. Diese Entdeckung war für mich keine geringe Ueberraschung. ... Ich fühlte niemals etwas, was auf eine Herzschwäche hätte schließen lassen können. Scherzend fragte Herr Wolffsohn hinzu: „Man sagt mir, daß ich in allem Herzl nachtun will, jetzt sogar im Herzleiden." Von Königsberg wurde Herr Wolffsohn nach Homburg gebracht, wo die Diagnose der Königsberger Aerzte bestätigt wurde. Hier fühlte sich Herr Wolffsohn schon in den letzten Tagen so schwach, daß er seine Gattin aus Köln nach Homburg kommen ließ. Trotzdem sprach Herr Wolffsohn die Hoffnung aus, am Delegiertentag in Frankfurt a. M., wenn auch nur auf einige Stunden, erscheinen zu können. Auf die Frage, was an der Behauptung, daß das zionistische Zentralbureau Abdul Hamid ein Geschenk von 500 türkischen Pfund gemacht habe, wahr sei, antwortete Herr Wolffsohn: „Gerade gestern erhielt mein Bureau in Köln von der türkischen Botschaft in Berlin eine Anfrage, welche Bewandtnis es mit den 500 türkischen Pfund habe. Das Bureau antwortete vorläufig, daß ich von Köln abwesend sei und die Antwort nach meiner Rückkehr erfolgen weide. Was nun die Sache selbst betrifft, erzählte Herr Wolffsohn, daß seinerzeit der Goiüe neur von Jerusalem sich an die zionistische Bank in Jaffa, wie auch an alle übrigen in Jaffa etablierten Banken mit der Aufsroderung wandte, Spenden für die Hedaschas-Bahn zu zeichnen. Direktor Levontin schrieb mir hierüber und schlug por, die Summe von 500 türkischen Pfund zu bewilligen, wie es damals die „Credit Lyonnais" und andere Banken bereits getan halten. Zu jener Zeit stand ich zum gewesenen Sultan persönlich in sehr nahen Beziehungen, und so habe ich die Summe anstatt an den Gouverneur von Jerusalem, im Wege des Leibsekretärs des Sultans, an den Sultan selbst geschickt. Einige Wochen später brach in Konstantinopel die Revolution aus, und der Check wurde nicht eingelöst. Jetzt wurde unter den Dokumenten des abgesetzten Sultans der Check gefunden und wurde bei unserer Bank zum Inkasso präsentiert. Direktor Levontin verweigerte jedoch die Auszahlung mit der Begründung, daß der Check schon längst abgelaufen sei. Das ist eigentlich der Grund, weshalb sich die Iungtürken im Wege der Botschaft um Aufklärung an uns gewendet haben." Wird der Check honoriert werden? „Das pieiß ich noch nicht. Das werden wir erst sehen." Herr Wolffsohn teilte ferner mit, daß die Statuten der „Ottomanischen jüdischen Gesellschaft" in Konstantinopel genehmigt wurden. Das sei von weittragender Bedeutung. Ueber das Verhalten der Jungtürken zum Zionismus äußerte sich Herr Wolffsohn wie folgt: „Ich weiß nicht, was man von den Iungtürken haben will. Sie find selbst verwirrt und haben noch genug mit sich selbst zu tun. Sie sehen ja, daß die Iungtürken seit Einführung der Konstitution eigentlich noch nicht ein Gesetz durchgeführt haben. Man kann nicht behaupten, daß sie gegen den Zionismus seien: man hat vorläufig noch kein Recht, sich über sie zu beklagen, wie es noch keinen gibt, über den man sich beklagen konnte. Die Verhältnisse werden sich ändern, sobald die Gesetze im Parlamente durchgeführt sein werden." Herr Wolffsohn kam dann auf die jüdische Presse zu sprechen und äußerte seine Freude über die Rolle, die die jüdische Presse jetzt in Rußland spielt. Uebier die jüdische Presse im allgemeinen meinte schließlich Herr Wolffsohn: „Ich muß der Wahrheit gemäß konstatieren. daß nicht alle jüdischen Blätter die Wahrheit schreiben und über den letzten Kongreß imrichtiae Berichte gegeben haben. Ich habe nichts gegen die Zeitungen. die über meine Person herfallen, nur sollen sie objektiv sein. Mögen sie kritisieren, wie viel immer, nur die Wahrheit schreiben. Mein heiliger Wunsch ist, daß die jüdische Presse nicht auf einer niedereren Stufe stehe, wie die übrigen europäischen Zeitungen. Wir haben leider noch keine Journalisten. Besonders vorsichtig sollten die jüdischen Blätter sein, wenn es sich um jüdische Interessen handelt. Der Werdegang Professor Ehrlichs. Wie er die Forschertätigkeit begann. — Die ersten Heilversuche. — Unglaubliche Findigkeit. — Eine neuartige Methode. — Die neue biologische En td e ck u n g. In einem hochinteressanten Artikel in der „Umschau" (Frankfurt a. M. Wochenschrift für die Fortschritte in Wissenschaft und Technik) erzählt Professor Bechhold das schrittweise Werden Ehrlichs, des berühmten Entdeckers des phänomenalen Syphilisheilmittels. Anknüpfend an Weigerts Theorie, daß es möglich sei, die Gewebe des Organismus durch Färbung in ihre Bestandteile zu differenzieren, begann Ehrlich seine Forschertätigkeit. Er färbte und färbte Die rot, grün und blau verschmutzten Arbeitsplätze des jungen Forschers, die gar nicht mehr zu säubern waren, sollen bei den Direktoren der betreffenden Institute wie bei den Laboratoriumsdienern recht gemischte Gefühle erweckt haben; schrieb doch damals ein bekannter Physiologe an einen ihm befreundeten Gelehrten: »Die Spuren des Fleißes von Herrn Ehrlich find unverwüstlich." Nach vielen Experimenten kam der erste große geistige Schritt: er sagte sich, so wie bestimmte Zellen und Zellelemente bestimmte Farbstoffe in sich speichern, so müssen sie auch Gifte in sich aufnehmen können, die ihren Tod herbeiführen. So hatte die Färbung der Gewebe in dem Forscher ganz neue Ideen über die Wirkung der Gifte geweckt, aus denen er nun die Konsequenzen zog. Er sagte sich: wenn ein Infektionserreger, ein Bazillus oder Protozoon in den Organismus eingedrungen ist. fich vermehrt und seinen unheilvollen Kampf beginnt, so müßte es möglich sein, ihn zu vernichten, wenn es nur gelänge, ein Gift zu finden, dessen Verteilung so günstig ist, daß es möglichst ausschließlich sich in dem Infektionserreger speichert, während nur ein geringer Anteil auf den befallenen Organismus, das Tier oder den Menschen, entfällt. Ja es müßte, so war der Gedankengang des Forschers, sogar möglich sein. Stoffe zu finden, die für das Tier, den Menschen ungiftig sind, die „spezifisch" den Infektionserreger treffen. Nun begann Ehrlich mit seinen Heilversuchen. Er spritzte weißen Mäusen Tausende und Abertausende der verschiedenen Stoffe ein. Dabei zeigte er in der Wahl eine besondere Vorliebe für Farbstoffe. ..Die Auffindung neuer Arzneien geht über die Farbstoffe", hat mir Ehrlich oft wiederholt. Dabei zeigte der Forscher eine unglaubliche Findigkeit in dem Aufstöbern immer neuer Farbstoffe. Er ist einer der besten Kenner unserer Farbstoffpatentliteratur. Das ist um so staunenswerter, als Ehrlich doch Mediziner ist. Als Chemiker ist er vollkommener Autodidakt; allerdings so wie Zeppelin Autodidakt im Luftschiffbau ist. Er hat sich eine ganz eigenartige Methodik zurechtgemacht; ohne Wage, ohne Meßgefäße kombiniert, erfindet er neu: Farbstoffe, die er in Reagensröhrchen herstellt, in Reagensröhrchen prüft und ihre Eigenschaften studiert. In seinem Laboratorium stehen Tausende von Gläschen mit Chemikalien, unter denen nur er sich zurechtfindet. Als einmal einer seiner Schüler Ordnung in dieses Chaos gebracht und die Gläschen systematisch rangiert hatte, mußte Ehrlich seine Tätigkeit zu seinem großen Aerger eine Zeitlang unterbrechen, da er sich absolut nicht mehr zurechtfand, bis die nötige Unordnung wiederhergestellt war. Man kann auch nicht behaupten, daß der Raum im übrigen ein peinlich akkurates Gemüt befriedigte; die Farben machen sich an Tischen, Stühlen und auf dem Fußboden bemerkbar, und besonders die Wände, sowie die Türfüllungen sind mit Zeichen und chemischen Formeln bedeckt. Der Forscher liebt es nämlich, wenn ihm etwas einfällt oder er es erklärt,

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