Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-16 · 37 (16.9.1910) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021911--19574-3044565
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Sk. 37 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 611 den Schranken fallen, die ffe früher überall ans sich c llein anwiescn " da weiß diese rührige Minderheit gleichwohl die Mehrtieit der alteingesessenen Bewohner mit ihrer Eigenart zu durchsetzen, einen bestimmenden Einfluß auf deren Einrichtungen, ihre Tätigkeit, ihre Gewohnheiten auszuüben. Diese Beobachtung, die in allen Ländern und ganz besonders auch in Deutschland gemacht worden ist, mag auch heute noch verschiedene Staaten Europas davon abhalten, den Juden die rückhaltlose Gastfreundschaft entgegen zu bringen, die man vom allgemein menschlichen Standpunkt aus vielleicht erwarten sollte. So hatte Schweden bis 1776 seine Grenzen grundsätzlich gegen die Juden völlig geschloffen und erst damals gestattete es ihnen, sich in Stockholm und drei anderen Städten niederzulaffen. Seit 1855 wurde dann auch besseren Juden hie und da das Bürgerrecht als besondere Auszeichnung verliehen. Norwegen wurde den Juden erst ganz vor kurzem geöffnet. Aus Rußland wurden sie 1743 vertrieben, aber unter Katharina II. begann ihre Rückkehr. Dort ist nun ihr Geschick ein äußerst wechselvolle? geblieben bis auf den heutigen Tag. und die allerneueste Zeit ist sogar wieder Zeugin offener und blutiger Verfolgungen gewesen, die zu den humanen Anschauungen der Gegenwart in der Tat in grellstem Widerspruche stehen. Die-menschenfreundlichen Absichten Alexanders des Zweiten sind längst vergessen. Das ruffische Beamtentum setzte dies.n schon zu Lebzeiten Alexanders einen passiven Widerstand entgegen, und heute stehen die Juden dort rechtloser da, denn je zuvor." _ Die Sprachen der Inden. Von Dr. Heinrich Loewe, köargl. Btbliolh. m Berlin. (Nachdruck verboten.) II. Die Sprachender Fremde. Während der östliche Teil der Judenheit nach der ersten Zerstörung Jerusalems in Babylonien und dem nördlichen Teile des alten Landes Israel mehr und mehr in der aramäischen Sprache eine neue geistige Heimat fand, hatte sich ein anderer ebenfalls se!> beträchtlicher Teil der Juden nach Aegypten gewendet und besonders in Untecägypten eine Heimat gefunden. Dieses Land war nach kurzer Zeit unter dieselve persische Herrschaft wie Babylonien gekommen, und aus kürzlich aufgefundenen Dokumenten sehen wir, daß auch in Oberägypten Juden und Samaritaner sich sässig gemacht und Synagogen gebaut hatten. Die Streitigkeiten zwischen ihnen führten zu einer amtlichen Korrespondenz, die zum Teil erhalten und wiederaufgefunden ist. Sie ist in aramäischer Sprache gehalten. Das ist kein Beweis, daß die ägyptischen oder auch nur die Juden in Theben aramäisch als Umgangssprache benützten, da das Aramäische zu dieser Zeit die Amtssprache des persischen Reiches für die nichtiranischen Völker war. Es bleibe daher dahingestellt, ob und wie weit die ägyptischen Juden in der Perserzeit die ägyptische Sprache angenommen oder das Hebräische beibehalten hatten. Für den Gottesdienst und die heiligen Bücher blieb das Hebräische jedenfalls alleinherrschend. Als das persische Reich zerstört und von dem Sieger an dem Ausfluß des Nil jene große Handelsstadt angelegt wurde, die seinen Namen trägt, hat Alerander der Makedonier auch sehr zahlreiche Juden in Alerandria angesiedelt. Unter seinen Nachfolgern hat sich dann besonders in Aegypten die Judenschaft mit außerordentlich großem Eifer der von ihm und den Diadochen gepflegten griechischen Kultur hingegeben, und die alerandrinische Epoche hat ihren besonderen Charakter nicht zum wenigsten der starken Beteiligung der Juden an der alerandrinisch-griechischen Gesellschaft zu verdanken. In verhältnismäßig kurzer Zeit lernten die Juden die griechische Sprache zu meistern und nahmen die griechischen Charakteristika an, so daß hier zum ersten Male ein Judentum entstand, das äußerlich alle Merkmale der Assimilation an die Umgebung aufwies und doch noch Judentum blieb. Alexandria ist die Geburtsstätte der jüdischen Religionsgemeinschaft, während es bis dahin nur eine hebräische Stammesgemeinschaft mit ihrer spezifischen Kultur, die wir Judentum nennen, gegeben hatte. In ganz kurzer Zeit gehörten die Juden zu den ersten Meistern griechischer Poesie und Prosa. Sie waren so griechisch, daß sie bewußt oder unbewußt zu jener Assimilationsperiode im Lande Israel den Anlaß gaben, die in ihrer Rückwirkung die Gründe zu der makkabäischen Erhebung schuf. Die Juden in Alexandrien schlossen sich so sehr dem umgebenden Griechentum an, daß sie von dem Judentum nur die überlieferte religiöse Lehre behielten, die sie sich aber dahin zurechtlegten, daß sie das ^-tammestümliche hinter den abstrakten Ideen der Religion in den Hintergrund treten ließen. Ihre Philosophen, — der bedeutendste Philo, — bemühen sich, die Identität des Judentums mit dem Griechentum nachzuweisen, um sich zu entschuldigen, daß sie nicht völlig das Judentum abstreiften, wie es konsequentere jüdische Assimilanten wirklich taten, während sie andererseits doch wieder die größere Würde des Judentums darlegen wollten. Ihre Assimilation, die so weit ging, daß sie die Thoravorlesung in den Synagogen durch griechische Uebersetzungen teils verständlich machen, teils ersetzen mußten, ließ aber zweierlei entstehen, was sie beides weder beabsichtigten, noch voraussahen. Alerandrien wurde erstmals der Entstehungsort des ersten Antisemitismus. Er war wie immer die selbstverständliche, nur den Juden nicht verständliche Reaktion auf ihre krankhaften Bemühungen, nur die Religion beizubehalten, sonst aber in der Umgebung national zu verschwinden. Eine solche Unnatur vertragt auf die Dauer kein Volk. Die Griechen empfanden die ehrliche Sucht der Juden, sich zu assimilieren, als eine innere Unwahrheit, während sie bei den Karrieremachern, die auch die Religion, die ihnen unbequem war, abstreiften, die wirkliche Heuchelei nicht sahen. Aber es ist kein Zufall, daß der Neffe des großen jüdisch-alexandrinischen Religionsphilosophen, der vergrischte Jude Tiberius Alexander, der römische Feldherr und Statthalter ist, der den Antisemitismus der Griechen in die blutige Tat umsetzt. Außer dem Antisemitismus aber entstand aus der Angleichung an das Griechentum noch eine andere unbeabsichtigte und unwillkommene Sache, nämlich eine spezifische griechisch-jüdische Mundart. Sie unterschied sich im Allgemeinen mehr durch den Tonfall und einzelne Wörter, als durch wirkliche Lautverschiebung, machte aber gerade durch diese feinen Unterschiede sich um so mehr bemerkbar und gehaßt, als die Juden selbst natürlich glaubten, dialektfreies, alexandrinisches Griechisch zu sprechen. Jedenfalls hat es damals zum ersten Male wie im Osten verschiedene Arten Judenaramäisch, so hier ein Judengriechisch gegeben. Das alerandrinische Judentum hat das Ende Alexandrias nicht erlebt. Bald nach Jerusalems Fall wurde die alerandrinische Judenschaft von der umgebenden Bevölkerung vernichtet, der sie sich in jeder Weise angepaßt, an deren Kulturblüte und hoher Zivilisation sie am meisten mitgeschafft hatte. Das griechisch sprechende Juda verschwand dort, und andere griechische Juden wurden die Opfer byzantinisch-griechischer Verfolgungssucht, die den Antisemitismus aus dem Altertum in das Mittelalter hinüberrettete und sie dem mittelalterlichen Christentum und seinen Nachfolgern in verbesserter und vermehrter Auflage überlieferte. Inzwischen war das Iudenvolk zum unfreiwilligen Wanderer geworden und die herrschende Kirchenlehre machte es zum Glaubenssatz, daß das Volk, von dem ihr Heil gekommen war. dazu verdammt sei', heimat- und rechtlos zu wandern, bis daß der von ihm verworfene Messias zum zweiten Male käme, um seine Herrschaft, das tausendjährige Reich, auf Erden aufzurichten. So wurde die Legendengestalt des „Ewigen Juden" geschaffen, ein Sinnblld des verfolgten und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.