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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-16 · 37 (16.9.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 612 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 37 ruhelos fliehenden Judenvolkes. Während im Westen das .Christentum mit seinem siegreichen Vordringen die Unterdrückung des Judenmmes weiter trug, sah vie morgenländische Judenheit, so weit fte. nrcyt unter Dyzanz' unduldsamer Herrschaft war. Glück uno Unglück gemischt. In Arabien mutzten freie Judenstämme sich tapser und ehrenvoll neben oen stammverwandten Beduinensrämmen zu behaupten. Ihre Helden kämpfen mit Pen Beduinen Seite an Seite und gegen sie. Ihre Dichter vesingen ebenso ihre Streiter, uno ihre Kämpfe m arabischer Dichtung wie die Nachkommen der stammverwandten Ureinwohner.. In Persien saßen seit den Zeiten „jenes Achaschwerosch, der von Indien bis Aethiopien herrschte'^ zahlreiche Juden und nahmen die persische und medrscye Sprache an. Aus der. Anklage, die Haman gegen die Juden im persischen Reiche erhebt, dürfte indirekt hervorgehen, datz sie sich nur durch ihr Gesetz, nicht durch ihre Sprache unter der übrigen Bevölkerung auffällig machten. Als in späterer sassanidischer Zeit, die durch ihre freundlichen und feindlichen Berührungen mit dem byzantinischen Christentum fanatisch gewordenen Perser die jüdische Bevölkerung aus religrösen Gründen unterdrückten und blutig bekämpften, wandelte der grötzte Teil der. Juden gezwungen aus. Die Länder, nach denen sie sich wandten, waren vor allem Westchina, Turan und Me Kaukasusländer. Sie brachten dorthin die iranische Sprache mit. Es hat sehr lange gedauert, bis das Persische als Verkehrs- und Synagogensprache der chinesischen Juden erlosch. Die nach dem. nördlichen Turan ausgewanderteu Juden, deren Nachkommen die heutigen bucharischen Juden sind, ein an Bildung und Gesittung besonders hochstehender Volksstamm, bewahrten die mittelpersische Sprache, das Pehlewi der Sassanidenzeit, und erhielten in ihrem allmählich entstandenen Judenpersisch außerordentlich viel altes persisches Sprachgut, das sonst verloren gegangen ist. Die Juden aus dem nordwestlichen 'Medien waren grotzenteils in kaukasische Länder gezogen. -Im Süden schlossen sie sich der jüdischen Landbevölkerung an, die grusinisch sprach, während die armenisch sprechende Judenschaft sehr früh in die Armenier völlig aufging. Die nördlicher wohnenden Juden bewahrten die medische Mundart des Iranischen, und ihre Nachkommen, die Bergjuden, sprechen sie bis auf den heutigen Tag. Diese Sprache heißt Tat. Nicht lange nach der Auswanderung und Austreibung der persischen Juden fiel das morsch gewordene Sassanidenxeich durch die stürmende Hand jugendkräftiger Araber, und die Nachkommen eifernder Zendleute mußten, wenn sie nicht den Islam annehmen wollten, den Wanderstab ihrerseits ergreifen und in Indien eine neue Heimat suchen. Die Ironie der Geschichte will es, daß diese von ihrem Vaterlande getrennten Jranier ebenfalls ihre Sprache auf einem sehr alten Standpunkte erhalten haben und daß die judenpersische Sprache mit der Sprache der gendgläubigen Parsen noch heute die allergrößte Aehnlichkeit hat. In der judenpersischen Sprache, die für die bucharischen Juden allmählich den Charakter einer nationalen Mundart einnahm, die sie von ihrer anderssprachigen Umgebung unterschied und noch unterscheidet, ist eine eigene jüdische Literatur entstanden, und das Jüdenpersisch hat für diesen Teil der Juden den Charakter einer bedingten Nationalsprache angenommen. Der Dialekt, der sie sprachlich von ihrer Umgebung unterschied und schied, der von ihnen als spezifische Judensprache angesehen wird, hat zu ihrer stammestümlichen Erhaltung für das Judenvolk sehr viel beigetragen. Nur vermochte er nicht das Hebräische zu ersetzen und hat auch niemals einen solchen Anspruch auch nur im engen Rahmen erhoben. Er war der Volksdialekt, die besondere jüdische Umgangssprache, die sogar eine populäre, besonders religiöse Litteratur schuf, blieb aber neben dem Hebräischen stets nur der nebenberechtigte Volksdialekt. : , ' : : J Bon der Persischen Litteratur chinesischer Juden scheint wenig oder gar nichts bekannt zu sein. Ebenso hat das Tat keine besondere Judenlitteratur, aber dafür ein eigenartiges jüdisches Milieu geschaffen, das für die jüdische Volkskunde deshalb von besonderem Interesse (ist, weil es so viel persisches und kaukasisches Stammes gut in Sage und Anschauung, Volksbrauch und Sitte ausgenommen hat, wie es bei wenigen Teilen der Judenschaft ebenso sehr, und mehr wohl nur bei den abyssinischen Juden der Fall ist. Die in Persien noch heute wohnenden Juden, die unter den muhammedanischschi'itischen Herrschern eine sonst im Islam nur in Marokko beobachtete Unduldsamkeit zu ertragen haben, haben die neupersische Sprache angenommen, die sich unter dem Einfluß des Koran und der arabischen Kultur gebildet hat. Es ist nicht bekannt, daß sie einen besonderen persischen Dialekt reden, wenn es auch weder unmöglich noch unwahrscheinlich ist, daß sich in ihrer Abgeschlossenheit vom Gesamtvolke dialektische Eigenarten gebildet haben. Der siegreiche Islam bedeutete für die Juden jm Gebiete des Mittelmeerbeckens die Befreiung von dem Joche und der Unterdrückung, die besonders das griechische Christentum ihnen hatte zuteil werden lassen. Trotz der Vernichtung und Austreibung arabisch-jüdischer Stämme aus der arabischen Halbinsel beginnt erst mit. der Herrschaft des Islam ein wirkliches arabisches Judentum. Das endlose Reich der Chalifen wurde den Juden des Orients bis nach dem in den Orient hineinbezogenen Spanien eine neue Heimat, eine Heimat im Sinne der Sicherheit und wirtschaftlichen Eristenz, der politischen und menschlichen Rechte, eine Heimat vor allem auch in der geistigen Sphäre. In keiner Sprache hat die Judenheit .sich 'dem hebräisch-semitischen Geiste je so nahe gefühlt, wie in den gleichfalls semitischen Sprachen, dem Aramäischen und dem Arabischen. An keiner nichtjüdischen Kultur hat das Judenvolk, das sich doch überall schöpferisch und weitertragend an den fremden Kulturen fleißig beteiligt hat, so großen Anteil wie an der großen, räumlich ausgedehnten und geistig so hochstehenden arabischen Kulturwell. Was aber am wertvollsten ist, war, daß sie es nicht nötig hatten, zu heucheln, daß sie Araber wären. Sie kamen auch nicht in Versuchung, sich zu arabisieren, sondern als Juden beteiligten sie sich an der Schaffung, Verbreitung und Verbreiterung dieses Kulturmilieus. Während sie sich in hervorragender Weise am arabischen Schrifttum, am politischen und Kulturleben der Araber in jeder Weise beteiligten und als gleichwertige Mitbewerber angesehen wurden, schufen sie eine neue hebräische Poesie und Wissenschaft und ließen eine Blüte des alten Schrifttums erwachsen, die zwar nicht die Höhe der altklassischen Litteratur des Hebraismus erreichte, aber hinter keiner anderen nationalen Litteratur zurückstand. Das hinderte nicht, daß sogar das bedeutendste Geisteswerk des hervorragendsten aller arabischen Juden, der „Führer der Verirrten", des Maimonides zuerst arabisch erschien und später ins Hebräische übertragen wurde. Auch eine eigene arabisch-jüdische Mundart bildete sich, die noch heute in mehreren Abkömmlingen lebt, ohne datz je die arabischen Juden zu empfinden hatten, daß sie nicht für gleichwertig von ihren arabischen Nachbarn angesehen wurden. So wurde ihnen das Arabische für Jahrhunderte die geistige Heimat, die zugleich der ursprünglichen hebräischen Heimat aufs allerengste benachbart war und blieb. (Fortsetzung folgt.)

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