Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite Mö : Dr. Blöchs Moch^schttft> 7 ^ro7 Alljährlich ist in Charkow em sehr bedeutender Ma: kt. namentlich für Felle, der immer eine zahlreiche jüdische Kundschaft anzieht. Jm'Iahre 1909 wurde den Israeliten, Käufern wie Verkäufern, der Zutritt verboten. Das Börfenkomitee van Charkow und die bedeutendsten Handelsfirmen der Provinz wurden wegen des ihnen hieraus erwachsenen Schadens vorstellig. Sie richteten an die Regierung eine Petition, in der sie darlegten, daß der örtliche Handel der schwersten Gefahr ausgesetzt sei, wenn die Maßnahmen gegen die Juden ferner aufrecht erhalten würden. Ähnliche Vorschriften wurden im Laufe des Jahres 1909 über den zeitweiligen Aufenthalt von Juden in den Kurorten oder in den Sommerfrischen gewisser Gouvernements erlassen. Den Villenbesitzern in den Dörfern des Gouvernements Kiew, Witebsk, Dwinsk wurde untersagt, ffür die Sommerzeit ihre Grundstücke an Juden zu vermieten, die picku im ganzen Reiche Wohnrecht hoben. Die hierdurch um einen wesentlichen Teil ihrer gewohnten Klientel gebrachten Grundbesitzer protestierten vergeblich gegen den Schaden, den man ihnen durch solche Maßnahmen bereite. In Rußland sind die Juden eine Klasse von Eingeborenen, die, außerhalb der Gerechtigkeit gestellt, keinen Schutz findet gegen die Aeußerungen einer im alten Herkommen und in der Gewohnheit wurzelnden Abneigung und Geringschätzung. Das Beamtentum geht in dieser Weise voran. So verkittet sich von unten herauf und von oben herab die Abneigung, das durch das Gesetz hervorgerufene Gefühl der Superiorität auf der einen, das Gefühl unverdienter Erniedrigung auf der anderen Seite mit der sozialen Stellung. Beide entfalten sich aufwärts durch alle bürgerlichen Verhältnisse und begründen eine gegenseitige Entfremdung. Wie man die jüdische Jugend drangsaliert, darüber wird neuestens berichtet: Schon seit sehr langer Zeit dürfen bekanntlich laut einem Zirkular des Ministeriums in allen russischen Staatsschulen, sowohl Hoch-, wie Mittelschulen, Juden nur in einem gewissen Prozentsatz (etwa 3-4 Prozent aller Studierenden) angenommen werden. Um das Jahr 1905, als der Schrei nach Gleichberechtigung aller Bürger so laut erscholl, daß er sogar in die vermoderten Kanzleien des Ministeriums drang, wurden eine zeitlang Juden in den Universitäten ohne jede Beschränkung ausgenommen. Bald jedoch besann sich das Ministerium wieder und Pellte die Einschränkung wieder her. Da der angegebene Prozentsatz für die Juden Rußlands, unter denen das Streben nach Bildung bekanntlich viel größer ist, als in der kernrusslschen Bevölkerung, verschwindend gering war und nur einigen Auserwählten den Besuch von Schulen ermöglichte, so halfen sich die Juden, so gut sie konnten, durch Gründung von jüdischen Privatgymnafien. 1903 wurde das erste jüdische Gymnasium in Odessa eröffnet; 1906 erfolgte die Gründung jüdischer Gymnasien in Petersburg, Wilna, Hömel und Riga und einer Realschule in Minsk. Das Ministerium der Volksbildung setzte im Anfang der Gründung und Tätigkeit dieser Gymnasien gar keine Schwierigkiten in den Weg. Erst im Frühjahr dieses Jahres erwachten in ihm Bedenken. Zunächst erhielten alle Kuratorien der russischen Lehrbezirke eine Anfrage, wie es um die jüdischen Schulen stehe. Und obwohl die Auskünfte sehr günstig waren, erließ am 10. Juli d. I. Minister Schwarz ein Zirkular, in dem festgesetzt wurde, daß von nun an nicht nur in den Staats-, sondern auch in allen Privatschulen, selbst in den jüdischen, die nur für Juden gegründet sind, die Juden nur in dem erwähnten beschränkten Prozentsatz ausgenommen werden dürfen. Den jüdischen Schulen selbst aber wird durch dieses plötzliche und gänzlich unerwartete Verbot ihre ganze Existenz untergraben. lieber 2000 jüdische Kinder wurden in diesen Schulen erzogen. Die Mühe, die Arbeit, das Kapital, das an diese Schule« verwandt worden ist, alles geht verloren. Dazu kommt, daß in allen diesen Schulen schon im Mai dieses Jahres, als noch niemand von den Maßregeln des Ministeriums etwas ahnte, Aufnahmeprüfungen stattfanden, so daß die schon aufgenommenen Kinder jetzt, kurz vor Beginn des Unterrichtes gar nicht die Möglichkeit haben, in einer anderen Schule anzukommen, da dort alle Vakanzen für Juden längst besetzt sind. Als charakteristisches Beispiel für den Kurs des Ministers Schwarz sei nach der ..Frkftr. Ztg." noch ein anderer Fall erwähnt. Von der juristischen Fakultät der Petersburger Universität wurde ein begabter junger Mensch nach dem Staatsexamen zur ferneren Ausbildung an dieser Universität belassen. Der Minister versagte seine Bestätigung, weil der Betreffende ein Jude war. Die glänzenden Zeugnisse der Universitätsproftssoren waren dem Minister ganz gleichgültig. Bemerkt muß werden, daß es für Personen, die eine Universität absolviert haben, weder nach dem Gesetze, noch nach den Zirkularen des Ministeriums irgend eine Beschränkung für ihre weitere wiffenschrftliche Ausbildung gibt, aber W llkür kennt eben keine Grenzen.' Im Kampfe gegen die Juden ist für die russische Regierung, wie man sieht, jedes Mittel gut und durch den Zweck geheiligt. Es gehört zu den in bürgerlichen Kreisen besonders weit verbreiteten Legenden, Zar Nikolaus II. sei ein willenloses Werkzeug in den Händen der Hofkamarilla und habe nichts gemein mit den Greueltaten, die täglich in seinem Namen vollbracht werden. Jetzt beim Zarenbesuch geben sich selbst liberale westeuropäische Blätter Mühe, diese Legende neu aufzufrischen und den Zaren als ein «Opfer der ihn umdringenden und verwirrenden Einflüsse anzusehen". Die „Franks. Ztg." tritt dem Versuche schroff entgegen, die Formen der internationalen Höflichkeit gegenüber dem Zarenpaar, mit ethischen Inhalt zu erfüllen; sie schreibt: „Der Zar ist der verantwortliche Träger des russischen Regierungssystems, das wir als eines der lasterhaftesten und verabscheuungsw.rrdigsten nicht nur unserer Zeit, sondern aller Zeiten erkennen. Die Blutströme, die seit Jahren um der Freiheit willen im Reiche des Zaren fließen, haben jedes Zutrauen ausgelöscht, das ein Volk in die Leitung eines anderen Volkes setzen kann, und es bleibt nur übrig ein tiefes und starkes Mitleid für geknechtete Brüder und die Hoffnung, daß auch ihnen bessere Tage kommen werden. Und ein Land, in dem der Gesandte der Vereinigten Staaten von Nordamerika, eines arbeitsamen und kulturfrohen Landes, weil er jüdischer Abkunft ist, einer besonderen Aufenthaltserlaubnis bedarf, kann nicht beanspruchen, von anderen Nationen, in denen barbarische Vorurteile längst gesetzlich beseitigt sind, als gleichwertig behandelt zu werden. Es ist deswegen einer westeuropäischen Nation unwürdig, einem Träger des russischen Regierungssy'tems die Honneurs der Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts ^u erweisen. Es ist Sache der Geschichte, den persönlichen Anteil Nikolaus' II. an der überaus traurigen Zeit seiner Negierung festzustellen. Für uns Zeitgenossen ist sein Name eine blutige Flamme, die wir auf weiten Leichenfeldern lasten sehen! Die Staatskunst, oder was man so nennt, läßt sich durch solche Urteile und Gefühle, die aus der Ethik geboren sind, nicht beeinflussen. Wir verstehen dies aus der geschichtlichen Entwicklung der Beziehungen zwischen den Völkern, die ehedem nur die Beziehungen zwischen Kabinetten und Dynastien waren. Diese alten Vorstellungen leben noch in unsere Zeit hinein, wo die Völkersympathien nicht mehr aus den Berechnungen der Diplomatie völlig ausgeschaltet werden können. Die politischen Beziehungen des Deutschen Reiches zu Rußland stehen noch unter dem Einfluß der preußischen Tradition und des Verhältnisses der Hohenzollern zu den Romanows, das in den Zeiten der heiligen Allianz fast den Charakter preußischen Vasallentums getragen hatte. Diese Zeiten sind vorbei, und außer dem Bestreben, mit Rußland in den Formen eines friedlichen und ungestörten Handels und Wandels zu leben, liegt für den Deutschen und für Deutschland kein Grund vor, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen!" Zu dem Kapitel „Russische Judenverfolgungen" sagt der christlich-othodoxe „Reichsbote" in Berlin: „Die Geschichte der Juden ist eine Geschichte der Verfolgungen, das steht unbestreitbar fest, und man kann diese Geschichte nicht ohne tiefes Erbarmen, nicht ohne Abscheu vor den unmenschlichen Grausamkeiten lesen, die dies Volk immer wieder und unter allen Himmelsstrichen zu erdulden gehabt hat. Andererseits muß auch die unverwüstjiche Zähigkeit unsere Aufmerksamkeit erregen, mit der das Judentum all diese ausgesprochenen Vernichtungskäwpfe überdauert und, über ' die ganze Welt verstreut, ihre Eigenart bewahrt hat. Andere Volksarten auseinandergerissen und verstreut, sind in ihren Ueberresten schon nach wenigen Generationen vom Erdboden verschwunden, vollständig aufg-'gangen in den Volksstämmen, unter denen sie-eine neue Heimat fanden, wo aber die Juden heimisch werden, wo die alten erniedrigen-